Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 21 (1893) · p. Seite 81

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
21 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 81 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492351-8722848-5962274--2157-5375999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

"fintier ueigte er par sehr»« Hypochoudrie. — nahm er stch -vor, nie «ehr in die Kreise seiner Tochter zn «len und seine» -gesunden Gleichmut an ihrem krankhaften Trotz »» verliere». »Wozu auch?• sagte er sich. «Im Grunde ifi sie bald mündig und selbstständig genug, um für sich riuzuftehm. Und begeht sie dann einen oder den andern Rechaungdfehler, so wird eben Ihr eigene» Lebentzerempel nicht stimmen. Bia» kann ich dafür und wer dürfte mich da verantwortlich nachen tz" Und nachdem er dermaßen seine Zweifel lwschwichtigt, begab er stch mit wiedererlangter guter Laune in'» Speisezimmer, wo er» trotz de» Magenübel», au einem reichlichen Frühstück j sich labte und beim Glas« Wein seiner Emilie da» eben Er- > lebt« zum Besten gab. j (Fortsetzung folgt.) } Ifitßilfttr. X.in W. Silb«rsi»i»»Breslau. Odio geceris kumani convlcti. (Tacitu«, ^lvval« XV. 54.) Nicht umsonst habe ich die inhaltschweren Worte de» rSmifcheu Geschichtsschreiber» al» Text meiner Arluit gewühlt: ich will ihnen ein besiere« Schicksal bereiten, wie ei bi»hrr von ver- .schiedenen Seite» geschehen ist, und sie in ihrrin wahren Lichte erscheinen lassen. So unscheiubar sie auch immer sein mögen, waren sie doch von jeher vielen ein Stein dei- Anstöße», und noch jetzt stolpert so mancher tüchtige Kopf darüb:r. Wa» würden 'diese dafür geben, wenn sie überhaupt nicht, oder doch wenigsten« in ihrem Sinne gesagt wären! Ader ein unüberlegte» Wort ist bald gesagt, und »Tod und Leben liegt in der Gewalt der Zpnge" und der Feder, denn da» Geschehen! kann nun einmal nicht mehr vngeschehen gemacht werden, Eia mit Patho» gesprochene» Wort elektristrt die Menge, und ruft ihren leichterworbenen Beifall hervor, der sich rbenso rasch in sein Äegentheil umwandeln kann. Wer erinnert sich hier nicht an di« b:kannteu Worte; .und Brutu« ist eia edreuvoller Mann," welck« Autoniu» »um Lobe de« Brutu» zu sagen schien, aber er wollle nur sein Publikum damit gewinnen, und al» er e» in de, Schlinge hatte, und die Leich« Cäsar» fortgrtrageu wurde, sagte er zu sich selbst: »nun wirk e» fori. Unheil du bist im Zuge. Nimm welchen Lauf du willst." Wenn auch nicht ganz so, aber doch wer Igsten» sehr ähnlich, war da» Auftreten de» ehemaligen Hofprediger» Stöcker im deutschen Reichstage. *) Ganz wie ,»fällig gebrauchte er die obigen Worte de« Tacitn«, al» bezöger sie sich auf die Juden, und sie zündeten. Sie wurden freudig von seinen Anhängern al» etwa» ganz Wichtige» begrüßt: laß schon vor fast zwei tausend Jahren rin berühmter römiscier Historiker die Juden „für ein de« allgemeinen Renschenhaffev überwiesene» Volk" erklärt«. Doch wunderbar! anstatt sich auf da» Origjual zu beziehen, zieht e» der gelehrte Herr vor sich ins einen Dritten -zu stützen, »ad hält un« ein Bild vor, da» ganz etwa» Andere» darstellr» sollte. Solch« Ding« find ab.-r nicht ne», nnd Stöcker ist auch nicht der erst« von denen, Irle e» meisterhaft verstehen, irgend einen AnSfprnch so zn drehe» «ad z» weaden, daß er geradr in sein Segenrheil umgrwa«d:lt wird. Nicht» ist leichter al» de», besonder» auf religösem Gebiete, und Shakespeare hat so umecht nicht, wenn er bin Kaufmann von Venedig sagen läßt: .Der Teufel kann di« heilige Schrift zu seine« Zwecke anführe». * Mommsen.anf den sich Stöcker ia sener Rede bezieht, »wist entschitdea diese Anlehnung au seire Aatorttät all» falsch z»rück, und behauptet mit Recht, daß sich die fraglich« Stell« nicht aus dieIuden, sondern ans die ishriste» bezieh«. Doch heißt e* ausdrücklich in seiner Geschichte von Rom •■*):— „von dem geringschätzigen Spott de» Horatiu» gegen hM aufdringlich«» Juden au« dem römischen Ghetto ist eia Mb ter Schritt von dem feierlichen Groll, «elchea Tacltu» hegt gegen diese» Abschaum de» Menschengeschlecht».- Wer von diesen beiden Herren recht hat, ist nicht so schw» zu entsch-Iden, aber c» ist doch bester, den Tacitu» selbst s» hören, wa» er überhaupt für eine Meinung von Christen «ätz Juden hat. An der vorerwähnten Stelle sagt er bezüglich dw große» FeuerSbrunst in Rom: .Um diesem Gerede ei» Ende;» machet^ gab Nero denen, die durch Schandthaten rerhaßt, da» Volt Christen nannte, die Schuld» und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Ihren Namen haben sie von Christ«», der unter der Regierung de» Tiberiu» vom Prokura»»,- Pontiwll Pilatu« hingerichtet worden ist» nnd der für de» llngendltck unterdrückte verderblich« Aberglaube brach nicht nur in Judäa, de« Baterlande diese« Unwesen», sondern auch in Rom. wo von alle« Seiten alle nur denkbare Greuel und Abscheulichkeiten zusamoeuliesen und Anhang finden, wieder au». Zuerst wurden solch« ergriffen, welch« bekannte», al-dann aus deren Anzeige ein« »»gehen« Menge nicht sowohl der Brandstiftung al» de» allgemein«,«. Menschenbaffe» überwiesen — oäi»gen«rt»dn«a»l convicti — *) und bei ihrem Tod« wurdr noch Spott mit ihnen getrieben, daß sie, bedeckt mit Felle» milder Thier«, zerriffe» von den Hunden sterben, oder an» Kreuz grscrlagrn un> zum Feuertod« bestimmt, wenn sich der Tag geneigt, zur nächtlichen Erleuchtung stch verbrennen lassen mußten." Wir können e» nunmehr getrost den streckende» Partei«« überlassen» ihre widersvrechend« Meinungen au«zugleichen; für mich giebt e» hier nicht die geringsten Zweifel darüber» beide unrecht haben, so wie e« für aiich eine aurgem uhte LachK ist, daß unter den von Tacitu» beschriebenen Opfern, »»« welchen sich auch die Apostel Paulu» und Prtru i befntckall haben sollen, nur Christen, und nicht Juden gemeint stütz. könnte höchsten» noch zu Gunsten der Letzteren daräu» schließen. daß nicht sic Christ»» an» Kreuz geschlagen, da wi sehen, Hm. die Kreuzigung keine jüdische, sondern eine römisch: r»de»ft«ll war, und Christ»» von Pilam» gerichtet worden ist. Aber auch besonderer Liebe für di« Juden hat da» unser GewihrssuuG krinerwegcL gesagt» n>ch wir werden später sehen» biß er Jud' und Christ gleich lieb hatte, dab er beiden gegei über sekE Pflicht al« Geschichtsforscher keincswege» nachgekowmen, un» daß er nur nach Hörensagen geschrieben haben kann, — eh»h sich zu überzeugen; wenn er nicht abfi htlich di« Wahrh« entstellt hat, wie e» ja auch in unsere Tag; von Andern ab» schiebt. Daß unser Argwohn nicht so ganz unbegründet ist, ,A sehen wir schon au» dem Brief, seine» Zeitgenoffen W» Freunde» Pliaiu» de» Jüngern, an den »oetsrn und mtgM Trajan, den er um Rath bittet, wie er mi: diesen Ua^kiU. gen, — so nennt er die Christen - umzugeheu Hab«, da st» ' verfo'gt und gehetzt würden, eia Opfer dieser grarsame» folgungen werden, und wenn sie standhaft bei seinem Gl, blieben. Er berichtet ferner über dieselben: d<>ß sie vor anbruch aufslrheu und sich versammeln, um Hymnen zum Gotte» »der Christi zu fingen, und verpflichten sich kein Unrecht zu thun, keiucn Diebstahl. k«iue veruutr, oder Ehebruch zu begehe», daß sie ihr Vers,,reche» halte», ein gegebene» Pfand de« Verpfänder nicht »-orenthaltcu »ach diesem pflege» st« stch gewöhnlich zu einem gemist lichen Male zu versammeln. Dich kann auch er sich enthalten zu sagen: daß sich dieser Abergliiub« nicht de» Städten, sonder» anch in Dörfrr« tz»ie eine e Krankheit verbreite, und drückt zugleich die hoffüuug de« Einhalt arthan und Abhülfe geschafft wo Dies« Auffaffuug eine» Heide», der j, •) «ach H. 6<ki«n Mrt kiifn «attrarf, aa» m ligUa darch dtoßa <Haf4Maaa de» Warta» .Äi •) «■ 18. Kebraar U»3.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.