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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 20 (1893) · p. Seite 76

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
20 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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„06 Hugo Müller ja olier nicht die Eignung zu einer idealen Ehe besitzt, daß möchte ich hier uneröttett lafsen, awh handelt e« sich gar nicht tamm, da ich vorläufig überhaustt nicht Neigung verspüre, mick> in unauflösliche Band« ettischnüren zu lasten." Emilie sah st« mit groß,» Augen verwundert an. „Also ledig möchtest Du bleiben? Und weshalb diel» wenn man fragen darf?" Elaudine schwieg zögern!). ES widerstrebte ihr dnrchau*, dieser oberflächlichen Neugierde den Inhalt ihre« grübelnden Denken« preiSzugcbe«. Andererseits wünschte sie ihrem Bater ohne direkte Begegnung ihre Ansichten kund zu thun und wußte, daß di« Vermittlung durch diese« Medium genau von statten gehe« würde. So begann sie schwankenden!one«: „Eigentlich könnte ich doch erwidern, daß die« eine ganz individuelle Empfindung ist, zu deren Darlegung ich nicht im Geringsten verpflichtet bin. Zudeß möchte ich Dir doch meine Meinung über diesen Punkt mittheilen, zur gefälligen Weiterbeförderung an mein«» Bater, um in Zukunft vor ähnlichen, nicht sehr erbaulicken Auseinandersetzungen geschützt zu sein." Und während Emilie i» Erwartung einer intereffanteu Enthüllung sich behaglich zucechtrückte, fuhr Elaudiue mit zu Boden gesenktem Blick« fort: „Du findest meine Meinung zur Ehelosigkeit sonderbar, vielleicht lächerlich und sehr Biele werden aus Deinem Standpuntte stehen. Wollte ich Denen die FreihettSliebe als Grund hierfür angeben, die jede Verbindung. weiche stritte Pflicht» beobachtung ersordett, wie jede RücksichtSnahm« auf einen Zweiten al« lästigen Zwang nachtet, so würden sie denselben nicht gelten lassen. Denn mit Recht würden sie einwenden, daß nicht bloß das eheliche, fanden» jede« Zusammenleben mit seinem Nächsten einen bestimmten Grad von Selbstverleugnnng und ein Aufgebe» seiner Individualität vorauäsetzt, soll dies Zusammenleben nicht sich und Anderen zur Bern werden. Und dem verwandtschaftliche» Berhältniß fehlt überdies noch, könnten sie hinzufügeu, «ne fthr wichtige Borbedingung de« Behagen«, die Frerheit der Wahl, di« in der Ehe wohl al» unerläßlicher Faktor geheischt wird. „Sjhui ist c« aber ei« eigen Ding um dies« Freiheit, di« in gewissen Fällen nur «ne adsttactt Verstandesform ohne wesentlichen Inhalt, also nicht« al« tönende Phrase ist. Dft ganz« Verschiedenheit der blutSvenvaudtschaftluheu und ehe» eichen Beziehungen beruht im Grund« auf einer Wortver» ftpurg: Dott ermangeln wir der Freiheit vor Eontrahirung «« Vertrage«, hier »a ch Limtrahirung destelben. Wir folgen beim Eingehen verwaudtschnfLicher Beziehungen dem Gebot j&tc Rothwendiqkeit, au« octen mitunter unsanften Umklammerung wir un« nicht zu erlösen vermöge«; wir tragen manchmal eine Rosenkrtte, manchmal ein« eiserne, in'« Fleisch schneidende Fessel, in beiden Fälle» ein Fatum, de« jeder der in'« Lebe« tritt, anheinisällt und gegen da» anzukämvfen purer Wahnsinn wäre. Nicht also btt der Ehe. Hier unterliegen wir keinem Fatum, sondern unsaem eigenen, miß- (eiteten, au« den verschiedensten Elementen gebildeten Willen. Hat man aber den Muth, diesem Willen eine andere Richtung und «in andere« Ziel zu geben, hat man die Seelenstärke, gegen Herkommen, leidige Lonoenienz und die unverständigen Dutaft der öffeutticheu Mnnung, die über un« zu Geruht sitzt, ohne sich doch einen Pfifferling um unser Wohl und Weh zu kümmern, frei ftin zu wollen, jo ist man ft« und hat die Herrschaft über sich »langt in Gegenwatt und Zukunft." Emilie hatte anfangs mit gespannter Neugierde, daun mit erlöschendem Interesse, ein leise« Gähnen mühsam unterdrückend, zugehört, al« sie merkte, daß e« sich »»kein« persönlich^ sondern um ei« rein sachliche Eröffnung handle. vt sprang sie, de« Zwange« miwe, etteichtett auf. „We-halb fallt« man aber," rief sie heit», „dieft Baude abstreife« wollen? Wa« hat Dich nur, in der» bältnißwäßig jungen Jahren, zu solch erbitterter Männerfeindin gemacht?" „Skj bin durchaus (eine Männerfeindin." «ntgegnete Elandim ernst. „Sie folgen ihrer ureigenen Natur und können nicht« dafür, wenn sie find, wa« sie sind: Despot«^ die ihre usurpitt« Machtstellung mißbrauchen und wenn nicht da« Fleisch, so den Geist ihrer Opfer tödten. Und ebenso müssen die Frauen ihr» Eigenart gemäß, zu demüthigen Sklavinnen, zu armseligen Geschöpft» sich Herabdrücken lasten, die geduldig, ja ohue Bewußtsein ihrer Niedrigkeit, die Bürde tragen, »i« ihnen auferlegt wird." Enilie lachte hell auf. „0," rief sie belustigt, „fthe ich so sklavisch, geknechtet, gedemüthigt au«'?" Tluudiue verschmähte e«, auf dieft leichtftttige Wendung de« Bespräche« einzugehen. Die Unmöglichkeit einer Berständigung einseheud, und ob der Lächerlichkeit, ein« solche erzwing«« zu wollen, über sich selbst geärgert, stand sie aus und sagte in gereizterem Tone al« bi« nun: „E« fruchtet nicht«, mit wetteren Auseinandersetzungen d« Zet zu vergeuden. Theile, bitte, mnnem Bater mit, daß ich eine Veränderung vorläufig nicht herbeiwünsche; ob die« je der Fall ftin wird. — nun da« soll di? Zukunft lehren." „E« zwingt Dich auch Niemand zu dieser oder zu irgend welcher Heirath." Und mit diesen banalen Worte« verließ Emilie, der die Lnft etwa« schwül geworden war, da« Zimmer. — Allein gelassen setzte sich Elaudine vor den brennenden Kamin, auf chr LftbliugSplätzchen und starrte glübelnd in dft prasselnde Ulamme. Ihren unftrbrocheneu Gedankengang wieder aufnehmend, sagft sie sich: „Stein, ich haffc sie nicht, dft Männer; — ich haste nur d«! Institution der Ehe, dft eine wideneatürliche Erscheinung im Leben der Eulturvölker ist. Weil sie auf Unfreiheit gegründtt ist, kann sie dem vorwärtsdrängenden Geiste der Zett nicht Stand halft» und müßft eigentlich al« aniiquitte <Seftllschaft«form abgeschüttelt werden. Hervorgegangen au« dem Bedürfmß de« Einzelnen nach gesetztmäßiger Bereinigung. nach gemeinsamer Nutzung de« gesondett Erworbenen, diente sie wohl Anfang» — wer wollte da« leugnen — al« heilsanieSAntidot (Gegengift) gegen diebrutalenForderunge» de« gewaltchätige» Ächthum«. Der EgoiSmu« erspelt eine legal« Erweiterung in der Selbstsucht zu Zweftr. Der erste Kreis, in den der tastende Menschengeist au« sich selbst herauStrate war gezoae«; dft Familienbilduug war der Eckstein, der späten^ staatllchea Organisation, der Grundpfeiler de« zu errtchbmde« Gebäude« und somü ein Lulturfaktor von der höchsten Bedeutung. Doch wie man da« Gerüste entfernt, wenn der Bau fertig ist, wie man der Stufen entrathen kann, wenn man de« Gipfel erreicht hat, so müßft eine Jnstii ltion, dft bei der gegenwärtigen GttstrSentwickluug nicht nur al« überflüssig, sondern gewissermaßen al« schädlich sich erweis, wft ein veraltete« Rüstzeug über Bord geworfen werden. Die Menschhett steckt nicht mehr in den Kinderschuhen, sie hat den Kreuzgang »ach Golgatha hinter sich und hat «tt Blut und Thräuen ihre Reife erkauft. Und nun, da sie den langen, mühselige» Weg durch dft verschiedenen EntwicktungSphasen vom Ich zur Familie, von dreftr zur Ratio», von der Ration zum Staaft und vom Staaft zum Universum »urückgelegt hat, nun, da sie auf der Höhe de« Gedanken« frei sich bewegt, da sollte sie wieder hinabgezertt »nd «u dft rostige Fessel Neinlicher Rücksichten und Borurtheile ' geschrnedtt werden? Rein und abermal« min I" Bon innerer Erregung «hoben stand sie auf und langsam auf und ab wandelnd sann sie weiter: ,06 solche Anschauungen von allgemeiner Gültigkeit sind, ob et zeitgemäß wä«, jqzt schon in Lours zu setzen, is I 1 0 schwer zu entscheiden. aber einer sich findet, der L

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