Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 19 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»Wohl la« ich mit großem Jntrreffe die ir Galle getauchten, doch stet« geistreichen Tiraden de« v »glücklichen Denker« und stand zu Ansaug, wie wahrscheinlich jeder Leser, unter den Zauber diese» dämonischen Geisten, doch" — »Ein« Wandlung also/ murmelte Hugo Müller, sich abermal« di« feuchte Stirn trocknend. »Und nun ist sie hin, die schöne Zeit, die ich ganz nutzlos an diese orrzwacsten Schatteken vergeudet habe ' Elaudine'« Ernst konnte vor diesem weinerlich-komischen VerzweiflungStoa nicht stand halten; sie lachte KL auf. Hugo Müller sah sie verblüfft an und lachte kann etwabesangen mit. »I« Grunde ist e« besser so/ sagte er kleinlaut, »denn ich fühlt« mich nie recht behaglich, «twa wie in einem neuen ^kleide, bei der trübseligen Philosophie, deren Vertreter ich war, und die «ich de« Hochgenuflr« Ihre« melodisäen Lachen« beraubt Hütte. Ach, wenn Ei« wüßten. Fräulein Elaudine/ fuhr er etwa« lebhafter sott, »wie schön Sie sind, wenn Sie lachen. E« ist al« ob ein Heller Lichtst« hl auf ein wunderschöner, in Schatten gehaltene« Gemälde ftle.- Er hielt erschrocken inne; Elaudine hatte sich stirn» runzelnd erhoben. Wer gab ihm ein Recht, sie bei iihrcm Vornamen zu nennen, bei diesem Ramen, der sie an ihre olympische Höhe, mn ih«« Jsolirschemmel mahnte und de» in ihr schlummernden, -geistigen Hochmuth zu Zeiten wachricf Und «r hatte e« noch überdie« gewagt, ihr Eomplimente zu machen, triviale, gewöhnliche, wie ein poetisch-angehauchter Commi» sie etwa -einer Ladcnmasell, die ih«n Schiller noch nicht ganz vergesien, austischen dürste. »Sie wollen schon fort?" siüstette er beklommen. Er empfand ein unbestimmte« Schuldbewnßtsrin, da« seine Verlegenheit und Schüchternheit noch steigerte. »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich mich zurückziehe. Ich bin etwa« ermüdet; überdies wird meine Gegen» waick entbehrlich fein, da c« jetzt an heiterer Unterhaltung nid>t fehle» wird.* Sie deutete mit leichter Kopsneigung auf ihre eben einttetcnde Stiefmutter und verließ >«n Salon. Emilie sah ihr einen Augenblick forschend »aih und ein Wilkchea deSUnmutheS flog über ihr sonnige« Anilitz. Doch bald verschwand der leise Schatten, sie winkte Hugo Müller Lu sich heran und flüsterte ihm heittr zu: »Tragen Sie doch nicht eine so klägliche Armensündermieue zur Schau, wie ein von seinem Vorgesetzten abge» kanzelter Subalttrnbeamte. Waren Sie so unglücklich, da» Mißfallen Ihrer unnahbaren Göttin zu erregen? Nun deshalb brauchen Sie noch nicht in Heller Verzweiflung Ihr ohnehin gelichtetes Haar aus Ihrem verehnrn Haupt zu raufen. Wen« die Festung auch schwer zu erstüimrn, un- «inrehmbar wird sie vielleicht doch nicht sein, und an HülfStruppen soll es Ihnen auch nicht mangeln, wen» Sie zum Angriff blasen.- Sie reichte ihm mit einem verbindlichen Lächeln die Hand» die er in überquellender Rührung au seine Lippen preßte und im Salon »der Intimen" flüsterte »»in sich zu, daß die reizende Emilie einen neuen Triumph, einen Besiegten mehr auf der langen Liste schon vorhandener zu verzeichnen habe. (Fori,, solgt.) Zwei Theater im Ghetto von Hlew-PorK. Bon Ernst v. Hesse-Wartegg. I. Eine« Samstag« Nachmittags durch die Bowery von Mew-Aork dem Hafen zuschnitrnd, sah ich vor )cm Hause Rr. 104 zahl«ich« Menschen versammelt, die Einlaß begehrten: nicht Leute, wie man sie in der neuen Welt zu sehen gewohnt ist — sondern wie sie die Sttaßer von Lewberg, Brody, Warschau, Wilna, Brrst-Litowski bevölkern, ^"änner mit dichtem schwarz:» Kopfhaar und langen Bärten; manche trugen schwarz« fadenscheinige Tala« und eigen« thümliche russisch-polnische Mützen, unter denen au den Sertea lange Locke« hervorqnollen. Weiber mit hübschen Gesichtern, umrahmt von flachgekämmtem glänzenden Haar, bunte Tücher um die Schultern geworfen; zahlreich« Kinder, Knaben und Mädchen, die sich lärmend-und schreiend zwischen den «rwachsrnrn umherdrängten und in einem Kauderwälsch fremd» attiger Sprachen, vielfach vermocht mit deutschen Wöttern, schwatzten. Auf großen Tafeln neben der Eingangspforte befanden sich Anzeigen, die ich leider nicht lesen konnte, denn sie waren in — hebräischen Lettern. Ich frage einen der Umstehenden in englischer Sprache nach dem Inhalt dieser Anzeigen. Er zucktt die Achseln, als verstünde er mich nicht. Ich wiederholte nun die Frage in deutscher Sprache. In einem Gemenge von Deutsch und Polnisch antwottett er mir nun, die Vorstellung im Roumaoia Oper» Hona» würde gleich beginnen, und die Leute wattettn auf die Kaffeneröffnung. Wa« denn gespielt würde? »Sulamita*, eine sehr schöne Oper, komponirt von Herrn Goldfaden — eine lange Oper von fünf Asten und äluett über vier Stunden. Die Goldstein, di« berühmte Sängerin Äoldstein, würde die Snlamita und der Herr Schöngold würde den Adfchalom fingen. Die Handlung sei sehr spannend, denn der' Herr Lateiner, der schon so viele Stücke versaßt, hätte sie geschrieben. Ob denn Jedermann die Oper besuchen könne? Jeder, der bezahlt. Die ersten Plätze koste» einen Dollar, die letzttn 25 Cent». Der Leser wird bereitcrrathen haben, daß ich mich vor einem jüdischen Theater befand. Ich bezahl«« meinen Dollar und trat ein. Die Meng:, welche allmählich alle Sitze in allen Räumen de« Theater» füllte, sah mich verwundett an, denn ich war der einzige Besucher in moderner amerikanischer Kleidung. Die Arwesenden waren sämmtlich Israeliten der ärmeren Klaffe», hauptsächlich auS dem großen Ghetto von Ncwyork, da« sich westlich von dem East River bi» an die Bowery Hinziel,t und mehrere Dutzend Straßengeviette umfaßt Zwischen 30» und 40,000 Israeliten, zumeist aus Polen, Rußland und Rumänien stammend, wohnen dott, eine Stadt für fit» bildend, in ärmlichen Verhältnisse». Selten dringen siear» diesem Ghetto in die amerikanischen Stadttheile, und so haben sie auch dort die loealeo Eigeathümlichkeitcn der polnischen und rumänischen Städte, au» denen sie stammen, ziemlich rein erhalten. Lebensweise, Sitten, Handel und Wand«!, ja die Kleidung sind dott ähnlich wie in unserem Osten, ur d dasselbe Gepräge zeigte auch da» Opernhaus, in welchem ih mich befand. Niemals habe ich in einem Theater größere Lebhaftigkeit, größeren Lärm wahrgenommrn. Alle Anroesendm plünderten mit einander, aßen Früchte, Würste und Küche i; die Kinder tummelten sicd schreiend zwischen den Sitzbänk.'n umher und bewarfen sich mit Papierbällcn. Eine erdrückende Atmosphäre herrschte in dem schlecht erleuchteten, überfüllten Saale. Bon den zahlreichen israelitischen Bewohnern Nev- Aorts, welche den besseren Ständen angehören, sah ich keinen einzigen, ja, wie ich später erfuhr, haben Biele von ihnen von der Existenz diesejüdischen Opernhauses keine Ahnung. Der Theateizettel, den ich am Eingänge erhalten hatte, war ein großes Blatt, dessen vier Seiten vollständig mit Anzeigen in hebräischen Lettern bedeckt waren. Nur die Ueberschrift „Ronwania Opera Hooae“ und die Rollenbesetzung >oar neben der hebräischen auch in englischer Schrist zu lesen. Wie merkwürdig erscheint die« in einem Lande, wo die englische Sprache fast alleinherrschend ist, und roch dazu in der größten Stadt diese- Landes, in einer der '»erkehrreichsten Hauptstraßen! Ich hatte nur wenige Schritte gethan, und war auS der neuen Welt in die alte, au» Rrwyork nach Polen gerathen!