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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 19 (1893) · p. Seite 72

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
19 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
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„DoS könnte zu jeder jjeit nur erwünscht sein. Doch wo denjenigen finden, der ihren etwasteifen Nacken unter daS Joch beugte?" .Der Mann ist schon gesunde»," fiel sie ihm lebhaft in's Wort, »obgleich ich gestehe« muß, daß die Hand zur Auflegung des Joches vielleicht etwas zu schlaff ist". .Wen möchtest Du eigentlich in'» Netz locken, mein kleiner Petra»?" frag ihr Satte belustigt. .Himmel, auch die» ist Deiner Kurzsichtigkeit entgangen", rief sie die Händzusammerschlagend, .daß der Hugo Müller, der blonde Jüngling, Claudia« anbetet, allerdings nur au» andächtiger Ferne und scheu geseutten Blickes". Und sie copirte mit unnachahmlicher Komik Blick und Bewegung des schüchternen Jüngling». Döch ihr Satte war zum Scherz nicht mehr gestimmt. .In der Thal," sagte er nachdenklich, .der einzige Sohn des Großhändlers Müller wäre schon der Beachtung werth. Sollte seine Lieb« so blind sei«, um auch die geringe Mitgift zu übersehen, so gebe ich sofort meinen Segen zu dieser Verbindung." .Um den handelt es sich gerade", rief sie spöttisch; .so weit sind wir noch lange nicht. Vorerst haben wir es mit dem voraussichtlichen Widerstreben Claudia«'», dann auch mtt der Zaghaftigkeit des inuthlosen Freier» zu thun, dencn beiden man, jedem in seiner Weise, begegnen muß. Doch Lberlaffe nur mir die diplomatische Leitung der Angelegenheit und zerstöre mein Werk nicht durch voreiliges Eingreift it, so hoffe ich es zu einem guten Ende zu führen." „Dein Wille geschehe, mein Liebchen, und gelingt cs Deinen zarten Händen, diese Knoten kunstreich zu schürzen, so sollst Du — so sollst Du zur Hochzeit die eleganteste Toilette bekommen und die Schönste unter dm Schönen sein." „Pfui, wie prosaisch," sagte sie unwillig den Kopf schüttelnd; dann die Lippen zum Kuffe spitzend, fügte sie leise httizu: „Aus echten CrSme-Spitzen, vielleicht auf immergrünem Seidengrund? Und aus dem Atelier der Madame Moris muß dies Wunderwerk hervorgehen." Dann schlüpfte sie vergnügt aus dem Gemach. Während dieses Zwiegespräches in Arthur's Arbeit-, ziminer, hatte Claudine im Salon eine zeitlang der seichten Plauderei der Gäste gelauscht; dann flüchtete sie, gelangwrlt von der sie umgebenden Flachheit, in ein« Fensternische und blätterte zerstteut in einem auf dem Marmortischchen liegenden Album. Ta schlug ein gedämpfter Ton an ihr Ohr und ausblickend erkannte sie den blonden, schüchternen Hugo Müller, der offenbar die Absicht verrieth, ein Gespräch anzuknüpfen, nur nicht recht zu wissen schien, wie es einzuleiten. Er erröthete, hüstelte verlegen in die vorgehaltene Handfläche und frug dann plötzlich sehr laut und im docirmden Tone, wie etwa ein Lehrer, der vom Katheder herab seine Schüler anredct: „Also, sie lieben, wie eS scheint, die Kunst, mein Fräulein?" — Claudine unterdrückte ein Lächeln. „Die Kunst? Welche Kunst? Meinen Sie die bildende, singende, tanzend« oder die Kunst zn gefallen, die am schwersten zu erlangen sein soll?" Hugo Müller warf ihr einen ängstlichen Seitenblick zu. Es lag etwas in ihrer Sprache und in dem Tonfall ihrer Stimme, das mit der Vorstellung, die er sich von ihr gebildet, nicht recht im Einklang zu bringen war. Dennoch fuhr er, seine ganze Kraft zusammenraffend, fort: „Ich meine die große Kunst, die Kunst schlechtweg, gleich» viel in welcher Geftalt und Form sie sich dem gläubigen Menschengciste offenbart." .Ich glaube, der Begriff ist etwas zu weit gefaßt; in engere Grenzen gebannt ließe sich eher von einer Lieb«, einer Vorliebe für diese oder jene Kunstgattung sprechen. Meinen Sie nicht auch?" .Wenn Sie irgend eine der einzelnen Künste hervorheben wollen, ^das dürfen Sie, dazu haben Sie ein Recht, mein Fräulein. Di« sind aber nur Strahlenbrechungen, ein fturiger Funken:^gcn au» einer gemeinsamen Lichtquelle und drese Lichtquelle, der I'ooa» so zu sagen, ist dft Kunst an sich." — Er wischt« sich di« Schweißperlen von der heißen Stirn. — „Die Kunst, mein Fräulein, die uns Erlösung bringen soll, ans — aus —" „Nun, aus welchem Zustand soll sie uns eigentlich erlösen, roenn nicht au» dem irdischen Jammerthal überhaupt von dem die Poeten singen?" frag sie innerlich belustigt. „Erlösung soll sie uns bringen aus dem Elend dieses eng umfriedeten Dasein», Vernichtung de» Willen» zu« Leben mit seinem eklen Äesolge von Selbstsucht, Zerstörung», lust, Bosheit, mit einem Worte, die Auflösung unsere» Ich und dessen Widergeburt in der Kunst." „Da» verstehe ich nicht recht," erwiderte Claudia« lächelnd. „Ich sei»« zwar den ganzen Apparat de» Pessimismus, dea Schlei« der Mava, da« hellig« Rirvana, weiß aber nicht zu welchem Endziel er in Bewegung gesetzt wird. Beleihen Sie, aber wenn der Schleier der Maya nicht einen Nebelschein um Ihr Auge gebreitet hat, mutz Ihnen doch der Widerspruch ersichtlich sein, der S-e mitten cm Ringen nach b« absoluten Verneinung, dem Nirvana, eine Auferstehung, also psychische Renaissance in d« Kunst, anstteben läßt." „Ja, wer kann seine Gedanken immer in eisiger Höh«; „schwebcnd über den Gewäffern" erhallen. Da» blöde Fühlen, der vernunftlose Lebenstrieb zftht un» immer wieder hinab, und auch da» Gold kann nur mst Schlacken versetzt aus der Tieft geholt werden. Die Schlacken müffen eben auSgesondert werden," stöhnte er, „dazu ist aber Zeit erforderlich und eine kundige, leitende Hand," fügte er kaum hörbar hinzu. Claudine hatte die letzten Worte überhört, gleichwohl war ihr die Last zum Lachen vergangen. „Ihre Ansichten und Aeußerungeo," sagte sie jetzt ernst, sind em Product der Zeit, der Lrrtüre, vielleicht auch persönlicher, trüber Erfahrungen. Meinen Sie aber wirklich, daß wir das Leben nur zu dem Zneck erhalten haben, um es zu vernichten; daß wir unserer Aufgabe hienieden gerecht werden, wenn wir unser« Existenz im Geiste ausheben und nur im Geiste fortvegetiren? Denn wie könnten wir, ohne gewaltsamen Eingriff, den Stoff, an den die Kraft gebunden ist, zerstören? Wir kämen dann folgerichtig zur absoluten Zerstörung, zum Selbstmord." Ein erstaunter Blick und schüchterne» Verstummen seinerseits bewog sie, ruhig sortzufahrea. „Wir kennen nicht Ziel und Zweck unseres Dasein», wir sin» in die engen Grenzen die Zeitlichkeit gebannt, über diese hinaus ist metaphysischer Dämmers^in, bleiche» Halbdunkel, von den einzelnen Blitzen der Speculätion nur so weit erlftllt, um die ringsum herrschende Düsterheit noch deutlich:! hervortreten zu lasten. Ist es daher unter solchen Umständen nicht vernünftiger, in den kleinen Gassen seiner Vaterstadt sich zurecht zu finden, als im Universum sich zu verirren? Ist cS nicht richtiger, innerhalb der uns umgürtenden Gemarkung unseres physischen Sein» daS Er» reichbarc zu wollen, das Möglich: zu leisten, als mit blindem Drang über die Grenze hinaus zu streben, an den verschlossenen Pforten der Ewigkeit vergeblich zu hämmern und sich wund zu stoßen an Unmöglichkeiten?" „^Schopenhauer meint doch, daß es am weisesten sei, nichts zu wollen, nichts zu erstreben," begann er schüchtern einzuwendeu, „und" — „Ja, die Schopenhauerei ist ja doch eben," unterbrach sie ihn, „die verderbliche Krankheit, die unserer Generation in den Gliedern steckt, und bis diese nicht überwunden ist, dürfen wir auf keine normale, inn«e Fortentwicklung rechnen." „Wie, Sie nennen den Cultus de» göttlichen Welt^ weiftn eine Krankheit? Und Sir selbst, mein Fräulein? — Sah ich doch letzthin mein Buch in Ihren Händen und segnete den Zufall, der Ihnen daS moderne Evangelium zugeführt."

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