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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 19 (1893) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
19 (1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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teranlgfg'feii von Dr. M. Nal»««r In Magdiburg. Zur Unterhaltung und Belehrung für die israelitische Familie. Inhalt Elan bin«, di« Hrrbsiblülht. Lrtglnal»?!ovelle von A. 8. M. (Fortsetzung.) — Zwei Theater im tlihetto von Reiv-Vork. Bon Ernst v. Hesse.War trag. — Der Blu aberglauie in China. — Tout r.t&mt cnaaae. — Luv dem Sprachschatz de» Talmud. Poetisch übenragen von Max Weinberg. tUndelugtrr Nachdruck an« dies«» Blatte ist untersagt.) ' Klaudine, die ^ervstbsülhe. Lriginal-Rovelle von A. 8. M. <J (Fonsetzung.) War sollte sie auch th»n'? Tie Wirtschaft, die zumeist in Gastereien bestand, besorgte die junge Ha isfrau i» so geschickter und selbstbewußter Weise, daß eine Mithilfe durch, aus überflüssig erschien. Und zu den Violen »nd Bücher», den ihr aufgedrungenen und deshalb ve haßten Geführten ihrer freudlosen Kindheit, mochte sie sckon gar nicht greisen, — vielleicht deshalb, weil ihre zwar reichhaltige aber systemlos zusanrmengelragrne, auS Klassikern und französischcn Schauerromanen bestehende Büchcrsammlung gerade daS nicht enthielt, was ihrer gegenwärtigen Scrlenstimmung entsprochen hätte. Ta fiel ihr einst rin von einem Besnchci dcS Hauses vergeflencS kleine» Wcrkche», die dainalS viel gelesene u.id besprochene „Parerga" von Schopenhauer in die Hand. Die. Bcrbitterung dr» verkanntcn Salonphilosophrn, die ätzende Lauge, yi die jede Zeile getaucht ist, die wegwerfenden , Ausfälle gegen da» weibliche Geschlecht, die rücksichtslose | Entblößung des inneren Menschen mit all seinen moralischen! Gebreche» und Schäden, der ganze Haß und Verachtung hrrvorpolternde Ton diese» Buche» paßte so sehr zu Elaudine'S jetziger Ceelenstimmung, daß sic mit immer steigender Begierde Seite um Seite verschlang. Sie la» ater auch dann noch, als ihr klarer Geist durch die vielfachen paradoxen äugest achelt, zu Hellem Widerspruch sich erhob. Nun forschte sie nach Gegenargumenten für eine ihrer momentanen GemüthSlage zwar entsprechende, ihrem innersten Wesen aber anstößige Philosophie, deren Irr ehre sie mehr dunkel ahnte, al» deutlich erkannte. Zur Belämpfung derselben hatte sie keine Waffen; sie mußte sie erst au» dem Arsenal der zahreichen Gegner de» berühmten Frankfurter Philosoph n mühsam Zusammentragen. Ans diese Weise ward ihr der Anstoß zu einem eifrigen, bi» nun außerhalb ihres Jdeenkreise» liegenden Studium», und somit der nothwrndige Inhalt für ein letzthin inüßigrs Dasein gegeben. Mit wieder erwachtem Jnterefle schöpfte sie aus der nie versiegenden Trostquelle dc» Wissen», schöpfte Stärkung und Labung für Geist und Gemüth und die beinahe verlorene, für die kleinlichen Miseren de» Leben» erforderliche Wlderstandskraft stellte sich wieder ein. Jetzt kehrte sie auch in den Salon ihrer Eltern zeitweise rin unv konnte ohne innere Empörung, ja mit geheimer Belustigung, da» Thun dieser kleinen Menschen beobachten. Dem weiblichen Scharfblick ihrer Stiesinutter entging diese Veränderung im Wesen Elaudine'S nicht und sie erfaßte diese» Moment als günstig zur Förderung ein,» Plane», den sie im stillen schon lange entworsen hatte. Demzufolge trat sie eine» Tage» in» Arbeitszimmer ihres Gatten nnd ihm leise die Hand auf die Schulter legend, sagte sie in geheimnißvollem Flüstertöne: „Arthur, Du mußt mir einige Augenblicke Vlchör schenken, denn ich habe etwas sehr Wichtiges mit Tir-zu besprechen." „Sehr Wichtiges!" parodirte er lächelnd; „gewiß eine neue Robe oder etwa» dem Achnlickes. Nur immer zu". Und er zog die kleine, auf feiner Schulter ruhende .Hand an ffine Lippen. „O, über den argen Spötter ." rief sie ärgerlich, während der lachende Zug um Auge und Mund doch nicht wich. „Tu glaubst wohl, daß ich keines ernsteren Gedankens fähig bin? Nun Du sollst gleich vom Gegentheil überzeugt werden." Und mit kreuzweise über den Rück:» gefalteten Händen )or ihn sich hinstellend, sagte sie in komisch-würdevoller Weise: „Du scheinst gar keine Ahnung zu haben, was der Gegenstand unserer ernsten Besprechung sein soll. Wohlan, so will ich Dir ein wenig zu Hülfe kommen. Hrst Du bemerkt, welche Veränderung seit einiger Zeit m t Claudine vorgcgangen'?" „Du willst von ihrer Menschenscheu, ihrer galligen Laune sprechen?" Ei» Zug voll Uumuth glitt über seine» eben noch lachenden Mund. „Ich weiß nicht, ob sie nicht von jeher so gewesen; jedenfalls ist eine Verschärfung ihre» Temperaments jetzt, wo sie so viel gelitten, begreiflich. Du mußt ein wenig Nachsicht üben, meine liebe Emilie." „Gewiß, gewiß, die Arme hat alles Anrecht darauf," sagte sie leichthin. „Doch darum handelt es sich ja gar nicht, denn just nach der entgegengesetzte» Richtung ist e», wohin ich Deine Aufmerksamkeit aus ihr verändertes Wesen lenken möchte. Merkst Du oenn gar nicht, daß sie jetzt häufiger in unserer Mitte weilt, daß ihr Auzenausschlag etwa» von seiner kritischen.Herbheit eingebüßt und daß sogar manchmal ein Lächeln aus ihre streng verschlösse ic Lippe sich verirrt V" „Nun und wenn dem so wäre, was folgerst Du daraus'?' frug er zerstreut, während er im Geiste eine Zahlencolonne überflog. „Ich folgere daraus, mein zerstreuter H:rr Gemahl, daß sie ihren JsolirungSscheinmel satt bekomme t, und au« der Höhe zu u»S armen Sterblichen in der Niederung herabznstkigen geruht." „Da» ist keine Folgerung, sondern ein« Thatsache, meine holde, unlogisch« Gebieterin," sagte er lächelnd, indem er die lleine, graziöse Gestalt an sich zog. „Ach, mit Eurer ewigen dummen Logik," eitgegnetc sic halb schmollend, halb lachend. „Wenn Du denn durchaus eine regelrechte Schlußfolgerung und dazu noch eine praktische gezogen haben willst, so ist e» die, daß jetzt!>er geeignete Moment gekommen wzre, Claudine zu — verhrirathen."

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