Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 18 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
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— 45 lnjtftf, fträubic es sich doch, wo cs immer anging, geaen die unnatürliche Geistesdreffur. Mehr als einmal mutzte der Wille der Mutter an der Sprödigkeit des Stoffes, den sie bearbeitete, erlahmen; dann sagte sie sich mit einem schweren Seufzer, datz die verbängnitzvolle Blutkrruzung'.vahrscheinkich die unausrottbaren, gemeinen Keime des Paters in die Seele der Tochter gesenkt, sodatz durch Beimischung dieser groben Jngredcnzien die feineren, mütterlichen Blntköiperche» bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden. f"' Und der Gedanke, datz der Fluch dieser ungleichen Ehe soitwirkc bis zur Entfremdung, um nicht zu sagen Eniartung ihrr-s eigenen Kindes, rin Gedanke, ans den sic mit der ihr eigenen passiven Hartnältigkeit immcr wieder zurückkam, legte - sich wie Mrhlthau auf die ohnehin gebrochene Scelenblütl>e und drückte sie vollends zu Boden. Abgckchrt von allen Jntcreffen und Genüffcn des Lebens ivclkic sic dahin, bis ein frühzeitiger Tod ih cm trübselige» Dasein ein;}irl letzte. Ihr Scheiden liefe eigcnilich keine Lücke zurück: koch wirkte ihr Wesen noch lähmend und bedrückend nl-ersGrab hinaus auf ihre Tocht r, deren Lebensweg eine Strecke entlang von dem ihr folgenden Schatten der Mutter verdunkelt wurde. Nach Ablaus des aus Aiistandsrücksichtcn beobachteten Trauerjahres ging Claudinc'S Pater, noch immcr im Poll' besitz lcr Jngendkrast und kerniger Gesundheit, eine zweite Ehe ein. Die junge, kaum zweiundzwanzigjährigc Götti», eine oberflächliche Natur voll sprühenden Lebens und geräuschvoller Lustigkeit, brachte Beilegung und Lärm in die stillen Räume. Das Haus, durch ivelchcS vor kaum einem Jahre die blutlose Gestalt seiner ehemaligen Herrin geräuschlos geglitten, und das mit „verschlossenen Ohren" dem Togcslärm abgewandt war. wurde plötzlich zum Tummelplatz fröhlicher Gäste, eines stets heiter wogenden Gewühles. Mit unsäglichem Erstaunen bemerkte Clandinc, datz auch ihr Vater, den sie stets in wolkenvcrhülltcr .lerne mit mysteriöser Scheu zu sehe» gewohnt war, nun plötzlich zu jeder Tagesstunde im Hause erscheinen und wie ein gewöhnlicher Sterblicher an dem lustigen Treiben der Anderen Theil nehmen konnte. Diese jähe Wandlung im Gcmüthc ihres Vaters brach» auf Elaudine einen seltsamen Eindruck hervor. Im Grunde bestand wirklich eine gewisse Achnlichkcit zwischen Vater und Tochter, wenn auch nicht in der Weise, wie die übertreibende Phantasie der Mutter eS ihr vorgcspicgclt. Beider Wesen fußte auf der Grundlage einer durchaus praktischen, heiteren Lebcnsanschauung, Beide waren jeder Gcfühlsfchwärmrrei gründlich abhold; doch was bei dem echt weiblichen und selbstlosen Naturell der Tochter nur eine gewisse Kälte in der (Äefühlsäutzerung hervorrief, krystallisirte sich bei dem Manne zur Härte des Gefühles selbst und zum brutalen, jeder weichen Regung spottenden Egoismus. Elaudine verfolgte mit schmerzlich-kririschcm Blicke die verschiedene» Erscheinungsformen dieser rücksichtslosen, ängstlich verhüllten Selbstsucht. Seine plötzlich hervorbrechende. ela»ische Benrglichkert wurde ihr ein Dorn im Auge, sein munteres Lachen drang wie ein greller Mitzion ihr in'S Ohr, seine frisch erblühende Jugendlichkeit erschien ihr wie eine persönliche Beleidigung, eine Verhöhnung ihrestillen Kummers, aus dessen Bande sie sich um so »veniger loszulösen vermochte, als sie ihn völlig unverstanden und ungetheilt in sich verschließen mußte. Dieser Kummer hatte nicht bloS seine Quelle im Hingang der Mutter und deren spurlosem Verschwinden aus dem Gedächtniffe ihrer Nächsten, al» ob sie wie Spreu vom Winde verwehet wäre, ihr Kummer sog auch immer neue Nahrung aus der unvermittelt in ihr oussteigenüen Erkenntnitz ihrer Aehulichkrit zu ihrem Vater, die sie peinlich berührte. Ohne die Unterscheidungslinie, die ihre durch echte Weiblichkeit verfeinerte Natur von seiner gröberen trennte, wah'nehmen zu können, sah sie uur die wenige», homogenen Grundzüge und »vcndetc sich voll Abscheu von ihrem, von dieser Strahlenbrechung rerzerrtcn Spiegelbild, von dem Gespenst ihre» eigenen Ich ab, das ihr »och nie in solcher Beleuchtung und so unschön «schienen war. Eine ihr völlig neue Scclenstimmung. rin Hang zu grübelndem Trübsinn liemä chkigte sich ihrer. Kalt, thcilnahm los wandelte sie durch die lnsl« und lichtcrfüllten Räume, ein lebend qcr Protest gegen Alle »nd Alle» Wo sie Ihren Fntz hinsetzte, da welkten die Blüth:» des Frohsinns, wo sievorbkihuschtc, sic selbst eine kaum ausgebrochenc Knospe, da ivarf ihre rcizrndc lvestalt einen dunkle» Schatten ans den sonnigen Hintergrund der neue» Häuslichkeit. Und weil sie die lähmcnde Wirkung »vahrnahin. dir il r Eisclicnien hcrvorrirs und dieselbe >» ihrer Einbildung noch nintzloS steigerte, so zog sie sich ganz in sich selbst zurück »nd gab sich in der Einsamkeit ihres Stübchens unsruchtbarcn Träumereien und einem bcd.nklich.:' Mützigzan.z hin. -(Forts, folgt.) Militärisches. Die in Nr. Iti dieses Blattes gebrachten Erinnerungen aus der österreichischen Armee weckten in mir ganz ähnliche Bilder aus jener Periode. ES war im Jahre 1870. So schön mir die für meine erste Mi!itärdi-nstzeit zugcivicscnc Garuiion Buda-Peit gefiel, hatte ich die erste Zeit viel auSzusiehcn. Mein gestrenger Herr Hauptmann hatte nämlich ein gewisses Bornrtheil gegen die Juden. Man kann sich denken, was das einem Rekruten gegenüber zu l»dcu«cn hat. Meine eifrigsten Bestrebungen, dem Herrn Hcrnptman» zu gefallen, blieben erfolglos. Ich konnte nicht zum Gefreiten avrncirc». Ein unbedeutender Zufall warf jedoch alle Porurtheile des Herrn Hauptmann über den Haufen. Ich hatte m Buda-Pcst einen weitläufigen Verwandten. ES »var rin ungarischer Honvcd, ein tapferer Krieger aus dem Jalirc 1819, Namens Fcrcncz Kohn, mit dem ich hie und da einen Ausflug noch der Umgegend Pest's machte. Trotz seines grauen Haares, welches das von einer Narbe geschmückte, schöngesormlcGcsicht zierte, war er voll patriotischer Hingabe und auflodcrudcn, jugendlichen Feuers für sein Vaterland. Wenn er von den ungarischen Freiheitskriegen sprach — und das ivar sein Licblingsthema — da sprühten seine Blicke Funken, und er würzte seine trefflichen Kriegsschildcrungcn mit glühenden Dichtungen aus den ungarischen Schriftstellern Alexander Petöch und Johann Arany u. A. Es war eines Sonntag NackmitlagS, als ich mit dem erwähnt:» Honvrd die „Margarethen-Insel" besuchte. Dieser friedhaste Blumengarten versammelt zu seinen Concerten am Sonntag Nachmittag die Aristokratie und hvh:rn Militärs der Umgegend, wie auch die bescheidenen Kunstliebhaber. Es war wie immer recht voll und dir Bänke meist besetzt. Während ich mit meinem Honved ungenirt plaudernd aus einer Bant im Freien satz, ich plötzlich den damaligen Höchsteommandirenbrn von Ungarn. Seiner Excellenz den Feldreugmcister Ludwig Freihrrrn von Gab lenz, den Siegesgenossen Wrangels in Schleswig-Holstein und kühnen Berthridiger Trautrnau's — gerade direct aus mich zuschreiten. Er trug nur die Oberstunisorm seine» Regiment», aber man konnte schon in der Ferne die hohe Gestalt mit dem von einem halbgrauen Barte umrahmten, klassisch gesormten Gesichte deutlich erkennen. Ich stellte mich sofort kerzengcade und machte meinen Subordinationsgrutz. Wahrscheinlich, dachte ich, ist ihm etwas eingefallen, und er will mich, als den eriten besten Soldaten, für seinen Auftrag verwenden. Aber Seine Excellenz winkte mir, mich niederzusctzen und wandte sich mit seiner äußerst sanften, fast mädchenhaft feinklingenden Stimm« an meinen Begleiter mit den Worten: .«itestatten Sie, datz ich neben Ihnen aus der freien Bank Platz nehme?"