Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 18 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/6492351-8722848-5962271--2140-5375985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
OfttFnft (Ilau&lnt, M* LcrbsiblLib,. L'^'n-I-Rov«»« tun A. 8"V. ' 1»»litlH'drt. —lölr» owtflin fin Ir aich.« li'st » üflflf. San Moritz Simon in Magbeburg. — Cbuarb Bon Saunrnfclb fibet Jnbr». Bon SR aj Weinberg. (Ilnbffn«fri ItihTrtd ans tztei,» Blatte Ift v»lfrl«|t.) HeaanItzitziSln Mn Br. M. U«h«a» ta ffi|Mn| -a tnHl(nrti _ A« U»terhalt««g *nb Velehr««g für die i-raelittfche Familie. Kkaudine, die Leröftörüthe. Lrlginal-NoBell« von A. 8. M. >1 lS»nsetznng^ ’;. Acht,Tage dauerte die'Hochzestüfcierundderletzteda^ganze 'Städtchen ob Ihres Glanes i» staunende Bewunderung. An einem Tage wurden sämmtlicl>c Arme d.« Ortes und der Umgegend im geräumigen Vorl.of an reich bischten Tischen gespeist, und das Brautpaar mußte, nach altem, schönen Brauch, diese Säfte persönlich bedienen und ihnen eigenhändig den Kein kredenzen. — Bon weit und breit strömten die eingcladenen berühmtesten Talmudisten zusammen, um durch den gottgefälligen Pilpul - einem geistigen Lanzenstechen, zu GotteS und ih'cm eigenen Ruhm und Preis — die Weihe de« Festes zu erhöhen. Am Hochzeitstag« traten diese Leuchten de,! JndenthumS. die Frömmsten unter den Frommen, in den Kreis der gewöhnlichen Sterblichen, um einer vom Gesetz erheischten, von dem Ehassidiin besonders hochgehaltenen Pflicht rachzukommen, die da fordert. »Braut und Bräutigam zu ergötzen". In ihren langen Kaftanen, bis zu den Schultern reichenden Seitenlocken und schlürfenden Halbschuhc» trochen sie sich Bahn durch die dichtgedrängte Menge, bis zu der am oberen Ente des Zimmers sitzenden Braut. Ihr, de vom Lärm, der Hitze, dem seidenen mit Goldfransen löschten Kopftuch halb erstickt, in völliger Apathie dasaß. warf der Erste ohne sie anzublicke», sein Taschentuch von zweifeliastcr Reinheit zu, daß sie a» einem Zipfel auffangen und fr'thaltcn muhte. Hieraus ergriff der sonderbare Träger den andern Z psel, drehte die Widerstrebende-inigcmal im Kreise »nd überlieferte sie einem Anderen, der das grausame Spiel sortsrtzlc und sie weitrrschob, bis sie die Runde durch den gaazcn Kreis der Schrifttundigrn gemacht. Auf diese Weise n urde der Vorschrift., die Braut, zu. ergötze». Genüge .-geleistet, ohne ein« ander, vorschrifk zu verletzen, welche d.m EhissidiSmuS das Anschaoen und die Berührung fremder Fraucn untersagt. Bis tief in dir Nacht hinein dauerte oiese: eigenthümlich wilde Reigen — Mizwahtänzchen genannt. - bi« die Braut, zum Tode erschöpft, von alten Frauen ergriffen und in Begleitung der gejammten HochzeitSgesellsaft ins Brautgemach gesührt wurde. Das tiefe Unbehagen, das sich bei diesem, jedes ästhetische Gefühl beleidigenden Schlußakt allen jungen Bräuten bemächtigen mußte, übertrug Lina sogleich au' ihren Gatten, den sic sowohl als Urheber der ihr wioerfah lenen Schmach, wie auch ats eigullrche Ursache der Mesalliance die sie ein» gegangen zu sein wähnte, im Innersten haße. Es kam ihr vor. als ob sie au« luftiger Höhe in den Staub der Landstraße gezerrt worden wäre und die« himmelschreiende, ihr zugesügte Unrecht e zeugte ein-: stets sich verschärfende Bitterkeit in ihrem Gemüthe. Keiner vermochte dieselbe zu bannen und ihr Gatte am allerwerigsttn, auS dem einfachen Grunde, weil er von deren Borha ndenscin^ nicht die leiseste Ahnung hatte. Er war eine durchaus realistischesNatur mir einem bedeutenden Ansatz von EgoiSmnS, drn*er unter ein heiteres, gleichmäßiges Wesen und aetsllige Manieren schk zutf zu verbergen wußte. Daher siel rS Niemandem von denen, die einen flüchtiarn Einblick in diese Häuslichkeit iatten, auch nur im Entferntesten ein, einen Brrwurf gegen ihn zu erheben; die Meisten bedauerten i^n vielmebr, den aratnJWann, der für sein lirbenswürdif.r« Entgegenkommen nur Schroffheit, einsilbige Antworten rnd verdrießliche Mienen eintauschte. Uud doch litt sie vül mehr unter seiner Gefühlsarmuth und engherzigen Selbstlicie als er unter ihrem mürrischen Wesen, da« er kaum de merkte, oder wenn doch, ohne auf die tiefer liegenden Beweggiünde einzugehen. u'S vorübergehende Laune betrachtete, die ein paar freundliche, zumeist in Grgenivart Fremder an sie gerichteten Worte, ^beseitigen sollten. »Du bist heule wieder so blaß, liebe Lina, gewißjDeinr Migräne? Du solltest Dich mehr schonen. Dich nicht so anstrengen." Ohne recht zu wissen, ob diese Anstrengung wirtlich bestand und worin, ging er lcichthin zu was Anderem über, und befragt, würde er mit Nichten erklären könne», weshalb während dieser zärtl ichen Anret« da« Auge seiner Frau sich feuchtete und solch e»n bitterer Zug um ihre Mundwinkel spielte. .Nervosität" war der einzige Erklär ungSgrund für die ganze Skala verletzter Empfindungen und Empfindrleien, unter der er schon deshalb nicht litt, weit er bei seiner Unkenntniß der Frauen im Allgemeinen sie nur als lästiges Merkmal des Geschlechtes betrachtete, wenn er sich überhaupt Zeit nahm, über derartige Kleinigkeiten nachzudenkrn. Aber er nahm sich durchaus nicht Zeit hierzu, widmete sich vielmehr ausschließlich seiner geschäftlichen Thätigkeit und so wenig wie möglich der Häuslichkeit, und so wurde er bei seiner egoistisch bcqueimn Lebensweise immer runder und blühender, während sie in unverstandener Selbstqual sich abhärmte und »einer geknickten Lilie gleich", um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, dahin siecht«. Und war es nicht der unglückselige, gewöhnliche Name Lina oder Leie, der all die« Unheil gewissermaßen angerichtet? Wie sonst würde ein Dutzendmensch, von dem Schlage ihres Mannes, eS wagen, an sie reranzutreten und sie zu sich herabzuziehen? Deshalb stand auch ihr Entschluß felsenfest, ihr Kind wenigstens vor einem ähnlichen, grausamen Geschick zu bewahren, und die Namensverleihung wie die Erziehung Elaudine'S waren das Ergebniß dieser eigenthümlichen Gefühlsduselei. Doch da« Kind überließ sich» in Folg« seiner absoluten Berständnißlosigkei« für jene krankhafte Ucberspannlheit, nnr gezwungen den hochfligenden mütterlichen Erziehungsexperimenten, uud wenn e« auch in seiner angeborenen Gutmüthigkeit und Liebebedürstigkeit keinen offenen Widerstand