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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 18 (1893) · p. Seite 69

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
18 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 69 (sequence 3)
Language
German
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Mein Begleiter gab. als stolzer Magyar, nur ein« kovfnickende Zustimmung, und der General, sowie ir kleiner Eutfernuna sein Rittmeister-Adjutant, Iicftcn sich nieder Ich saß auch wirklich wie auf glühenden Kohlen und wollte mich schleunigst entfernen, aber mein republikanisch gesinnter Begleiter hielt mich ftst und erklärte mir, daß es sich durchaus nicht zieme, jetzt wegzugrhe». Dabei fuhr er ungenirt in seinen Schilderungen auS den ungarischen Kämpfen unter Kossntb, Alaska und Deinbinski fort, wo» mir alb österreichischen Soldaten alles Blut ins Gesicht jagte. »Hören Sie doch aus" — bat ich — »de: Höchstconmandirrnde sitzt ja »eben Ihnen." Aber statt dessen richtete er direct an Seine Excellenz die Frage: »Heir General, — wenn Ihnen mein lautes Sprechen — cs ist eine alte Gewohnheit, — unlieb ist, werde ich anfhören." — »Durchaus nicht," ivar die ircundliche Ervidernng. »obwohl Sie mich zwinge», einige Worte hie und da hören zu müffcn " — — Unter den Offizieren» die grüßend vorbeispaziccte», ivar auch mein Hauptniann. Als ich ihm die Euren l>czeugung bewies, warf er wir einen durchbohrenden Blick zu. Ich wnßtr nun, was mir bevorstand Andern Tages gab cs auch rin furchtbares Donnerwetter — ablr ich lvrichtcte, dag die Initiation vin Seiner Excellrnz ausging, und drr Havptman» fühlte sich derart g^chmeichelt, daß ein Mann seiuci Compagnie die Ehre hatte, mit Sr. Exrellenz auf einer Bank zu sitzen, bah er mich sofort — zum »Gefreiten" stempelte. Run hatte ich nicht lange darauf Gelegenheit, die großartige Gedächtniijkraft des Herrn Generals zu bewundern. Es war Generalrcvue. Die ganze Garnison war au«- gerückt und ich hatte meine Stellung als Flügrlmanu in einer der Borderreihrn unsere« Regiments Jeder weiß, was eine so großangelegte Parade bedeutet. AIS der Gencial langsam die Front abritt und sehr häufig stille hielt, um manchem Soldaten auSzusragen, »lachte er auch vor mir Halt. »Ich sah Sie bereit«," sprach er rasch, »nicht wahr, aus der Margarethen-Insel?" »Ja wohl, Excellenz!" »Wer »vor denn Ihr Begleiter, der neben m r saß?" »Ein Honvcd, Exrellenz." — »Wie lange die ren Sie?" »EinhalbeSJahr.Excellenz * — »Was machtenSie früher?" »Ich studirtc uno ivar dannBuchhaltcr eine«Bankhauses." Mein Oberst war zu Pferde in die Nähe des Generals herangesprengt und an diesen wandte sich der General mit den Worten: »Sie haben hier rin ganz gute« Material, de« Sie verwerthen können." — Andern T> ge« ließ mich der Oberst zum R'egimrnt»- Rapport rufen. Er erkundigte sich sehr eingehend üver mich, meinrn Bildungsgrad und Leistungen, und da icg während meiner ganzen Dienstzeit keinen Tadel zu verzeichnen hatte, Jing drr zweit« Stern an meinem Kragen auf, un>> ich wurde iorporalführer. Run ovancirte ich nicht lange darauf zum k. k. Zugführer und dann zum wirklichen Feldwebel. Als solcher wurde ich wegen meiner schönen Handschrift al» Hilssschrriber in eine der Kanzleien de« General-Eommanvo« in Ofen eommandirt. Es war da meine schönste Drenstpc uode. Da tritt einmal unser Kanzleichef mit gewltn rdroheoder Stirn an mich heran. »Sie haben diesen Bericht collatiooirt, Feldwibel.- Kommen Eie sofort zu Seiner Exrellenz." — Ich erschrak nicht wenig, — Ich hatte beim Eullationirea eine« vier Seiten vollen Berichte» da» Wörtchen .und" ver» grssen, was Seiner Excellenz herausfand. Kanin war ich eiugetreten, als der General mir barsch zurief: »Ach — der Mann von der Margarethen-Insel. —. Wem derKlapka im Kopfe steckt, der vergißt daSEollationirea.— Der Bericht muß bi« morgen ,auf da« rorrerteste umgeschrieben sei» — sonst werden die Schnur und die so rasch, anfgkstiegenen Sterne verschwinden. Kehrt Euch'" — Ich schrieb langsam mit höchster Vorsicht die halbe' Rächt hindurch. Aber — o Berhängniß! — kaum war ich fertig, als ein unbedeutender DintcnfliÄ sich am Papier zeigte. Mir blieb nicht» übrig, als ihn — wrgzuradir:», — wart ir auch aus'S Berte gelang. Weder beim Collationiren, noch der Kanzleichef hatten andern Tages etwa» davon gemerkt, und drr Bericht wurde »nt einem Riescnstoß anderer Papiere Sr. Excellenz zur Unterschrift vorgelrgt. Da plötzlich — welch ein Donner schlrg an mein .Haupt? — Ich soll sofort wieder vor Sr. Excellenz erscheinen. Ich sah mich in (Gedanken bereits zum .Gemeinen" degradirt unter Zugabe von 14 tägigem Dunkrlarref», verschärft mit Fasten brr Wasser und Brod!-Gewiß — o gewiß, der scharfe Blick d.« General« hat da« wegradirte Drntenfleckchen entdeckt. — — »Feldwebel," frug der General, »wie hieß jener Honoed?" Ferencz Kohn, Excellenz!" — — »— Also Jude?! Sind Sie auch Jude? — Ich wurde feuerrott). Man pflegte einen „Dinienfleck" gerneinweg auch »einen Juden" zu nennen. — Mein Schicksal war also beschlossen, da hte ich, der Zorn des Geucrals ist gerecht. „Ja, Excellenz," antwortete ich mit leiser, bekloinmener Stimme, »ich bin Jude". „Sie sprechen das so schüchtern" — sprach in sanften Worten der General. —S>c haben sich dessen durchaus nicht zu schämen. — DaS Reglement weiß gar keine» Unterschied. Grüßen Sie Herrn Fercncz Kohn von mir, wenn Sie ihn treffen, und sagen Sie ihm: ich ehre seine patriotische Begeisterung, aber Sie, Feldwebel, soll er damit verschonen — Das will ich hiermit gesagt haben." — — Möge diese kleine Sch ildcrung einen Beitrag zu der allbekannten große» Leutseligkeit lcs leiühniten Generaldienen, drr leid-r ein so trauriges Ende nahm, aber mir, wie allen seinen Untergeordneten in ewig thcurcr Erinnerung bleiben wird. ü. Kive ausgewLrmte antisemitische Mge. Bo» Moritz simon in Magoeburg. Der hiesige „deutsch-sociale Resorm-Bcrein" hatte vor einiger Zeit ein Flugblatt veröffentlicht, in dem ein angebliches Manifest des veistorbenen Ciämieux bez. d. A Hirne» ur. naiv, mitgrtheilt war. Als Mitglied des dies. Grartz» Bereins habe ich mich z. Z. wegen diese« angetlichcn Manifeste an daS Zentralkouiitee der Alliance nach Paris gewandt und darauf folgenden Brief erhalten: »Sehr geehrter Herr I Da* StntraMOmitee hat Aeinrtniß genommen von Ihrem Briefe vom r«. v. ITT betreff» der Veröffentlichung durch da» .slugblatt »Au all« Deutschen" eine« dem seligen Qmm Lrtmieox zugeschriedenen Manifestes. Diese» angebliche Manifest ist «in Gewebe von lügen und Verleumdungen, welchem wir auf da» Entschiedenst« ein Dementi gebe«. Lin solche« Manifest hat niemals existirh es ist »ine bloß« Erdichtung Sit können von diesem Dwnonu nach Ihrem Gutdünken Gebrauch machen. Mit aller Hochachtung Der Sekretär: kttgart." Dieses angebliche CrSmieux'sche Manifest ist so charakteristisch für den Antisemitismus, daß wir seine Geschichte kurz mittheile» wolle». — Die Zeitung „l’Anti-Semitiqu«“ batte am 8. Oktober 1883 den angeblichen Aufruf des verstorbenen Adolph Crämceux, den er bei Grlmdung der

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