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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 16 (1893) · p. Seite 61

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
16 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 61 (sequence 3)
Language
German
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Beene, ein Jeder von Ihnen betete seiuemdotte für die Seele de< Dahiageschiedmen. Melanie wemte an der Brust de» edlen, stolzen Manne», der ihr hier angesichr» der väterlichen Leiche gelobte, ihr ein treuer Beschützer und aufopferungsvoller Begleiter de» Leben« zu sein. Er hat ihr Wort gehalten und e« verstanden, auch seiner Religion Treue zu bewahren.» gfeuttine, dtel,^eröstdküt»« « Orlgi»»l-4to»elle oett A. 8. M. Elaudine hieb sie, und da« wurde ihr einigermaßen zum Berhängniß. Ihre Mutter, eine nervöse, reizbare, schmächtige Blondine, die den angeborenen Hang zur Phantasterei durch eifriges Romaulese» steigerte, hatte von dem, in gewissen jüdischen Kreisen der Mutter zugestandenen Rechte der NamenSbelehnung de« Erstgeborenen in ihrer Weise Gebrauch gemacht, und besagter Bucheame war da« Ergebniß ihres emsigen Forscbens nach dem Ungewöhnlichen. Run hat es mit solchen Namen doch zuweilen ein eigenes Bewandniß. Im Grunde nur die momenkane Eingebung eine« überspannten Hirne«, ein wesenloser Schemen, kann solch eine Bezeichnung manchmal dennoch von Einfluß auf die erst« Entwicklung, die innere und folgerichtig auch die äußere Gestaltung eine« Menschenlebens sein und dann al» eine fühlbare Wesenheit in da« Schicksal de« A amenSträger« eingreifen. Elaudine, ein kerngesundes, pausbäckig,s Kind mit leuchtenden, dunklen Augen, runden Aermchm und kastanienbraunen, trotz Kamm und Bürste rebellisch flatternden Locken, war, ihrer ganzen Veranlagung gemäß, zur Heiterkeit und einer durchaus gesuoden, realistischen LebenSonschauung berufen. Für die krankhafte Sentimentalstät ihrer anämischen Mutter hatte sie nicht daS leiseste Berständniß; nur der lose Faden der Gewohnheit und der anerzogenen Anhänglichkeit band sie an dieselbe. Und doch stand sie so vollständig unter dem Banne ihre« trübseligen Einfluffe« daß sie, eine zeitlang zum mindesten, in eine ihrer Natnrcnlage schnurstracks entgegengesetzte Richtung gedrängt wurde. Und al« sie zum Bewußtsein dieser psychologischen Abnor uität gelangte, schien e» ihr selbst, al« ob da« mütterliche l Legat deS verhaßten Namen« Liese lähmende Wirkung erzeuge und ihr eine drückende Fessel anlege, die sie nimmer abjuschütteln im Stande sein würde. Hinter dem großen Hause in dem das Kind bei stets ängstlich verschlossenen Fenstern aufwuch», ivar ein ungepflegtes Gärtchen, zwischen dessen dürren Rabatten die Kinder der Nachbarn in fröhlichen Spielen sich tumuelten. Wie oft, wenn die schrillen Stimmchm aufwärts drangen, blickte die kleine Elaudine, chr Gefichdheu in die Scheibe gepreßt, mit sehnsüchtigem Verlangen auf die AltcrSgenossinnen, zu denen e« sie gewaltsam hinunterzog. Abei da hörte sie auch sc^n, gleichsam al« Nntwort auf den una aSgesprocheuen Wunsch, die umflorte Sttmme der Mutter: .Elaudine" (sie erlaubte sich nie einen verzärtelnden Kosenamen) .weshalb stierst Du so blöde in',» Leere? Du vertrödelst die kostbare Zeit. Schickt sich da« für ein Kind, daS einen so schönen und berühmten Namen trägt? Nimm ein Buch zur Hand." Da« zehnjährige Kind hatte selbstredend keine Ahnung, wa» Berühmtheit überhaupt und der berühmt« Namen insbesondere zu bedeuten hgbe. besten Trägerin sie war; wohl aber wußte sie, daß er eine Art Barriere blldete, die ihre Leinen Lebensfreuden ausschloß. Mit instiuctivem Abscheu E denselben griff sie daher nach dem Buche und vergrub >lleud ihr goldig-schimmernde» Köpfchen ta die häßlichen rzeu Lettern. Sie im Lichtschein wie Stunmstäubchm vor ihrem verwirrten Blick umhertanzten. O. wie sehntr ste sich nach grürien Wiesen, plö Quellen, nach der gsitzerudm Eeimeedecke. die anttrl spielend»« Kinderfüßchen so lustig onrschte. Wie sie den bunten Schmetterling und den grauen Falter, die die vielfarbigen Blumen umschwärmeu und ihren Wohlgernch einathmen durften. Auch ergab sie sich nicht ganz widerstandslos in ihr farblose» Kinderdaseiu; zuweilen trieb ste ihre überschäumende Lebenslust zu dem kühnen Unterfang«, da» Fenster ein Nein wenig zu öffnen und dar NäSchen in die Spalte zu stecken. Dann hieß e» aber auch gleich: .Elaudine, Dein Muthwille wird Dir noch die Schwindsucht an den Hal« jagen, wie magst Du nur so unver- - nünftig sein, bei der rauben Aprillust em Fenster zu öffnen?" Mama, sieh' doch, e« spielen so viele Kinder da unten, weshalb sollte ich allein e« nicht dürfen?" .Du darfft nicht, weil Du ander« geartet und ander» erzogen wirst. Meinst Du, e» würde Dir Befriedigung gewähren, an dem kopfloien Treiben jener Kinder Theil zn nehmen?" .Ich glaube, e« ist so hübsch, Blindekuh, Ball und Reifen zu spielen," entgrgnete die Kleine schüchtern. .Elaudine." sagte die Mutter strenge, .Du weißt nicht wa« Du sprichst uud uttheilst wir der Blinde von der Farbe. Merke es Dir ein für alle mal, ein Kind, da« einen Ramm erhalten hat, den der größte Di-Hter Deutschland« für die Heldin eine« seiner Werke wählte, solch ein glückliche« Kind muß ander« sein al» die anderen »nd darf an dem gedankenlosen Treiben Jener keinen Gefallen finden. Und wenn Du es heute auch nicht begreifst," fuhr sie etwa« milder fort, al« sie den verdutzten Ausdruck de» ihr zugenmudtm GesichtchmS gewahrte, .einst wird Dir die Erker,ntniß fchon»^ kommen, und dann wirst Du Deiner Mutter Dank wifsm,M. die Dich vor der Berührung deS Alltäglichen behütete ’ZJjKk O, sie begriff es lange nicht und dankte e« chr auch dannH nicht, als sie zu begreifen begann. -$%'/■ In der großen, unfern dem Gestade der Ostsee «-Ms, legenen Stadt, in der Elaudine'« Eltern lebten, hatte die^. europäische Lultur, im Gegensatz zu den andern Theilm unermeßlichen russischen Reiche«, schon eine Heimstätte ge-^-"; funden: Die besten von deutschen Elementen ersttlm» Bildungsanstalten zeugten für ihre Gegenwart. Elaudi, durste indeffen, infolge de» mit eiserner Beharrlichkeit dur geführten mütterlichen ErziehungSplane«, keine dieser Schul besuchen. Rur Lehrer und Gouvernanten wurden zur Her- . beischaffung de« erfordeilichen Bildungsstoffes zugelaffm und nur in der erstickenden Treibhausluft de» Hause« wurde sie wie eine exotische Pflanze gehegt und einer sehr complicirten Züchtung unterzogen. Sie, lernte mit unermütäichem Fleiße; speicherte einen wert über ihr Alter hinausgehenden Wissen«, vorrath auf, und nur ihrer unverwüstlichen Lebenskraft hatte sie e» zu verdanken, daß sie dies qualitativ wie quantitativ zu schwerfällige Material phne merlliche Einbuße an körperlicher und geistiger Gesundheit verdauen, konnte. Ihre Wange bleichte nicht, ihre DoseinSfrmdigkeitvsMmmvte nicht; diese mtwickelte sich vielmehr, trotz gewaltsamen Drucke«, zu solch vielversprechender Blüthe, wie ihre schöne Gestalt, die in ihrem elastischen Gliederbau und. ihrer thaufrischen Jungfräulichkeit da« Auge deS Beschauer» fesselte. (Fortsetzung folgt.) Aie Keschichte vom jüdische» K»sare»-Hfft-ier. E« war im Oktober 187«, al« der jüngst verstorbene Kommandirende in Budapest. Freiherr v. Ldclsheim-Gyulaiü dm Besuch der Frau v. P. erhielt. Der General empfing die Dame, welche in dm höheren Gesellschaftskreisen der ungarischen Hauptstadt eine sehr angesehene Stellung einnahm, mst vieler Zuvorkommenheit. Frau v. P. war gekommen, um; vom Kommandirmden Gerechttgkett für ihre, vom Offizier» korp» de« vtm Husa^en-Negimmt» gctränkm». und zurück» gesetzten Sohn zu erbittm. Derselbe hatte bei jme» Regiment

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