Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 12 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492351-8722848-5962262--2111-5375962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lippen de- Mädchen-, echte innige Wünsche entströmten dem Bruderherzen. i> ' Ernst von Wahle batst ihm iw» Am schönsten/Bew^s seinrr Freundschaft geliefert da er, t>cr reiche Adelltze, Her Stimme seine» Herzen folgend das jüdische Bllrgcrmädchcn zur Gattin erkoren. * '- r Kurze Zeit daraus erfolgte die Trauung der beiden Verlobten auf dem Standesamte in bürgerlicher Weise, worauf die Neuvermählten die Hochzeitsreise antrate« und Erna thränenden Auges von ihren Lieben Abschied' nattüi, um die schöne Zeit der ersten Ehewochen in der herrlichen grünen Schweiz aus dem Landsitze ihre«Gatten zu verbringen. Zehntes Kapitel. So hatte rin grausames Geschick die schönsten Hoffnungen Earl Gelde's geknickt, wie sä,wer mußte er es wieder empfinden, daß sein Leben ein fortwä jrendes Ringen mit des Schicksal- Wogen sei. Aber wie schwer er auch schon gerungen und gekämpft mit den Widerwärtigkeiten de» Lebens, mit den Leiden» schäften und Vorurtheilen der Menschen, fühlte er sich doch erhaben über die weit untcr ihm stehenden Alltagsmenschen, welche sich durch ihre Geburt für mehr dünftrn. Entsagen können ohne zu grollen, das ist des Herzens schönster Zug und lieben und niemals vergessen, ist echte, unverfälschte Mannesehre. Leider sind diese Erscheinungev im heutigen Leben selten, beinahe gar nicht zu finden und doch ist cs wahr, daß Gelde trotz der Teniüthigung, die er erlitten, zu stolz und edel war, dem Baron zu zürnen. Obgleich er von nun an seinen Umgang nur auf geschäftliche Auseinandersetzungen beschränkte und nicht zu oft in dem Hause seines Compagnons erschien, fühlte er doch, wie sei» verwundetes Herz berm Anblicke Melanie'- schmerzlich zusammenzuckte; aber er unterdrückte mannhaft dieses Schmerzgefühl; er lebte nur seiner Pflicht. Er hielt die Gefühle der Dankbarkeit für heilig, indem er in Baron Hollwitz sietseinen größten Wohlthätrr achtete und schätzte. Doch wurde er ein immer seltenerer Gast im Hause des Edelmannes, worüber sich dieser gar oft ihm gegenüber bedauernd aussprach. Auch heute erschien der Baron, wie er es beinahe immer zwei Mal des Monats zu thun pflegte, in dem Stu )ier- und Arbeitszimmer Gelde'S, wo dieser beinahe den ganzen Tag mit eisernem Fleiße arbntend zubrachte. Beim Eintritt deS Barons eilte ihm der Ingenieur freundlich entgegen und schüttelte dessen dargebotene Rechte. .Ach, das ist wirkliä, gut, daß man Sie nun wenigstens hier zu Gesicht bekommt," begann der Baron lächelnd, .denn Sie besuchen mich schon gar nicht mehr und aufrichtig gestanden ist auch meine Tochter recht böse über Sie." .Es thut mir wirklich unendlich leid, dagnädige Fräulein erzürnt zu haben, aber Sie wissen eS ja, was daS beißt, ein begehrenswerhes, heißgeliebtes Wesen zu sehen, von ihren Reizen gefesselt zu werden, ohne die geringste Hoffnung zu haben, ihr je die echten Gefühle anzuvertrauen. Lassen wir dieses Thema. Herr Baron, denn ich hoffe, daß Sie doch wenigstens ein Gesühl für mich haben werden, dades auftichtigen Mitleids." .Ach, Herr Gelde, Sie glauben es mir wirklich nickt und können es gar nicht fassen, wie sehr ich mit Ihnen fühle, aber ich habe seit der Z-nt, wo wir darüber gesprochen, unaufhörlich nachgedacht, wie ich Ihnen Ihren Wunsch erfüllen könnte, >ch will Ihnen n cht noch einmal nahe treten," setzte er herzlich hinzu, .aber weldeu Sie ein Christ, und meine Tochter gehün Ihnen." j Eine abwehrende Handbewegung Gelde's bewies chm, j -b er seine Gesinnung nicht geändert hatte, daß er selbst .-;n größten Verlockungen widerstand. Ein jeder rechtlich - Sender Mensch muß vor dem Märtyrer Hochachtung -'-finden, desseu Wille so ftst und unbeugsam ist. Baron Hovwitz war ein guter Charakter, aber StandesdfG öffentliche Gerede hielt er höher, als seine eigene» so bestmgencklleberzeuguug Oeldg/' fuhr hierauf Baron Hollwitz fort, .ich Ost ÄtnerTnfe Ihres Glückes willen, nicht so m J"?! UF klthäes Cttfcr a Sachen» Altäre ‘ ■ ""'^rch miel der!Skb« «rzutdinach. J&ute sühl^ «Mt, 'welche ich Inji ich 1-Mddetracht der großen DänkbaMt, löelch^ ich 9l)nW fdfajcveranlaßt, Sie noch einmal darum zu biiteivda Hn mXfyc Moment heraunaht. Melanie hat da- Alter^ttreichs^i heirathea, und ihre persönlichen Reize sowohl wie khrt'Dzoße Mitgift sichern ihr die glänzendsten Partien Jedoch ich ernäre Ihnen hier feierlich, daß ich Sie einem jeden andern vorzirhen würde, wenn Sie die Grundbedingung erfüllen...." .Herr Baron, ich muß Ihnen wieder dasagen, Waich Ihnen vor Kurzem versichert, daß ich selbst um den Preis schmerzlichster Entsagung an meinem Glauben ftsthalten und das Gelübde nicht brechen werde, welcheich einst überzeugung-voll meinem Bater geleistet. Stören Sic nicht datz Glück ihres Kindes, daich wohl liebe, von dem ich aber noch gar nicht weiß ob ich Gegenliebe gefunden. Möge Melanie glücklich werdkn an der Seite des Mannes, weichen sie liebt, uod der auch ihr «in glücklich frohes Leben zu bereiten befähigt ist. Die« alles wünsche ich aufrichtig, ohne den geringsten Hinter» gedaiken." .Nun, dann verzeihen Sie, lieber Freund," entgegnete der Baron gerührt, „und nehmen Sie noch einmal die Versicherung meiner unbegrenzten Hochachtung entgegen, ick meiiiersett« glaube mir keine Borwürft zu machen, indem ich meine Pflicht zur Genüge erfüllt zu haben erachte. Aber hoffentlich werden Sic doch meiner Einladung Folge leisten, wenn ich Sie ersuche, mich doch wenigsten« in nächster Woche am Tage meines Geburt-festes zu besuchen, welches ich dieses Mal zu einem schönen Feste zu gestalten gedenke. Denn eia halk»s Jahrhundert ist e« bereits, daß ich ,daS Licht der Welt erblickt und es soll mir ein specielle« Bergnügen fein, Sie ganz bestimmt in meinem Hause begrüßen zu können. Hier, geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie meinem Wunsche willfahren." Mit herzlichem Handschlag versicherte Gelde sein b«. stimmte« Erscheinen, worauf sich der Baron entfernte. (Fortsetzung folgt.) Ki« Vorschlag zur Aurrottuug der Aorurtheike. Von Jacob Kaufmann, Esten. In diesem Blatte ist schon öfter darüber Klage geführt worl-en, daß in den Lesebüchern der Volksschulen und höheren Lehranstalten, ja sogar in den Märchenbüchern, welche für die zarteste Jugend bestimmt sind, prosaische und poetische Stücke Aufnahme gefunden haben, welche Juden, resp. jüdische Charaktere in einer Weist schildern, wie man sich'« schlimmer nich: denken kann. Gott sei Dank! cs giebt chrislliche Lehrer genug, welche so riel Taktgefühl besitzen, derartige Stücke einfitch zu über» schlegen; leider giebt es eben so viele, die gerade solche Lesestücke einer eingehenden Besprechung unterziehen und dadurch die anwesendend jüdischen Kinder dem Hohne und Spotte ihrer Mitschüler, resp. Mitschülerinnen preisgeben. Der sel. Rektor Dietlein in Dortmund, deffe« Lesebücher auch in vielen jüdischen Schulen Eingang gesunden, hat, darauf aufmerksam gemacht, mft der größten Bereitwilligkeit zugesagt, daß derartige Stellen in der nächste» Auflage entfernt würden. Doch wie viele anstößige Stelle» müjen in anderen christlichen Lesebüchern enthalten sein, ohne daß wir e« wiffen, und diest lege« den Keim zur Vergistuug der jugendlichen Seelen, die die erst« Veranlassung zu« Antisemitismus sind, der dann in spätere» Lebensjahre» häßsth in die Erscheinung tritt. — M so!