Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 10 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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— 88 — schrecklichen Grwiffe» bisse. ine sein Treubruch ihm verursachte, die grenzenlos« Reue, di« ihn ersaht« — aber vergebens, er konnte keine Gelegenheit finden, die Berzeihung seine« be» trogenen Lollegen wiederzuerringen, der ihn mit Berachtunstrafte. In lebhafter Weise gab er nun den Gefühlen Ausdruck, die ihn beherrschten, nachdem er da« grüßte Glück seine« Lebens, die Vergebung uns Freundschaft deeisten Earl, wieder» errungen. verlegen räusperte iich hierbei Geld«, denn ihm war die Selbstauklage seines Freunde« sehr unangenehm. Als v. Wahle geendet hatte, wisc^ sich Erna die Thränen au« ihren Augen, während die Muttei feierlich sagte: „Wohl dem, der noch zur rechten Zeit von aufrichtiger Reue erfaßt den schlüpfriger! Weg der Sünde verläßt, um den geraden, ebenen P<ad der Gerechtigkeit zu wandeln. Lieber Freund, Sie verdienen die hüchste Anerkennung, nachdem Sie selbst da« Bedürfnis der Gewiffen-reinheit fühlten. Sie haben Ihren Fehltritt schwer empfunden und durch Ihre spätere Handlungsweise unS Alle zu Ihren ewigen Schuldnern gemacht." Stunden gingen dahin im vertraulichem Gesprälhe, bis auch Carl, von den Auweseaden unter dem Versprechen der Diskretion aufgefordert, seine Leidensgeschichte erzählte, wie ihn ein glücklicher Zufall mit dem Baron zusammengeführt, sie beide vor dem sicherer Verderben bewahrte und zur Stufe des Erfolges gehoben. Ernst erbleichte bei diesen Schilderungen und ein Schauer durch bebte seinen Körper, wenn er sich vor Augen hielt, wie schwere; Unheil durch Gotte- Fügung verhütet worden war. Da »ar es wieder die alte Frau, w«! che das allseitige Sthweigrn unterbrach und mit Überzeugung«» vollem Tone di« Worte sprach: „Es ist gewiß, so sehr sich auch der Fortschritt bemüht es zu widerlegen, daß es ein« göttliche Vorsehung girbt, die über einejeden Ertxnsrhnes Schicksal ein wachsame« Baterauge hält Mögest 2)u. mein guter Sohn, fortan in ungetrübtem Glücke des Lei»»« Freuden genießen und 'vir ein jeder Herzenswunsch in Erfüllung gehen." Noch einige Zeit weilte die Gesellschaft so beisammen, bis sich von Wahle in Anbetracht der vorgerückten Stunde verabschiedete, mit dem Bewußtsein, schon lange nicht so traute, stlige Stunden verlebt zu haben, als im Familienkreise seines Freundes. * * » De« anderen Tages begab sich Earl Geld« zum Baron, um ihm seine Rückkehr anzuzeigeo. Die herzliche Aufnahme, welche ihm zu Theil wurde, bewies ihm, daß er ein gern gesehener Gast war, drfien Abwesenheit man schwer empfunden. Der Ingenieur sprach rbeu mit dem Baron über die Eindrücke, welche Amerika aus ihn gemacht und berichtete über die abgewickelten Geschäfte, als Melanie hereiutrat. Eine leichte Rvthe überzog ihre Wangen und raschen Schritteeilte sie dem Gaste entgegen. Dieser brach das Gespräch entschuldigend ab und küßte die dargrbotene Hand der Baroneffe. »Ach, Herr Gelbe, »as war nicht schün von Ihnen, gar so lange sortzubleiben, ohne das geringste Lebenszeichen von sich zu geben. Nicht einmal fanden Sie es der Mühe werth, an mich nur einige Zeilen zu richten." „Gnädiges Fräulein", entgegnete Gelde mit ironisthem Lächeln, „ich wußte Si« ja in der Sommerfrische in angenehmer Gesellschaft, so daß ich Ihre kostbare Zeit absolut nickst zu stören wagte und übrigens habe ich ja den Termin mecner Rückkehr ganz g:nau eiagehalteu." Melanie war von dieser trockenen Gegenäußeruug sichrlich überrascht, und sich ihm zuwendend antwortete sie: ,3a, es waren hcrrliche Tage, die wir verlebten, ich erinnere mich nicht, »älireud meine« ganzen Leben« einer so schönen Sommer genösse« zu haben. Lsttz um wie viel schün«: ist doch dtze einsack^Ratur, ,ü» di» ,m«,lsthsilhs OEaift." ~ *' amt '— '' * ■ »Auch Ihnen scheint die Abwechslung angenehm gewesen I zn sein, und man fleht Ihnen wenig von der Überstunden« j Seekrankheit und den Reisestrapazen an. Haben Sie sehr: darurter zu leide» gehabt?" seht« sie besorgt hinzu. ,3ch danke Zchnen, gnädige« Fräulein, für Ihr« »r sorge, denn ich habe glücklicherweise rar wenig auf der Skise von dieser Krankheit gelitten, obzwar sie sich doch an mich! ' herauwagtr, aber sie wurde bald durch meine kräftige Natur' verdrltngt. Nachdem Sie sich so köstlich unterhalten, muß ich" Ihn«» von wir dagerade Gegentheil mittheilen. Noch nie habe^ ich muh nach meiner Heimach so sehr gesehnt, als währe»d, dieser Monate. Der Reiz der Neuheit war bald vorüber, j und ich fühlte »ich furchtbar ungemüchlich unter den Menschen," deren ganze« Denken und Sinnen nur dem Mammon gilt.s Dort giebt eS weder Rast noch Ruhe, ununterbrochen arbeitet! da« k'orpotnun» mobil» de- Gelderwerben». Ich muß Ihne» i gestehen, daß der Egoismus de« Amerikaners sogar den de« " Engländer« noch bei weitem übertrifft, da dieser doch noch ein rxlrmes Gefühl für etwa« Höheres aufweist, während bei dm Amerikanern Alles, selbst jede Gefälligkeit im freund»^ schast ichsten Kreise geschäftliche« Interesse in sich birgt." Melanie lauschte diesen Schilderungen de« Jnarnieurs'. und ,nn versöhnender Zug umspielte chren Mund, während« sie ailsdruck-voll sagte: * »Ich habe nur etwas auf dem schönen Landsitze vermißt, " und da« war Ihr geistreicher Vortrag. Herr Gelde, derj mir unersetzlich düntt. und nach dem es mich oft mit seh«l»H süchtigem Verlangen erfüllte." Gelde'« Augen strahlten bei dieser offenherzigen Kund« gebuiig der jungen Baroneffe und ihre kleine Hand ergreifend Z sttzte er hinzu: Auch ich muß Ihnen gestehen, daß ich meine aufmerksame Schülerin vermißt«, daß ich täglich au Sie gedacht, und mich auf di« immer näher rückende Rückkehr gefreut! habe, da ich über Ihre geistreichen Fragen mich wieder zu! paffenden Antworten rüsten müßte, was doch den Geist s»1 angenehm beschäftigt. Welche« Wunder, wenn ich, der durchs Sie Verwöhnte, an dem Erdtheile Mißgefallen fand, welcher! zwar in verhältnißmäßig kurzer Zeit sich so bedeutend! empocgeschwungen hat und eine so hervorragende Rolle spielt,^ wo ober in de« Worte« wahrer Bedeutung nicht« als nur, das <8eld die Welt regiert." Gleich darauf verabschiedete er sich von Melanie, um] dem Baron in sein Arbeitszimmer zu folgen. (Fortsetzung folgt.) Ki».> i» der Aerkmer irraek. MokLskkche.^ Bon Dr. Max Bauer, Redakteur de« „Rolfen Kreuze". Bor einigen Tagen brachte der Briefträger mir — wie] gewöhnlich — den in diesem Winter etwa« allzu anspruck" vollen Morgengruß meiner Humanitären Tages-Ordnung, übliästn 6—8 Schmerzensbrieft der Roch, des Elend», der] Krankheiten, der Arbeitslosigkeit mit dem ganzen Gefolge des» Jammers, an dem der Jndifferentismu« gar häufig nochkälter vorüberzieht, als dieser sibirische Winter es leider ge-S than. ... Die besonder» drängend« und bringende Form] eines NothschreKs au« der Prinzen-Allee fiel mir auf. Ich? k cuzte den Brief an, denn da« Portemonnaie hat einen —1 Boden und der Arbeitstag nur 24 Stunden, und legte ihn; auf nne bevorzugte Ecke des Schreibtisches. Gegen Abends kam eiu ebenso edeldenkender, als herzenüwarmer Freund, mit] mir ernste Fragen der praktischen Humanität zu beralh« Bein! Abschied gab ich ihm beugten Brief, mit der Bitte,^ seine opstrbereite Gattin möge die Winterfahrt nach »da» draußen" wagen und di« Roch sechs halberfrorener und] hungernder Kinder prüfen. Der Man» mit dem war« Herzm nickte und giug — <« giebt noch solche M« ' «ch" "" '