Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 9 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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Jahre nuten dahin geschwunden. Da» Pvrimsest ml seinen Freuden war erschienen. Der Sbendgotte»dienst, der in der in Hellem Kerzenfthei,e strahlenden Synagoge zu Wiesenthal zur Feier de» kieste» abgehaltrn wurde, war beendet und ftohen Gemüthe» und gehoben durch die eben wieder vernommen« Sunde von der wunderbaren Rettung der so hart bedrängten Boifahren in alter Zeit, hatten di« Andächtigen da» GotteShau» verlassen, sich gegenseitig: „Gut Purim! Gut Purim!" zurufend und diesen Festesgruß, dem Charakter de» Abend» entsprechend, mit scherzhaften Bemerkungen glosfirt. Einer ter letzten, die die Synagoge verürßen. war der Schneider David Ascher, ei» ehrbarer, biederer HondwerkSmonn, ver ol« strenggläubiger Jude am nun verflossenen Tage, dem Fasttage Esther», noch nicht» aeuössen hatte. Dennoch hatte er keine so große Eile stiner Behausung zuzuwandern, wie wir e» bei vielen Anderen bemerkten. E» hatte einen besonderen Grund, weshalb er zögerte, den Heimweg anzutreten. Er sah e» gern, wenn an seinem Purimfesttische ein Aurach*) laß. den er an seinen wenn auch bescheidenen Festgenüssen «heiluehmen lasten konnte. An einem Abende, wie der heutige, pflegten arme Glauben»- Eoffen zugereist zu kommen, denn in Wiesenthal fand man I freundlich« Aufnahme. Auch heute hatte er schon beim reten de» Gotteshaus«» mehrere Fremde wahrgenommen, unter denrn ganz besonder» einer seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Während die Anderen bereit» eine anderweitige Einladung erhalten hotten, war dieser bisher noch unberücksichtigt geblieben, weil er sich scheu zurückgüogen hatte. Die» ließ David Ascher vermuthen, daß jener Mann nicht zu den pafsionirten Schnorrern gehörte, die sich sonst sofort vorzudrängen pflegten. Er trat nun au> den vor dem Eingänge irr einem schattigen Winkel stehenden Fremden zu, der mit niedergeschlagenem Blicke ihn zu erwarten schren, ihn in steundlichem Tone aufford.-rnd, ihm zu folgen. Der Fremde kam schweigend seiner Aufforderung nach und beide verließen da» GotteShau». Auf dim Wege nach dem Ascher'schen Hause, da» am äußerster: Ende der Stadt belegen war, Scholl ihm lauter Festeijubel entgegen, und vereinzelte <■ 'krn traten ihnen sthon in den Weg. Eie betraten die Aschnc'sche Wohnung. Der Hausherr ging voran, der Gast folgte. Di« Hausfrau, die ihrem Manne vorangreilt war, um den Festlisch in würdiger!köeise Herrichten zu können, begrüßte die Eintretenden mit dem Purimgrub, und der Hausherr sprach, auf seinen noch an der Thürschwelle verharrenden Begleiter deutend, zu jener: .Hier, lieb« Mirjam, bringe ich Dir einen Gast." .Da» ist mir sehr lieb," erwiederte die Frau, und blickte sr-undlich auf den noch immer unbeweglich dastehenden Mann. I« länger sie diesen iber anschaute, desto ernster wurden ihre Gesichtszüge. S« schüttelt« wohl den Kopf, gab aber ihren seltsamen Gebarken, die plötzlich in ihr aufstiegen, noch keinen Ausdruck, Melmehr nahm sie wieder eine frrundlichr Miene an und sprach mit unsicherer Stimme: »Lieber Mann, seien Sie mir willkommen!' Aber auch mit dem Fremden war eine seltsame Ber- Änderung vorgcgangen, als er der Hausherrin in'« Gesicht «schaut halte. Sem Gesicht war plötzlich von einer fahlen Bläste überzogen worden und er war einen Schritt zmückgetrrren. Der Hausherr hatte sich längst zu Tisch gesetzt und «» bedurfte der wirderhulten Aufforderung, ehe auch der Fremde sich auschicktr, am Tische Platz zu nehmen. David Ascher liebte e», sein« Gäste unaufhörlich zum wackeren Zugreifen zu ermuntern und eine Unterhaltung m>t denselben auzuknüpftn. Er pflegte sich nach den Led-nti- Schicksalen zu erkundige» und erwarb sich stet» das volle Zutrauen sei ner Gäste. Auch heut« handelte er dieser Gewohnheit «näß; aber seltsame, Weis« berührte der Gast zn seinem Leidwesen nicht allem kein« Speisen, er hatte auch nur auf wenige Fragen eine kurze Antwort. Da nahm sich denn. Frau Ascher ein Herz und ftagte .Woher stammen Sie?" »Mein Geburttort heißt Heimstadt". Alt der Geftogtr diesen Ort nannte.^horchten di« Zuhörer gespannt auf. „Aus Heimftadt? Wie heißen Sie denn?" „Ich hnße Neidinger." „Der Name ist mir unbekannt, obwohl ick sonst die Juden Lieimstadt'» sämmtlich kenne, da ich daselbst geboren bin." „Sie sind gebürtig au» Heimstadt, also meine Landsmännin?" rief im höchsten Grade erstaunt der Fremde. „Wie hnßt denn Ihr Familenuame?" .Molenheim!" entgegnete die Frau, den Fragenden scharf beobachtend. Kaum aber hatte dieser den Nomen vernommen, al» er zu der Hau« -rau eilte und die Hände wie flehend zu ihr emporhrtend, mit zitternder Stimme ries: * „Mirjam, Schwester, Dein unglücklicher Bruder steht vor Dir!" Kannst Du ihm verzeihen, wo er so schwer gefthlt?"- Frau Ascher stand wie gcbannt da, sie war keine» Worte» mächtig. Dann ermannst sie sich und ftagte zweiftlnd: „Ich . . . Ihr« Schwester? Sie sagten doch eben, Sie heißen Neidinger. Wie ist da bei der Berschiedenheit der Namen eine so nah« Verwandschaft möglich?" „Um hierüber Ansklärung geben zu können muß ich zunächst da» ketenntniß einer schweren Schuld oblegen Höret »ich und verdammet mich nicht, denn ich bereue tief." Vor langen Jcchren war r», da war allmählich mein Herz von einem Haffe gegen meine GloubenSgenoffen erfaßt worden, selbst meine eigene Venvandten mied ich. Ich Slaudte, sie Alle seien mir im Wege bei der Jagd nach iuhm und Ehren. Um sie ganz von mir abzuschütteln, nahm ich da» Ehristenthum an und verwandelst meinen Namen Moritz Mosenheim in Johanne» Neidinger. Auch meine jZrau und zwei Söhne ließ ich taufen. Nun glaubst ich alle Hindernisse beseitigt, um zu Glanz und Ruhm zu gelangen. Aber wie täuschte ich mich! Ich hatte wohl die Tauft empfangen, ward aver stet» der — „getaufte Jude" genannt. Meine bisherigen Glaubensgenossen verachteten mich; in« Chrislrn spotteten meincr! Ta wollte ich ihnen zeigen, daß ich mit dem Judentbum wirklich nicht» gemein habe, ich stellst wich nun an die Spitze der judeaftindlichen Agitation, — auch die» hatte den erwünschstn Erfolg nicht, ich hatte den größten Theil meine» Vermögen» nutzlos dabingege!)«». Da brach denn da» Verhänginß über mich Herrin. Meine Frau war schon längst gestorben. Sie httst den Glc ubenSwechftl nur kurze Zeit überlebt. Mein« beiden hoffnungsvollen Sühne batten ibre Studien beendet. Der älteste war Rechttanwalt grwcndcn. Auf meine Brran laffung hin war auch er in da» judenfeindlichr Fahrwasser geralhe». Er hatte ober ein verschwenderische» Leben geführt, machte sich in der Folge verschiedener ltnredlichteistn schuldig und musst fliehen. Er ist bi» heust verschollen. Nicht bester erging e» meinem anderen Sohne. Derselbe war Arzt gcwrrdeu. Sem prononcirt jüdische- Au-sehen hatte ihm eine« Tage» den Zuruf: „Jude!" zugezogen. Er sah in diesem Zuruf ein« Beleidigung, und al» er gar er llürt hitte, er sei kein Jude, und dann von det anderen Sette lnc Erklärung erfolgt war: „Aber jedenfalls getaufter Jude!", da war ein Duell unvermeidlich geworden. Da» End« nur, daß mein Sohn tobt auf dem Kampfplatze blieb. So war denn mein Lebentglück vollend» zertrümmert, ich war zerfallen mit Gott und den Menschen. Ich suchst in meiner Verzweiflung den Tod. Aber mein Vorhaben ward »erettelt. Ein armer Jude, der ehemal« von mir I Armer Wanderer,