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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 8 (1893) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
8 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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üllte Menge Die die Gassen lustwandelnd durchzog, den Wagen halten, und fragten einen Mann nach dem Grund« deS festlichen fassen ließen vorübergehenden Gepräges. .Wir haben heut« Siichweihe,' entgegnen der Angeredet« überrascht, daß rS jemanden geben könne, der nicht« von diesem Feste wiffe. Für die Auskunft dankend fuhren sie weiter, bisie vor einem Hause, dessen Schild eal» Gasrhau« erkennen lieh, hielte:,. Mit tiefen Bücklingen empfing der dicke Wirth die feinen Gäste, ihnen die besten Speise, und Getränke anempfthlend, von welchen auch die Herrschaften einige Auswahl getroffen hatten und nun mit gutem Appetit aui deren Fertigstellung warteten, obzwar ihre Geduld auf ein« sehr harte Probe gestellt wurde. Endlich nach einigen Viertelstunden kam der echausfirte Wirth mit dem Gewünschten, von dem die Gesellschaft nur wenig trotz ihrer Hunger» hinunterbringen konnte. Da plötzlich stürzten einige Männer mit aufgeregten Gesichtern herein und machtt» dem Wirth« die Mittheilung, daß die in der Nähe befindlich« Eisenbahnbrücke eingestürzt sei und Hunderte von Menschen mit dem Tode rängen. Auch auf die Fremden machte diese Nachricht eine« erschreckenden Eindruck. Gleich wurde die Rechnung bezahlt und der Wagen in Begleitung eines Mannes bestiege», welcher den Ort der Katastrophe kannte. In rasender Eile flöge:, sie der Unglücksstätte zu, um das traurige Schauspiel in Augenschein zu nehmen und den der Rettung Harrende, Hilft angedeihe«zu laffen. Unzählige Menschen liefen in fliegender Hast zu der Brücke mit, bi» ein beinahe undurchdringlicher Menschenknäuel sich den Pferden entgegenstaute, denn hier schien der Ort zu sein. Die schnaubenden Roffe schafften bald Raur, und fuhren in langsamem Schritte durch. Gn Qualm von Ta,!ps stieg den Jasaffen entgegen, denn unter ihnen in Fluhl'ette lag die zischende Locomotive, welche von der gänzlich zcn'4 wetterten Brücke herabgefallen war. Ein herzerschütter»- i •' Sckpuspiel bot sich der Gesellschaft dar, welches die junge Baronesse zum Mahnruf nach Umkehr veranlahte, da sie den sie beherrschenden Gefühle» «4 Mitleid» zu erliegen fürchtete. Da wandte sich Ernst von Wahle ernsthaft seinem Via-a-via mit den Worten zu: „Herr Baron und gnädiges Fräulein, wollen Sie mich gütigst entschuldigen, in, muh hier bleiben, um mit de, meiner Praxis zur Beifügung stehenden Mitteln Antheil zu nehmen an der Rettung der vielleicht noch lebenden Hilflosen, wozu mich die Pflicht al» Mensch mahnt." .Ich will Sie durchaas nicht abhalten, Herr v. Wahle,' entgegnet« der Baron, .denn ich werde nur meine Tochter in da» Gasthaus zurückgele ten und komme dann mft so vielen beherzten Männern, als mein Wagen zu tragen vermag, wieder rasch zurück." Darauf veiabschiedtte siil. der junge Mann herzlich und eilte der Stätte näher, bei deren Bettachtung er zusammen - schauerte. Das härteste Heiz muhte verzagen bei diese» trostlosen Anblicke, wie sich die Passagiere vergebens bemühte, die Fenster zu öffnen, um einen Ausweg zu finden, während daL Stöhnen der schwer Berwundeten die Luft erschütterte. Entschlossen sprang der Ingenieur in den Fluß und schwamm mit einigen beherzt«« Männern mit Hintansetzung des eigenen Lebens den Ringenden zu Hilft Die ihm unterdes auf Kähien herbeigebrachten Werkzeuge gebrauchend zeischmetterte er mit wuchtigen Lxhlägen die Fenster der Eoupae» und half den noch lebenden Insaffen ins Freie. Da drohte ih« die Besinnung zu verloffen, denn eine Mutter verschmähte Me Lebensrettung im Schmerze um chren todten Säugling, de«sie in drn Armkn hielt. Doch sein Mitgefühl überwälttgend, faßte sie der beherzte Mau:, an und riß sie aus dem EorchSi:, «» durch ihre Entftrnung den Uebrigen den AuS«a frei z, ««chen. So arbeftett er ununterbrochen an dem Rettuaas- Ufr Ü chm dw Baron entgegen und labte ihn mit Wein, welche« er i« reichlicher Fülle Mr die Opftr mitgebracht hatte. Der Lavalier bemühte sich sein Möglichstes zu leisten und die au» Lind Geschafften wftder zum Leben zu bringen. Saum hatte sich von Wahle einige Ruhe gegönnt, als er wir der «inen Kahn bestieg, um sein Werk fortzufttzen, wobei er von den müßig Zus chauenden mit stürmischen Ruft» begleit«, wurde. Er achttte nicht der Ovation, sondern rief mtt weithindröhnender Stimme: .Steht nicht so müßig da, sondern helft jeder, der Helfta kann!' Tiefem Mahnruf leisteten auch viele Männer Folge, welche sich nicht beschämen lassen wollttn und mft Muth an die ttaurige, gefährliche Arbeit gingen. Unterdeß war der heldenmothige Mann mit gestärkten Kräften bei de« Bedrängten angelangt und wurde zum Leittr der Seftion. Alles dH feinen Opftrmuth und fügtt sich seinen Jnstrattionen, welche Sachkenatniß verriethea. Mit unsäglicher Mühe wurden die ttes herabgesenften Waggon» gehoben, um die dann Befindlichen vor dem Erstickungstod« zn bewahren. Doch war b.inahe überall die Arbeit umsonst, denn nur Leichen wurden herausbefördert. Wieder enünt da» Eommando von Wahle's und «in Waggon wird gehoben. Rasch eilt er herbei, zeitrümmert die Fensterscheiben, um Einblick zu gewinnen. ES ist ein EoupSe erster Klaffe und darinnen liegen zwei scheinbar tobte Frauengestalteu aus den weichen Kiffen dahingestreckt. Mit Blitzesschnelle werden sie hervorvorgezcaen — doch wie erschrickt von Wahft, als er in da» todtenbleiche Antlitz Erna'», der Schwester seine» ehemaligen Freundes Geld«, blickt. Erleichttrt achmet er auf, al« schwer« Athemzüge noch vorhandene» Leben bezeugten. Die »weitt Frauensperson, deren weiße Haare wirr um da« bleich« 'Besicht flatterten, wird auch in da« Fahrzeug gebracht, wo sie der Ingenieur dem Ufer entgegenbnngt. Die furchtbar« Aufregung des Wiedersehen» mit dem Mädchen, dem er schon einmal da» Leben gerettet, raubte ihm beinahe die Besinnung und physisch wie geistig erschöpft langte er an. Der Baron eilte ihm besorgt entgegen, erkundigtt sich nach seinem Befinden, prallte aber in dem Moment entsetzt zurüch denn e : hat in den beiden Bewußtlosen Mutter und Schwester seine» Lebensretters erkannt. Sofort suchte er einen Arzt, welchen er auch bald mit dem Versprechen einer fürstlichen Bezahlung bei Rettung der beiden Berunglückttn mitbringt. Dieftr veranlaßt« nun olle- Mögliche zur Wiederbelebung der Bewußtlosen. Endlich nach langer Thätigkeit ist es ihm gelungen und Beide öffnen die Augen. Da entringt sich der Mutter der klagende Ruf: jSxna, mein Kind, lebst Du, wenn nicht, so laßt michzu ihr eiftn und erweckt mich nicht aus dem Tode!" Ein leise» „hier bin ich" tönt von den Lippen de» glückliäfen Mädchen», das nun die Ueberzeugung gewonnen, daß die geliebte Mutter auch dem Tode entronnen fei. Doch bald übwmannte beide die Schwäche, worauf sie der Baron gemeinsam mft Ernst von Wahl« nach dem Wagen trugen, um ihnen baldigst sorgfältigste Pflege angedeiyen zu lassen. Ein ge» wifftr Egoismus ließ nun den Ingenieur die noch so vielen leidenden Menschen chrem Schicksal überlassen, indem ihn nur der eine Wuüsch beseelte, Earl Gelbe seine wahre, tieft Reue und Dunkbarkeft zu beweisen, daß er ihm das Teuerste auf Erden »or dem Untergänge bewahrte. Langsam fuhr der Wagen dem Städtchen zu, damit nicht die Erschütterung den Schlaf der Geretteten störe. Run hatten sie da» Gasthaus erreicht, wo Melanie sie bereits ängstlich erwartete. Ern Ohnmachtaufall überfiel sie als sie der Berunglückttn ansichtig wurde.. Der Wirth hatte den Herrschaften seine Privatwohnung zur Verfügung gestellt, um die Kranken sofort in'» Bett zu * bringe«. D« beiden Männer halten vollauf zu thnu, um lrem Amte als Krankenpfleger gerecht zu werden,^ welches sie auch von Herzen gerne üdernohmen. ""*-- «tzketzn^—'

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