Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 6 (1893) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
6 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492351-8722848-5962256--2081-5375938
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

die Pläne studirt, um seinen Erholungsort zr^einem comfortabeln Prachtbau zu gestalten. Ein großer See war inmitten des wunderbaren Parkes für Bade- und Lustfahrtzwecke regulirt worden und alle erdenkliche Sorgfalt auf Bequemlichkeit und Eleganz verwendet. Es war ein überraschender Anblick für die kleine Gesellschaft, bestehend aus dem Baron, Earl Geld», der jungen Baronesse und Erna, welche eines schönen Tage« aus einem Landauer, der vor dem Gitterthorr hielt, stteg und von einem Diener, der ihnen öffnete, empfangen wurde. .Nun wie gefällt es Ihnen," wandte sich der Baron an den neben ihm einherschreitenden Gelde, während Melanie und Erna nachsolgtrn. .Wunderbar, entzückend!" hallte es aus aller Munde wie auf einmal. Bon schattigen Bäumen umgeben erhob sich auf einer Höhe die Billa „Melanie"; unter diesem Namen erglänzten rn Goldbuchstaben die Worte: „Per laborem ad honorem!“ („Durch Arbeit zur Ehre!') Am Eingang trat ein älterer, sonngebräunter Mann den Ankömmlingen entgegen, welchen der Baron als den Gärtner und Verwalter vorstellte. Dieser wandte sich der Borhalle zu, um dem Besitzer alle Einzelheiten der schönen Billa mit ihren Anlagen zu erklären. Auf und nieder ging eS, von der Veranda auf' die Kuppel, von da in die Gemächer, hierauf in den Keller, kurz Alles bis ins kleinste Detail wurde einer Besichtigung unterzogen. Ohne sich Die geringste Rast zu gönnen war die Gesellschaft dem vorausgehenden Gärtner gefolgt und hatte den stenhvft schönen Park besichtigt, in drffen Mitte der große Eee blendend funklte. In jugendlichem Uebermuth wollten Melanie und Erna eine Kahnfahrt unternehmen. waS jedoch derBaron in Anbetracht der vorgerückten Dinerstunde nicht gestatten konnte. In kurzer Zeit wandten sich die Ankömmlinge der Villa zu, wo bereits auf der, eine weite Aussicht darbietenden Veranda der Tisch servirt war. Ungezwungen sprachen nun die von der Reise Ermüdeten dem Mahle zu, nach dessen Beendigung sich die Herren eine Cigarre ansteckten, und die jungen Mädchen chre Zimmer aufsuchten. Während. dieses Zeitraumes hatte eine große Zahl arbeitender Hände das Gebäck hereingrschaft und der beträchtliche Dienertroß den Schauplatz ihres nunmehrigen Wirkens näher in Augenschein genommen. Doch an allen Gesichtern bemerkte man eine gewisse freudige Aufregung, welche gewöhnlich großen Festen vorauszugehen pflegt. FürMorge» war ja eine glänzend« Feier in Aussicht gestellt, da der Baron die Einweihung feines Landsitzes zu einem großartigen Festtage zu machen beschlossen. Unzählige Einladungen waren an die hohe Aristokratie und haute finance ergangen, welche durch ihr Erscheinen dem Feste die Weihe geben sollten. Aller menschlichen Voraussicht nach zu schließen, schien die Feier auch vom Himmel mit gutem Wetter begünstigt zu werden, indem von dem wolkenlosen Himmelszelte die Sonne mild auf die Mutter Erde herniederstrahlte. Der Morgen des nächsten Tages war herangekommen und alle Hoffnungen auf das Gelingen des freudigen Ereignisses beftätft. Es war ein herrlicher Sommrrtag. Unzählige Wagen rollten vor dem Portale vor, und während Baron Hollwiy die ankommenden Damen und Herrn auf'« freundlichste empfing, machte die junge Baronesse in liebenswürdigster Weise die Honneurs, wobei ihr auch Erna treulich zur Seite stand. Eine stattlich« Anzahl Gäste war bereits erngettoffen, welche grüßtentheils wohlklingende Namen trugen und in ungezwungener, echt weltmännischer Weise conversirteu. Da bemerkten wir auch die große Gestalt Geld«'», welcher die mefften Herren kannte und von diesen bald völlig in Anspruch Kommen wurde. Auch bei den Damen schien er sich ziemlicher liebtheit zu erfreuen, was die freundlichen Mienen, sobald er sich in ihren Kreis begab, bewiesen. Er hatte sich in der verhältnißmästig kurzen Zeit eine große «irtuofität im gvsellschastllchen Berkehr« angreignet und verstand es vortrefflich, unbefangen auf all« Scherze und Gespräche der illustren Gesellschaft mit Tact einzugehen. Unter Händedrücken und Händchenlüsstn gingen die Stunden des vormittags dahin, bis die Zeit des Diners herankam. In dem Parke unter schattigen Bäumen war dl« Tafel in Huseisenform gedeckt und bereit» kostbare Aufsätze mit allerhand Erfrischungen daraus postirt. Galant reichten die Herren den Damen ihren Arm, um sie zu de» Plätzen zu führen, und eben bot Gelde einer jungen, schönen Dame seine Begleitung an, al« er plötzlich wie geistesabwesend einem vorübererlenden Paare nachblickte. Er hatte die schöne Gestalt Melanie'S erblickt an der Seite eines Mannes bei dessen Anblick ihn alle Selbstbeherrschung zu verlasien drohte. „Sollte er es wirklich sein? — ja, ich täusche mich nicht, eS ist Wahle, der elende Schurke will auch sie mir entreißen, das soll ihm aber nicht so leichten Kaufe» gelingen." Diese Worte gingen in fliegender Hast über sein« Lippen, al« er Wahle, den Dieb seiner Erfindung, jetzt hier als den Führer der jungen Baronesse erkannte. Endlich wich sein ZornauSbruch, denn er fühlte den fragenden Blick der jungen Dame auf sich geheftet. „Entschuldigen Sie, gnädige« Fräulein, wenn ich Sie ein wenig durch mein Benehmen erschreckte, aber ich bin mi r selbst nicht bewußt, wie ich mich einer solchen Schwäche überlassen konnte, ich glaubte nämlich, einen mir früher nahestehenden Freund unter den Anwesenden zu bemerken. Ich hoffe mich aber gewiß getäuscht zu haben," setzte er energisch hinzu, „es beruht wohl auf einer Verwechselung". „Aber wir sind ja ganz zurückgeblieben," entgegnete da» zarte Wesen an seiner Seite, welches im Bergleiche zu seiner Hünengestalt noch schwächer erschien, „wir müssen uns beeilen, um den Anschluß zu erreichen und nicht Argwohn zu erregen." Raschen Schrittes suchten die beiden Nachzügler di« Gesellschaft zu erreichen, welche sich bereit« an der Tafel placirt hatte. Der Baron hatte Gelde unter den Anwesenden schon vermißt, was sein lebhafte« Lächeln und Zunicken bei seiner Ankunft bestätigte. Dem HauStierrn gegenüber nahm dieser an der Seite seiner Begleiterin Platz, welche einem ältern Herrn jchelmisch zuries:. „Papa, Papa hier bin ich, spät aber doch!" Dieser winkte ihr zu und wandte sich darauf an seinen Nachbar. Toaste wurden ausgebracht und in fröhlicher Laune Champagnergläser aneinandergestoßen, alle» schien sich köstlich zu amüsiren. <£» war ein echtes, ungezwungenes Gartenfest. Hell erllong da« silberne Lachen der Damen durch die kühle Waldesluft. Dem aufmerksamen Beschauer konnte eS aber nicht entgehen, daß zwei Theilnehmer an der ststlichen Tafel sahen, deren heitere« Wesen nur gezwungener Natur war; diese Beiden waren: Gelde und von Wahle. Durch Zufall waren sie — da sie beide für berühinte Erfinder galten — in größter Nähe via-a-vit placirt, so daß der gegenseitige Anblick selbst jede äußere Freundlichkeit verscheuchte. Tiefe Blässe bedeckte das Antlitz Gelde'«, der in Wahle nur den Mann sah, welcher durch Berrath ihn dem schwindelnden Abgrund entgegengetrieben. Hoch schwoll seine Zornesader an, und seine sonst so imponirende Ruhe schien ihn verlassen zu wollen. Ernst von Wahle hatte sich während der Zwischenzeit zu seinem Vortheilc geändert. Ein dunkelblonder Bart verlieh seinem Antlitze einen Ausdruck von Männlichket, doch jetzt saß er bleich mit niedergeschlagenen Augen seinem ehemaligen Freu,,!)« gegenüber. Melanie s>hien die Umwandlung an ihrem Tischnachbar wahrgenominen zu haben, welcher ihr früher in so ungezwungcner, liel-ensmürdiger Weist seinen Arm angetragen, wußte aber nichtsdestoweniger durch jugendftohe Scherze und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.