Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 5 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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im herrlichen Parke sich umhergetrieben und alle körperlichen Hebungen gepflegt hatte, verbrachten«» über ihren Bücherriisitzend und studirend ihre schöne Zeit, nur ein Ziel vor Augen habend, Earl Selbe an Wissen gleichzukommen. Woher jedoch dieser unendliche Eifer, der so plötzlich sich in ihrem Innern fest, aewurzelt hatte? War ti der unbezwingliche Wissensdurst? Nein, sagen wir e« frei, es war der Neid. Diese Giftpflanze, die in dem Herzen so vieler Menschen wuihert, war auch in sie gedrunqen. Sie, die Tochter de« reich:» Baron Hollwitz, dessen Geschlecht Jahrhunderte alt, sie. der letzte Sprosie dieses Stammes, sollte sich von einem armen Jüngling ohne Namen Übertreffen lasien, welcher in dem Hause ihres Vater« Unterstützung genießt? Sie achtete Earl «Selbe, aber sie betrachtete ihn mit einem gewissen Gefühl der Ueberleaenheit, und eben deshalb wollte sie ihm an Wissen nicht nachstehen. Mit ftinem Zartgefühl und Takt suchte sie ihm sein schweres Amt zu erleichtern und zollte seiner unübertrefflichen Lehrmethode den verdienten Beifall. Die junge Baronesse war eben von den» gesellschaftlichen Borurtheue der oberen Zehntausend so sehr durchdrungen, daß sie nur da« Wissen achtete, ohne die anderen edlen Eigenschaften ihre« Lehrers einer nabcren Betrachtung zu unterziehen, was sich mit ihrem edlen Blute nicht vereinbaren wollte. So gingen Wochen dahin, und sie war im Wissen auf eine relativ hohe Stufe gelangt, jedoch je weiter ihr Geisteshorizont wurde, desto mehr gelangte sie zur Einsicht, um wie viel sie unter «Selde'S «SristeSaiveau stehe. Wa« dieser durch jahrelange ernste Thätigkeit errungen, konnte naturgemäß die energische Baronesse nicht in Windeseile erreichen. (Forts, folgt.) Air Aorvilditkg des jüdische« Lehrers im Kemi«ar. Lehrerconferrnj-Vortrag von H. Rcug in Neuftadtgbden«. L M. H.! Wir leben in einer für uns Juden recht traurigen Zeit. Wer hätte wohl ahnen kännen, daß in unfern deutschen Landen der Judenhaß solchermaßen wieder hätte erwachen können am Ende de« IS. Jahrhundert«, nach der Einigung und dem Ausbau de« deutschen Reiches, desien Verfassung allen Deutschen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses seinen Schutz bietet, ihnen gleiche Rechte sichert und gleiche Pflichten auferlegt! Wer konnte ahnen, daß ein so großer Theil unsere« Bolle«, aber auch leider eine so vornehme politische Partei mit eingefleischtem ^>asse nn« Juden bald als Raffe, bald al« Religionsgemeinschaft mit ihren Anklagen und Verleumdungen würde verfolgen können! Die Anklagen gegen un« sind größtentheils, soweit sie auf Borurtheil, Unkenntniß, auf Neid und allgemeinem Mißvergnügen beruhen, ungerecht. Wir Juden leisten aber diesen feindlichen Bestrebungen wider unseren Willen Borschub. Stets, und gerade in den dunkelsten Zeiten seine« sozialen Lebens, war e« Israels Stolz, sich nennen zu dürfen „emanim bne m«. «minim“' Gläubige, Linder der Vertrauenden. In diesem Ruhmestitel fanden unsere Alwordern tausendfältigen Ersatz für alles Unrecht und alle Rechtlosigkeit. Sie führten ein Leben, der Innerlichkeit, rin jeder Jude war ei» Märtyrer der heiligen Sache, denn er war gläubig und verherrlichte Gott. Ist das auch heute der Fall? Haben wir im Leben noch das lebendige Gefühl, Opfer zu tragen zur Heiligung de« göttlichen Namen« - Nein! Daran denken wir zumeist nicht mehr, denn un« ist da« kindlich-gläubige Grmüth, dir Lust am Religionsinhalt und an der Religionsübung abhanden gekommen. Wir Juden haben die richtige Wrrtbschätzung unserer heutigen Religion und die große, innige Liebe zu chr verloren. Da« »st da« Grundübel unserer Zeit. Daher rührt die traurige Erscheinung der Gleichgültigkeit in religiösen Fragen. Zur alle« andere, Handel» Politik, Kunst und vergnügen zeigen unser« Glaubensgenoffen Sinn, nur ihren Weinberg wollen sie nicht hüten. In wie wenigen Häuser« werden sdoch jüdisch-religiöse Zeitschriften gelesen, wie wenig wird doch die S Wissenschaft, werden jüdisch-wissenschaftliche Anstalten itzt! Wie wenig der Zeit entsprechend sind doch die Gemeinde-Einrichtungen vieler Orte! Doch ist dieser In» differentiSmu« Ursache oder Wirkungjenrr großen Unwissenheit der Juden io ihrer eigenen Religion, in ihrer große»!geschichtlichen Vergangenheit. Es wäre irrin in diesem etzten Punkte einen Unterschied zwischen den Freunden de« Althergebrachten und den Fortschrittlichen machen zu wollen. In beiden Lagern hat man noch geringe oder keine Ahnung von dem großen, für Geist und Gemüth fruchtbar zu machenden Schatz, der in der jüdischen Geschichte und Literatur zu haben ist. Dem größten Theil unserer Glaubensgenossen fehlt die Kenntniß vom Zusammenhang zwischen der Zerstörung de« Tempel« in Jerusalem und ihrer Jugendzeit. Diese 1800 Jahre sind ihnen ein zweite« toha waboha. Soll da« sein? Lehrt nicht gerade unsere «Seschichte, daß die Juden nicht umsonst gelebt, daß ihnen noch ein höhere» Ziel winkt, daß sie Menschen sind, denen nicht« Menschliches fremd ist, daß sie für ein Ideal gerungen, gelitten und ihre Seele auügehaucht haben! Ja, die Ideale thun un« wieder mal noch! Unser Glaube, der nur mit Reinem, «Seistigem, Heiligem verknüpft ist, lehrt Sitten, die immer noch keine Heimath auf Erden haben, wünscht Zustände, die trotz allem noch Ideale sind und für lange Zeit Ideale bleiben werden. Warum liebt man da« Allgemein- Menschliche. da« unserer Religion eigen ist, nicht mehr? Weil eben der «Seist dieser Religion nicht in den «Seist unserer Juden übergegangen ist, weil sie ihre eigene Religion .nicht kenne«. Hier schützt man die Schale solchermaßen, daß man nicht zum Lern vordringt, dort dringt man nicht zum Lern vor, weil min die Schale verachtet. Da« muß anders werden! Unser Glaubensleben muß wieder einen Inhalt, Ideale haben, wenn anders der größte Feind des Glauben«, der Materialismus, beseitigt werden soll. Daß unter un« Juden da« Stoffliche, Irdische, die zeitlichen Güter besonder« gehegt und gepflegt werden, wer wollte da« bestreiten? Sin» nicht die Judrntaufen heute an der Ordnung, sind sie nicht der beste Beweis, daß viele in dem heiligen Bunde geborene Juden «ihre, Rang und Fortkommen lieber habe«, al« Eltern und Verwandte, als die Ueberzeugung? Solche Erscheinungen im Innern erschweren den Kampf nach außen und bieten Anlaß zu Anklagen gegen un«. Müssen wir, al« überzeugte Juden, nicht nach den Quellen dieser Uebel forschen? Es geht uns wohl an, wenn unser Bruder im engeren Bande des Glauben« Schaden an seiner Seele nimmt. Es geht un« Lehrer ganz besonders au, die wir nach und neben der Erziehung im elterlichen Hause die Jugend unttr der erziehenden, pflegenden Hand haben, also auch die Zukunft der Juden beeinflussen können. Mir liegt die Meinung fern, als ob der Lehrer allein oder auch nur hauptsächlich für den Erfolg der Erziehung verantwortlich zu machen wäre, al« ob ein verfehlte« Leben, eine schändliche Abirrung, Gleichgültigkeit und Abfall größtentheils auf Koiteu der Schute zu setzen wären. Das ist ja so gern und häufig die Entschuldigung pflichtvergessener Eltern, die den Inhalt des Sch'ma: „Du sollst sie Deinen Kindern cinschärsen und Du sollst mit ihnen reden" nicht keumn oder nicht kennen wollen Mögen die Herzeit'vom Lehrer auch noch so gut bearbeitet sein, mag der Same des Gottesworts auch noch so SjUt Wurzeln gefaßt haben, so daß der i^ehrer mit Stolz auf ein Werk, die religiöse Bildung d:S «Semülhs, sieht, finden dieser Zustand und diese Neigungen nach der Schulzeit kein« Kräftigung, sokommen andere Neigungen unüTriebe zur Geltung, deren Beryätigung vielleicht bequemer und angenehmer ift So mancher Freund und manche Freundin» so manche Bra«t und mancher Bräutigam haben in wenigen Monate»