Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 5 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Baronesse zu begegnen, in dein er einen Zug von Reugicncde und gewiffer herablassender Milde zu lesen schien. Doch diese Gedanken waren blitzschnell aus seinem Innern geschwunden und sich verbeugend erwiedert« er das zeremonielle Nicken des Mädchens. Indem er sich an die Seite des Barons setzte, warf er nun einen ruhigeu Blick auf die anmuthige, schlanke Mädchengestolt. Kastanienbraunes Haar umgab in üppger Fülle den klassisch geformten Kops, während zwei große, in orientalischem Feuer leuchtende Augen in tiefschwarzer Farbe unter den schattigen Wimpern erglänzten. Die fein geschnittene Rase, welche den energischen Zug des Vaters belaß, machte daß ausdrucksvolle Gesicht noch interessanter, und «in liebenswürdiges Lächeln umspielte ihren kleinen Mund. Earl Gelbe war von dieser überraschenden Schönheit sichtlich frappirt und wieder war es der Hausherr, welcher die Unterhaltung in Fluß,zu bringen suchte, um in dem Studenten das Gefühl der Befangenheit zu verscheuchen. Er suchte ihn in wiffensckaftliche Fragen zu verwickeln, die Geld« mit großer Sicher» heit beantwortete und erklärte. Ohne es zu merken war er zum Leiter der Tonvcrsation «worden, da sowohl Vater als Tochter dem hochgebildeten Jüngling mit großem Interesse lauschten. »Ach, Herr Gelbe," rief das Mädchen in übermüthig jugendfrohem Tone, .Sie sind ja viel gebildeter als Miß Maggi, welche die schönsten Episoden der Geschichte mit Phlegma übergeht und mir fortwährend Jahreszahlen eindrillt. In einem solchen Lickte, wie Eie mir die Weltgeschichte darstellen, wird sie entschieden zum schönsten Fache der gesammten Wissenschaft." »Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, für Ihre Anerkennung." entgegnete der Erfinder ernst, »doch glaube ich. daß Eie bezüglich Ihrer Kenntnisse von allzu großer BeschÄdenheit durchdrungen sind, während ich Ihnen vielleicht das Gegentheil zu scheinen befürchte." Hier unterbrach Baron Hollwitz die Unterhaltung und stellte an Gelbe die Frage: „Würden Sie vielleicht in Ihren Mußestunden den Unterricht mit meiner Tochter ausnehmen, welche leider bis jetzt stets in schwachen Franenhünden gewesen, welche Alles eher als ein ernstes, gründliches Studium pflegen?" »Wenn es dem gnädigen Fräulein genehm, würde ich Ihrem Wunsche, Herr Baron, mit größtem Vergnügen entsprechen und mit dem Aufgebot meines ganzen Könnens Ihre Zufriedenheit zu erlangen bestrebt sein." Sich Melanie zuwendend fuhr er fort: »Ich hoffe, daß es nur kurzer Zeit bedürfen wird, um Ihnen meinen ganzen Wissensschatz anzuvertrauen." Die Angeredete schlug die schönen Augen zu Boden und sprach mit ungeahntem Ernst: »Herr Gelbe, ich will mich Ihrem Unterrichte anvertrauen und werde mir gewiß die größte Mühe geben, gründliche Bildung zu erlangen, denn ich gestehe es Ihnen offen, mein | ganzes Wissen ist bis jetzt oberflächlicher Natur. — Ja, ich i will," setzte sie mit einer gewissen Energie hinzu, »wir nun Ihren vom wahren Verständniß und der Liebe zur Wissenschaft durchdrungenen Bildungsgrad zum Vorbild nehmen." Nunmehr setzte man sich zu Tische, auf welchem das Sopper bereits aufgetragen war. Geld« konnte es kaum fassen, daß er sich so rasch in diesem Kreise heimisch suhlte. Er war entzückt, den Wonen der schönen Baronesse zu lauschen, von denen er sich keines entgehen lassen wollte. Mit weiblicher Anmuth kredenzte die schön« Haustochter den perlenden Wein, mit kindlicher Fürsorge dem Vater die Speisen zutheilend, was sich auch dieser mit sichtlichem Behagen gefallen ließ. Gesprächsweise n«r Gelde auch auf das Thema der technischen Wissenschaften gekommen und hatte sie mit überzeugungsvollem Tone als die erste und mächtigste des BleltallS dargestellt. »Denn wem," sagte er begei stert, »verdankt die Eivllisation mehr als der Technik, von welche: ein jeder Fortschritt ausgrht." I Melanie stimmte ihm lebhaft zu, und mit sonst dem weiblichen Seschlechte so fremdem Interesse stellte sie fortwährend F-ragrn über die ihr bis jetzt ganz unbekannte Electricität. »Nun glaube ich mich aber auch verbunden, Ihnen für den großen geistigen Genuß eine klein« Revanche zu bieten." Mit diesen Worten erhob sich die Baronesse rasch und wandte sich dem an der Seite befindlichen Claviere zu, um in einigen Augenblicken ihre zarten Finger mit virtuoser Schnelligkeit über die Tasten gleiten zu lassen. Einen tiefklingenden Accord anschlagend, drangen die herrlichen Töne einer Opernouverture an da» Ohr der Zuhörer. Der Baron hatte einer Fauteuil in die Nähe des Musikinstrumentes gerückt und schmauchte behaglich zurückgelehnt in vollen Zügen das duftende Aroma einer Eigarre. Auch Gelde war näher getreten, jedoch sinnend blieb er hochaufgerichtet stehen. Die Töne waren schon längst verklungen, und noch immer hastete sein Blick auf die nunmehr unbewegten Tasten. Da zuckte er zusammen, ein klagend, wehmüthiger Ton entströmte den Saiten. rS waren HeimathSklänge. Dasselbe Lied, »DeS Glückleins Abendläuten," hatte er >o oft zu Hause im trauten Vaterhaus« als Knabe mit hellem Sopran und n«h als Jüngling mit starker Stimme während der Ferien gesungen, während die Schwester es mit dem Elavirr begleitete. Thränen füllten seine Augen und im Geiste sah er den Vater die behagliche Pfeift rauchend an der Seite der Mutter in dem Kunstgenüsse der beiden Kinder von des Tage« Mühen die Erholung finden. Doch bald hatte er sich seiner Umgebung erinnert, und ein prüfender Blick traf den Baron, welcher von seiner Cigarre scheinbar völlig in Anspruch genommen, srine Schwäche nicht bemerkt haben konnte. Nu« schaute er auf Melanie, und sein Blick begegnete dem ihrigen, woraus sie die herrlichen Wimpern nicderschlug, und eine Thräne über ihre von innerer Auftegung leicht gerötheten Wangen herabrieselten ließ. Carl konnte sich von dem ftsselnden Bilde nicht trennen und schaut« ihr mit ernstem, traurigem Ausdrucke in ihre feuchten Augen »Gnädiges Fräulein scheinen auch an diese» Lied wehmüthige Erinnerungen, zu knüpfen," sagte er theilnahmsvoll. „3a," entgegnete Melanie, »da» war da» Lieblingslied meiner verstorbenen Mama, und unter dieftn Klängen hat sie ihren edlen Geist aufaegeben, indem sie noch vorher von mir wünschte, „Des Glöckleins Abendläuten" zu hören. Auch t«r Baron räusperte sich erregt in seinem Fauteuil, um nicht von der ihn erfassenden Aufregung üdermannt zu werden. Da trat Gelde auf ihn zu und verabschiedete sich dankend, woraus er der Baronesse die Hand küßte und sich entfernte. Der Baron rief ihm beim Weggehen noch ein baldiges Wiedersehen zu, niährend Melanie lebhaft bemerkte: „Also, Herr Gelde, morgen beginnt die erste Lektion!" — 1. Tags darauf eröffnet« Geld« den Unterricht mit der Baronesse, welch«, wie er bemerkte, wirllich in den meiste» Lehrfächern sehr zurückgeblieben war. Mit unerschütterlichem Eifer suchte er ihr nun das Fehlende beizubringen; sie nahm Alles mit großem Ernst und Verständniß auf. Bon Tag zu Tag fand Melanie mehr Freude am Studium und sie, die früher die Lehrstunden zu den schlechteste» des Tcmes zählte, sehnte dieselben nun herbei. Was allzugroße Nachgiebigkeit oder auch Strenge nicht vermochte, da» hatte Carl durch seine imponirenden Kenntnisse erreicht. Mit der Zeit nahm er eS wahr, daß der Tochter sein Verhältnis» zum Baron ein Geheimniß geblieben, welches zu lüften er; absolut nicht beabsichtigte. Melanie war im siebenzehnten Lebensjahre eine energische. Natur, war's ein Wunder, daß er. der bescheidene Jünglings einen solchen Einfluß auf sie auSübte! Da» sonst so jagend»^ frohe Mädchen, da» sich nur an kindischen Spielen erg«