Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 4 (1893) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
4 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492351-8722848-5962254--2072-5375931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JH* I»ßeN. Vm Willi» « ll Robert* i« Si«w-Hort fr fr Al« ich noch ein unreifer Junge war, war ich Narr genug, mich durch da« damals herrschende Borurtheil gegen die Juden beeinflussen zu lnflen. Heute in reiferen Jahren dedoure ich die traurige Erscheinung, daß diese« ungerechte Borurtheil unter den Nichtjuden noch fort besteht. Ist eS denn noch nicht an der Zeit, daß gegen diese Verabscheuung«» würdige antijüdische Gesinnung ernstlich Protest erlwben wird? Sie ist unchristlich, unmenschlich undun - amerikanisch und ich z. B. wünsche seholichst, daf> mein frühere« unreife« Uriheil durch diese Ehrenrettung eine« so hervorragenden Stamme« berichtigt tverde. In meinen Adern fließt kein Tropfen jüdischen Blute«; ich bin mit Juden weder verschwägert noch in anderer Weise verwandt; ich schulde keinem Juden einen Heller, habe auch von keinem Juden einen Heller zu fordern. WaS ich sage, ist daher die Sprache eine«'absolut unabhängigen Mannrs, die durck^ nicht« beeinflußt ist. al« durch da« Verlangen, ein große« Unrecht au« dem Weg« räume» zu helstn. Da« Vorunheil gegen die Juden entsteht fast inimer au« der nicht ganz vorwurfsfreien Handlungsweise eines Einzelnen und nicht au« der CharaktereigcnthümlichKit des Stammes. Die Masse der Juden wird fast ausnahmslos nach dem Einzelnen beurtheilt. Das ist aber höchst ungerecht. Wie würden wir Nichtjuden in der Achtung der Vorurtheilstreien stehen, wenn man uns nach unserr Verbrechen, Schlichen und Ränken und nach den schwarzen Schafen in unserer Mitte beurtheilen wollte? Wir fordern als Rasse, daß man unsern Werth nach unfern besten Eigenschaften abschätze; dagegen können wir unsern Blick nicht über einen einzelnen schlechten Juden hinweg heben, wenn wir das jüdische Volt an und für sich beurtheilen. DaS zeugt wahrlich von einer erstaunlichen Engherzigkeit. Ihr sprechet von der Aristokratie de» BluteS rnd der Geburt. Nun wohlan i Die Juden haben von allen Aristokraten das reinste Blut und ihre Abstammung ist die lauterste unter allen Völkern der Erde. Mit Recht durfte daher Disraeli, als man ihm im Hause der Gemeinen den Vorwurf machte, er sei ein Jude, erwidern: »Ja wohl, ich bin ein Jude! Al« die Vorfahren der edlen Herren noch nackt al« Wilde auf einer unbekannten Insel an den U'ern der Themse umherliefen, waren die meinige n Fürsten im Tempel Salomo'«!* | Gerade diese« Bewußtsein einer untadeligen Abstammung, verbunden mit einer an« Unglaubliche grenzenden Geduld hat die Juden befähigt, alle Arten von Verfolgungen, welche die Bosheit der Menschen unter der despotischen Regierung von hundert Königen gegen sie ersinnen konnte, zu ertragen; da« hat sie befähigt, während de« Mittelalters Folrer und Echeiterhause» und Martern der schrecklichsten Art au«zutzaltrn, sowie die Austreibung au« England im l3; au« Frankreich im 14. Jahrhundert, aus Spanien indem nämlichen Jahre, al« Eolumbus sich nach Amerika rinschiffte und au« Rußland im Jahre de« Heil« 1892. Ein Wunder bei dieser Erscheinung ist aber, daß die Juden in geradem Gegensätze zu den Motiven der Selbst- «rhaltuug die Religion ihrer Väter bewahrt und den Idealen de« mosaischen Gesetze« treu geblieben sind. Ohne Vaterland, ohne Gemeinde und lebend« Sprache, ohne Flagge und politische« Lu,heilSbond existiren die Juden al« eine voll« ständig unterschiedene und unzerstörbare Rasse, nachdem sie alle Reiche überdauert haben, welche ihre Vernichtung planten. Sie sind em Wunder der Geschichte! Man darf kühn behaupten. daß eine Raffe, welche 2 Jahrtausende der grausamsten Verfolgung überdauern konnte, mehr oder wmiger in geheimnißvoUer Beziohung zu den Plänen de« Welterschüpser« stehen «üffe. Wa« für eine Vergangenheit haben sie ober auch! Sie haben der Menschheit die Bibel gegeben; die erhabenste» religiösen Prophezeiungen, die herrlichsten heilige» Lieder wurden.von Juden geschrieben. Drei mächtig« Religionen verdanken Judäa ihren Ursprung: da« Juden» thum, daS Christenthum und der Islam. Al« Europa noch in der tiefsten Nacht der Unwissenheit lag, hielten die Juden schon die Fackel der Gelehrsamkeit hoch empor. Au« ihren Reihen kamen die grüßten Philosophen, die berühmtesten Aerzte und die tüchtigsten Staatsmänner, begeisterte Musiker, hochbegabte Sänger und Schauspielerinnen re., die grüßten Philanthropen, wie Sir Moses Montefiore und Baron Hirsch; ferner-jedoch die Welt ist so voll hervorragender Juden auf allen Gebieten der Litteratur, Wiffeaschaft und Kunst, des Finanzwesens und der Politik, daß, um sie aufzuzählen mehrere Stunden nicht hinreichen würden. Welche Raffe oder welche« Volk hat solche Typen der Schönheit, Treue, hoher Würde und feiner Lebensart hervorgebracht, wie sie unter den jüdischen Frauen der gebildeten Klasse anzutreffen sind? .Fort mit diesem gottlosen Borurtheil I Weg mit dieser persönlichen Abneigung! Entfernt diese antijüdische Gesinnung, denn sie ist vom Teufel geboren und verdammenswerth. Kein Mensch, der Gott für unser Aller Vater und alle Menschen für Brüder hält, kann sie theilen." <AuS dem .H. Stonb." übcrftft von L. Lohen.) Offizielle Mttt-eikmrgen über den Stand des Ordens Ä'nai A'ris in Aeutschkand. (Fortsetzung.) Daß wir seit Gründung der 29. Loge im Jahre 1891 trotz großen Aufwandes von Feit und Geld nicht im Stande waren, in Deutschland weitere Fortschritte zu erzielen, ist zweifellos ein unangenehmer Stillstand in der Entwickelung und Ausbreitung der Ordensmission, besonder« bei oberflächlicher Vergleichung mit der Errichtung zahlreicher neuer Logen in früheren Jahren und hauptsächlich in den ersten Jahren nach Einführung des Orden« in unser Land. Es darf aber hierbei nicht vergessen werden, daß wir zu jener Zeit die Wirkungen der damals auf ihrem Höhepunkte stehenden antisemitischen Bewegung fühlten und daß, um Boden zu gewinne», den Orten, au welchen sich nur kleinejüiischcGemeinden befanden, Freibriefein freigiebigster Weise ausgestellt wurden. Das General-Comitee ist jetzt der Meinung, daß mit Rücksicht aus die Thatsache, daß die kleineren Logen au« Gründen der Selbstrrhaltung, welch« rin Hinausschreiten au« ihren eigenen Umgebungen und daher eine Betheiligung a» dem allgemeinen Ordenswerk unmöglich macht, die Bestrebungen der Großloge dahin gerichtet sein sollten, ftsten Fun an Orten mit größeren jüdischen Gemeinden zu gewinnen. Solche Ork befinden sich hauptsächlich in Süddrutschland. Da jedoch in dies.» die gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen religiösen Bekenntnisse erfreulichster Art sind, so sehen die Führer dieser Gemeinden nicht die Nothwendigkeit ein, jüdische Logen zu instituiren. Di« Ursachen der geringen Mitgliederzunahme in unserm Distrikt während de« Jahre« 1891 sind nach meiner Meinung: Mangel an Interesse bei den Mitgliedern, allgemeine Jn« 'differenz gegen jüdische Bestrebungen, Vernachlässigung de« Besuche« der Logensitzungen und di« beständig wicderkhrende Diskussion über Gegenstände, welche dazu angethan sind, dem Orden zu schaden. Der, weichet kein Jnkresse für die Loge bekundet und gegenüber Fragen von jübischrm Jntereffe gleichgültig ist, wird sich gewiß nicht bemühen, dem Orden neue Mitglieder zuzusühren. Ebenso wenn die die Loge besuchenden Brüder finden, daß die Zeit für die Sitzung«» durch unwichtiges persönliche« Gezänk autkgefüllt, oder daß eine Sitzung nach der andern zur Demonsttallon der Thal«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.