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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 4 (1893) · p. Seite 14

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
4 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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Holm will ich mich klammer», um an Ihnen, der Sie auch der Verzweiflung nah« sind, den Rettungsanker zu erfassen". Glückstrahlend ersaht Geld« die Hand des Manne«, der ihm sein Alle« wiedergeben ihn und seine Familie vor tragischem Schicksal bewahren wollte und spricht Lberzeugungsvoll : .Vertrauen Sie auf mich und Sie werden sich emporheben au« Ihrer bedrängten Lage, nur Sie, der Sie die schlechte Welt selbst kennen gelernt, nur Sie können inuthig wage», obzwar Ihr Alle« auf dem Spiele ist. Es wird mir gew'h gelingen, und sowohl Rcichthnm als Ruhm will ich mit Ihnen «heilen, den ein glücklicher Zufall mir hier entgegcngeführt" Ter gerettete Fremde blickt dem so begeistert und voll Zuversicht Redenden ins Autlitz und erhebt sich mir den Worten : „Ich erlaube mich Ihnen vorzustellen, mein Name ist Baron Hollwitz." Gelbe steht gleichzeitig aus, und nennt, sich verbeugend, seinen Namen. Nachdem er mit Hut und Rock sich wieder bekleidet, eilen die beide» Männer der Stadt zu, die vorgeschrittene Dunkelheit verhüllt Allen das Auffallende ihre« Aufzuges. Ter Baron geht rasch auf einen am Standplätze bcsindlichen Fiaker zu, dem er seine Wohnung als vcstiinmungeort zurust Gelbe nöthigend, mit ihm einzusteigen, ersucht er ihn. seine Gastfreundschaft für heute anzunehmen, damit er sich erhole und die nasse Kleidung gegen frische Umtausche. Gelbe läßt sich nicht lange bitten. Rasend flieht der Fiaker dahin, und nur vorübergehend trifft ein Lichtschimmer der vor den Geschäfts-Etablissements befindlichen Bogenlampen die Insassen des geschlossenen Eoupäes. Der Baron, ein ziemlich großer anscheinend in den vierziger Jahren stehender Mann, ist nachlässig gegen die linke Coupäcsrite zurückgelehnt, während die rechte Hand fortwährend den großen herum ragenden Schnurrbart dreht, um demselben die vom Donauwasser zurückgebliebene Feuchtigkeit zu entziehen. Unter buschigen Augenbrauen blickt finster ein graues Augrnpaar und über der scharfgrschmttenen Nase zeigen sich auf der verlängerten Stirne bereits tiefe Falten. Seine Kleidung ist die eines Aristokraten, höchst elegant, soweit sich dies trotz der Durchnässung erkennen ließ. ,^»ier sind wir am Ziele," ruft er, und ohne da» Anhalten des Wagens obzuwarten, öffnet er die Thüre und springt elastisch aus demselben, worauf er dem Kutscher den Lohn übergiebt. Gelbe an den Arm fassend, schritt er einem geschlossenen Portale zu und berührt leise den electtischen Glockenzug. <Än livrirter Diener öffnet die Sritenthür und verbeugt sich tief mit der Mütze in der Hand, gleichzeitig das Aeußere der beiden Ankömmlinge musternd und die Befehle seines Herrn erwartend. Dieser wendet sich an den Diener mit den Worten: „Verfluchte Kahnfahrt gewesen, bin ganz durchnäßt, rufen Sie Johann, daß er im Salon einheize, denn ich erfriere." Rasch beeilt sich der Portier, den Auftrag auszuführen, worauf sich der Baron mit seinem Begleiter der hellerleuchteten Trepp« zuwendet, welche sie mit raschen Schritten emporeilen. Im ersten Stockwerke kommt ihnen der Kammerdiener entgegen und empfängt mit tiefer Verbeugung seinen Gebieter. „Johann, führe den Herrn vorerst in das Fremden- -immer und sorge für frische Wäsche und Kleidung. Dann verfüge Dich in mein Schlafzimmer und bringe auch mir Wäsche und Schlafrock. aber schnell, denn ich ftöstele furchtbar. Hierauf ersucht der Baron seinen Begleiter dem Diener |n folgen und sagt freundlich: „In einer halben Stunde werde ich so frei sein Sie zum Souper zu bitten." Da« natürlich« Unbehagen in der nassen Umhüllung veranlaßt« Gelben ungesäumt dem Diener zu folgen, um von der Güte seines Gastfreunde« den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Nachdem er durch einige Räuailichkeiteu geführt war, gelangte er in das bestimmte Zuumer, welches durch feine luxuriös bequem« Einrichtung einen angenehmen Eindruck auf ihn machte. Ohne es erst einer Musterung zu unterziehen, warf er sich ermüdet auf da« weiche Sopha. Gleich darauf erschien Johann mit einer großen Auswahl von Wische und Kleidungsstücken aller Art, welche er dem Herrn zur Verfügung stellte und sich entfernte Rasch entledigte sich Gelbe der durchnäßte» Kleidung und ersetzte sie durch die erwärmende des Barons. Kaum angekleidet war alle Müdigkeit dahin und seine jugendkräftige Constttution hatte die erlittenen Strapazen rasch überwunde«. Bevor er noch seine Umgebung recht ins Auge zu fasse« vermochte, erschien der Diener an der Thür und theilt ihm mit, daß ihn der Herr im Salon erwarte. Sofort folgte er dem Führer über den Eorridor, blS dieser eine Glasthüre öffnete und ihn in ein großes Gemach geleitete, das durch eine« Lustre hcll erleuchtet und von behaglicher Wärme erfüllt war. Kaum e »getreten, kam ihm der Baron fteundtich entgrqcn und lud ihn ein. auf einen Fauteuil Platz zu nehmen. Sichtlich verlegen blickte Gelde un'her und sein fragender. Blick traf den Baron, welcher sich ihm gegenüber placirt hatte „Ich begreife Ihr Bedenken, Sie werden c« vielleicht bei meiner splendid eingerichteten Wohnung unfaßbar finden, daß ich den Tod in den Wellen gesucht, jedoch waS Sie hier vor sich sehen, das ist das glänzende Elend, welches sich so oft im Lebe» wiedcrbegegnet. Wie viele, unendlich viele Leute giebt cS. die im glänzenden Luxus leben, ohne auch nur das Geringste ihr eigen nennen zu dürfen. Sie leben eben so. um ihre Existenz zu fristen, um nicht durch ein | Einschränken das Mißtrauen Ihrer Mitmenschen zu erregen.! Es ist dies das schrecklichste Los, welches einem Erdensohne . beschieden, besser ist es gleich arm zu sein, als gezwungen den Schein zu wahren, rin Leben voller Sorgen und Qualen durchzumachen, ohne zu wissen, ob vielleicht der morgige Tag die gefürchtete Entdeckung, die Katastrophe mit sich bringt, l Ich wiederhole cs Ihnen nochmals, daß es unzählige solch« 1 scheinbare Existenzen giebt, welche die unglücklichsten z« . nennen sind. Viele Leute haben Ausdauer und Muth durch 1 diese Mittel ihr Leben Jahre hindurch zu fristen, während ich es nach kaum einigen Tagen abzuschütteln suchte. Bo« kurzer Zeit war dies Alle« noch mein, bi« ich durch unglückliche Gttreidespeculationcn mein ganzes Vermögen verlor und zudem noch einem Deficit von fünszigtausend Gulden rathlos gegenübersteh«. Einige Zeit hätte ich noch scheinbar weiter leben können, aber der Gedanke an eine Entdeckung I war mir fu rchtbar peinigend. Die Salons der hohen Gesellschaft, die mir heute, als dcin bekannten Lebemann, noch offen stehen, sie wären mir geschlossen, wenn man da« ahnen würde, was ich Ihnen soeben anvertraut. Ich verlaffe mich unbedingt aaf Ihre Diskretion und Ehrenhaftigteit und will Ihnen mit nölhigen geringen Summe zur Berwerthung Ihrer mir angedeuteten Erfindung zur Verfügung stehen; ich hoffe zu Gott, daß sich dieselbe erfüllen wird, denn rin - Leben ohne Geld ist gar kein Leben " Viähread der Barvn dies in vertraulich leisem Tone dem jungen Manne mitgetheilt hatte, wnrde «in Nein« Tisch herringetragen und in der Mitte de« großen Salons aufgestellt. woiauf mit kundiger Hand das Souper servirt wurde. Arm ia Arm mit Gelde setz'.e sich der Baron zu Tische um in herzlicher Weise dem Studenten seine Gastfreundschaft anzubietrn, wozu sich dieser auch sofort bereit erüärtr denn die Natur ^orderte mit Ungestüm ihre Rechte. Mit großem Appetit greisen beide nach den duftigen Speisen und thun sich gütlich und bis in die späte Nacht wurde de» feurigen Burgunder zugesprochr«, bei welchem auf das Gelingen ihren Hoffnungen getrunken wird. Mft seltsam beruhigten, freudig erregtem Gemüthr suchte» sie dann ihr Nachtlager auf, .um von einer goldenen Zn» kuust zu ttänmen. (Fortsetzung folgt.)

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