Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 2 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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diesem Abend die belebte Friedrichstrab« entlangschlenderte: Juden, Juden, Jude»! Da blieb sein unruhig umherirrender Blick plötzlich an einer Anschlagsäule haften. Und auch dort begegnete ihm da» Wort: Juden! In Riesenlettern stand e» da. ES wurde zu einer Versammlung eingeladen. Ahlwarbt, der grobe Prophet wollte sprechen über die »Opfer de» Judenthum»-. Da» lieb sich Wolfs nicht zweimal sagen. Dort gehörte er hin, grad' heut' in seiner Stimmung, selbst «in Opfer de» Judenthum»! _ Ta stand er denn zwei Stunden in fürchterlich gedrängter Enge und hörte und klatschte, brüllte Beifall und zischte, wenn in der Diskussion ein.Judenknechtsprach. Plötzlich — er wußte kaum, wie e» gekommen — stand er selbst auf der Rednerbühne. Der Vorsitzende hatte gefragt, ob »och jemand um» Wort bitte, und unwiderstehlich hatte «S ihn hingezoge». Man fragte ihn nach seinem Namen. »Wolfssagte er, und der Vorsitzende verkündete: .DaS Wort hat Herr Wolff.' „Wolff, Wolfi,- tönte e» da sofort durch den Saal zurück. .Ein Jude, Wolff ist rin Jude- Und als der Aermste sich nun dem Publikum zeigte, da erregten seine schwarzen Haare, die dunklen Augen, kurz sei» ganzes Aeußrre, da» leicht aus eine jüdische Abstammung schlieren liest, einen allgemeinen Entrüstungssturm. »Ein Jüd, ein Jüd!“ erscholl es au» der einen Ecke drS Saales, und .Schluß, Schluß!- ehe er noch begonnen zu sprechen. Der Vorsitzende ergriff di« Glocke. Es wurde wieder ruhig. Man war gespannt aus da», was jetzt kommen sollte, da hob er mit dröhnender, schnarrender Stimme an: .Me,—ne. Her—ren, ich bin kein Jude.- »Abrr ein getaufter, ein Iudenknecht, Judcnfreundlautete die vielstimmige Antwort. »Nein, meine Herren,- antwortete Wolff. „ich bin überzeugter Antisemit-. Dir Mienen ««ränderten sich, schon wurden einige Bravo'» laut, im Allgemeinen aber verhielt man sich noch abwartend, und jener fuhr fort: „Ich bin rin Opfer de« JudenthumS, ein schändliches Opfer eine» jüdischen Kaufmannes. - Jetzt hatte er gewonnene» Spiel. Brausender Beifall und gellende Pfuirufe tönten ihm entgegen, und nur durch Stüttgen Beifall untktbrochen. konnte er jetzt seine Leiden«, aesqichic erzählen, wie ihm von dem jüdischen Geschäftsinhaber knall und fall gekündigt worden sei, als derselbe ersahien. daß er nicht, wie sein Aeußere» vielleicht annehmen ließ, ein Jude sei. Mit dieser Erzählung Wolff'» sand die Versammlung einen erhebenden Abschluß. Der neugebackene Volk«rednrr aber begab sich sehr zufrieden mit seinem Debüt zur Ruhe und träumte noch lange von zukünftiger Tage Ruhm und Ehren. Von nun an ließ er keine Versammlung unbesucht. Aufmerksam folgte er sämmtlichrn Rednern und merkte sich, welche Phrasen und Schlagworte den lautesten Beifall fanden. Bald war er auch soweit, daß er ftlbst in jeder Bersrmmlung sprach. Hatte der offizielle Redner geendet, so war der Schriftftrllrr Wolff — so nannte er sich, seitdem er einen.Zeitung»- bericht über sein erste« öffentliche» Auftreten versaßt hatte — der Erste, der sich zum Wort meldete und mit häufig vor» «n Kraftworten und pathetisch vorgetragenen Versen uffchthum und Vaterlandsliebe stet» neuen Beifall errang. Leider war da» Deutsch, da» «r sprach, nicht daffelbe, welches die meisten Schriftsteller anzuwenden pfügen. Es wimmelte darin von stilistischen und grammatikalischen Schnitzern. Aber was that da«! Mochte er immerhin, wenn er einen schöngegliedrrten Vordersatz ausgcbaut halte, plützlick, aus der Konstruttion fallen, stet« war der Beifall wieder auf seine Seite, wenn er triumphirend schloß: »Darum brlxnken Sie, meine Herien, daß wir un» at« geborene uud geschworene Feinde eine» jeden Jude» bettachten müsse». Ja, die Sache muß ander» werdeu, wenn andere Zustände eintret«n sollen!- Schriftsteller Wolff wurde aus diese Weift «ine immer gewaltigere Persönlichkeit. Er sprach in jeder Versammlung und sorgte dafür, daß in den ZeitungSrefcraten stet» sei» % ganzer Rame genannt wnrde. Auch arbeitete er selbst für antisemitische Blätter. Hwar mußte» die Redakteure fein« Berichte in ein beffere» Deutsch umschreiben, aber inhaltlich waren dieselben roenigsten» genau und von Begeisterung für die antisemitische Sache gettagen. Wozu sollte man auch den jungen, strebsamen Menschen zurückstoße»! Gewannen ihn doch selbst die hervorragensten Parteiführer lieb. Er ließ sich zu allem gebrauchen. Besonder» auf Agitalionsreisen war er al»- Geschäftsführer und Faktotum unersetzlich. Er erhielt seine Bezahlung dafür und schlug sich so durch im Kampfe für seine deutschen Stammesbrüder. Aber sein Ehrgeiz wuchs. Bi« jetzt war er immer nur gewissermaßen als Anhängsel an eine gewichtigere Person ausgetteten. Er sehnte sich darnach, auch einmal selbstständig als Hauptredner sich einer Versammlung vorstellen zu dürfen. Der Zufall war ihm günstig. Einer der Iftrvorragensten Patteiredner hatte kurz vor einer angrsagtrn Versammlung sich entschuldigen lassen, und der vcramialtenle Verein wußte in der Eile keinen anderen Ersatz zu schaffen, ul» den Schriftsteller Wolff. Nnn stand es an den Anschlagsäulin groß und breit und schon in die Augen fallend auf scurrrothen Zetteln: »Jüdische Frechheit, das ist das Thema, über welche« Schriftsteller Max Wolff u. s. w.' An diesem Tage betrachtete er die Anschlagsäulen ausmerksamer und länger, als sonst im ganzen Jal,rc. Sehnsuchtsvoll erwartete er den Abend. Der Saal füllte sich — seinetwegen; ein Zwanzigpfennigstück nach dem ander» wurde bezahlt — seinetwegen Die ganze Welt drehte sich um ihn. Endlich begann er. Fast nach jedem Satze durchdrauste stürmiicher Beifall den Saal. Er wußte zu packen und übertraf die kühnsten Erwartungen seiner an Zahl schon nicht mehr geringen Anhänger. Er sprach von den freisinnigen Abgeordneten, »diesen in Fleisch und Blut übrrgrgangenen Talmudmenschen", und verbreitete sich mit großer Sachtenntniß über die letzte Schulgesetzkrisi«, wobei ihm nur der aber von Niemandem bemerkte Jrrthum pafsirre, daß er von einer ReichStagsmehrheit sprach, welch« daS Gesetz bereits für sich gehabt. Trotzdem sei es zurückgezogen, weil die ganze Judenschaft dagegen gewesen, voran Herr Singer, „der Sozialdemokrat im reinsten Fahrwasser-. Weiterhin kam er auf die Börse zu sprechen. Wer diese angreift, sei verloren, falle dem Judenthum zum Opftr. Schon Minister Falk, der die Börse einen Giftbaum genannt» sei gefallen als Opfer der Juden. Keine Grenz« kannte der jubelnde Beifall der Versammlung, al» der Redner, einen poetischen Vergleich zu Hülse nehmend, also sprach: .Unser geliebte» Vaterland gleicht einem schönen Apfel, einem rothwangigen Paradiesapfel; leider ist der Apfel wurmstichig. Der Wurm ist der Jude. Aber raus mit krm Wurm au» dem schönen Apftl, rau«, rau», rau»! Er frißt und frißt, und der schöne Apftl verfault. - Dann kritisirte Wolfs noch scharf und treffend die Fälle der (iöebrüder Sommerfeld u. s. w. und schloß: »Da» ist der Zweck, da» müssen wir betrachten: aufgeklärt müssen die Gemüthcr werden. Denn, meine Herren, diese Leute stehen nicht vereinzelt da, e« aiebt hundert und hunderttausend« solcher Zustände in Deutschland. Aber diese Zustände müssen au»gerottet werden, meine Herren, ehe der Zahn der Zeit sie unzerstörbar befestigt. Da« ist die Ausgabe der Kultur, da» ist die Aufgabe des Antisemitismus. Da« ist schwerer, al« der Krieg von 1870 und 1871, wenn auch nicht so blutig. Denn wir'wollen nicht, wie unsere Feind« sagen, die Juden tödten. Wir wollen sie vernichten, nicht mit Feuer und Schwert, aber mit den Waffen de« Geiste« und ver Macht de« Deutschthums." Seit diesem Abende wir der Ruf de» Schriftsteller« und BotkSrebnerS Max Wolff unumstößlich fest begründet. Er stieg von Stuft zu Stuf« in der Volk»« gunst und lernte mehr uud mehr — die deutsche Sprache behenschea. Kurz vor den ReichStagSwahlen hielt er mehrere flammend« Reden, er sorderte aus, deutsche Männer, Männer '