Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 2 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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feine« Kindes. Thränendrn Augen und mit schwacher, fast ersterbender Stimme flüsterten seine Lippen die Worte: »Sott, Du der das Flehen der Schwachen erhörest, Tu hast Tick meiner erbarmt und mein inständigstes Flehen wohlgefällig auscenommen, das ich zu Dir emporgesendet. Nun kann ich beruhigt sterben, nachdem ich Dieb, mein Sohn, noch einmal sehen konnte. Doch höre die Worte des sterbenden Vaters, der sür Dich gelebt und gestrebt, der Dich. Geliebte», seinem eigenen Ich hintangesetzt hat, und erfülle meine letzten Wünsche. Bis jetzt hast Du den Ernst des Leb »s nid t ganz empfunden und nur Deinen Jugeudidea en gehuldigt, jedoch nun beginnt für Dich eine schwere-e Zeit, der» an Du ist es, die Mutier und Schwester zu stützen; Tu wirst es. ich weiß eS, gern thun. Du hast Geist und die Well sieht Dir offen. Nur um Eines bitte ich Dich, versirich mir in dieser Abschiedsstunde, daß Du, in we'che Lagen deS Lebens Du auch kommen solltest, den Glauben Deiner Väter niemals verlassen wirst, denn damit schwindet auch jedes Gefühl der Kindlichkeit, und in ein» samcr B rgrsscnheit ruhen dann diejenigen, deren Platz in dem Herzen der Kinder sein soll." Carl reichte dem Sterbenden die Hand und von tiefster Ueberzeugung durchdrungen, legte er das heilige Grlöbniß. obwohl eS ihm überflüssig schien, zur Beruhigung des Vaters ab, den Glauben seiner Vä irr nimmer zu verlassen, der Mutter und Schwester stets eine Stütze zu sein. Nun winkt der Kranke der weinenden Mutter, empfiehlt ihr in warmen Worten sein theuerstes Kleinod, die beiden Kinder und die Ehre seines Namens. .Ich gelobe es Dir, THeuerster, den ich über Alles lief*,* antwortete das treue Wcib, „tdt will stark fein, Deinen makellosen Namen‘ bei ig und in Ehren erhalte», und, we»u diese Beiden versorgt sind, dann ist mein Tagewerk vollendet und ich folge Dir freudig in die Ewigkeit." Der Sterbende lauschte diesen Worten mit verklärten Augen, noch ein leises Aufathmen und er hatte — vollendet. Erschüttert sank die Mutter in die Arme ihre- Sohnes. Stumm umstanden die Leidtragenden noch eine Weile das Sterbelager. Der Sohn unterbrach hierauf das Schweigen: „Beim Angesichte des Vaters verspreche ich es Euch, dem Rarnc Gelbe Ehre zu machen und mit GottrS Hilfe wird auch Eure Zukunft bald eine sorglose sein, denn es ist »ir gelungen, eine Erfindung zu machen, die uns aller materiellen Sorgen entheben wird, vertraut mir und fei Du, liebe Mutter, mir nur noch einmal mit den letzten Mitteln behilflich, um meine Erfindung nutzbar zu machen. »Mein Sohn, wir sind gänzlich ruinirt", entgegnere die Mutter in he .zerschütterndem Tone, .mit unseren letzten Mitteln müffen wir die G.äubiger befriedigen, damit der Name des theuercn Tobten makellos bleibe über das Grab hinaus." Da nahm Erna das Worr. „Mutter, ich vertraue Cirl, er wird uns retten, meine, wenn auch geringe Mitgift, welche der Vater für mich gespart und bei Seite gelegt hat, will ich Earl gern geben denn er wird uns gewiß durch die Arbeit seines Geistes einer sicheren Zukunft enrgegenkühren." In inniger Umarmung hielten sich die drei Trauernden noch lange umfchlungen, um am Tootenbette des Vaters feste Vorsätze zur Wahrung seines ehrenwerthen Namens und ihrer Existenz zu fass». (Forts, folgt.) Schriftsteller Mar Mstst. «ln antisemitischer Ltzpu».*) Ans der tz»«richt»st«Se. Richter: »der, Herr Heiwana, war«« beantworten Sie den» mein« wieser'mll« Krage: wo See geboren? nicht laut und verftiindtich? — tltn Mensch, ker sich seiner isei Math tchSmt, ist in «einen Augen et» icfer tranrme« Subjekt!" Zenge Heima»»: Sie haben leicht reden, Herr «ertchtsrath, «her ich »ächte sehe», Mrf Sie thdte», nenn Sie, «ott behüte, isfiOia t» »asemnsel getoces wären!" Wer kennt ihn nicht den Helden des Tages, den Vorkämpfer des unter jüdischer Herrschaft schmachtenden Germanenthums, den Reichstagsabgeordneten und Schriftsteller Max Friedrich Wolff! Hebt er nur in einer Versammlung im Norden Berlins mit seiner schnarrenden, skandirendeu Stimme an : .Mei—ue Her—ren!", dann läßt bereit« brauiender Beifall der sich drängenden Zuhörer die Wände der Saalbaues erzittern, und klingt dann nach Entrollung aller Verbrechen der internationalen Judenschaft sein Bortrag donnernd aus in de» denkwürdigen Schlachtruf: .Wir wollen kämpfen für des Volkes Rechte wir wollen frei sein, keine Judenknechte!*, dann kennt der Beifall keine Grenzen, dann werden Hoch'« auSgebrocht auf den wahren Volkstribunen, auf den Retter des Vaterlandes, Mützen werden geschwenkt und patriotische Lieder gesungen, und Schriftsteller Wolff schreitet befriedigt und selbstbewußt schmunzelnd heim. Und er hat ein Recht dazu, befriedigt und selbstbewußt zu sein, denn noch immer stand er, getragen von der Verehrung des Gerinalicnthuiiis in der Mitte der poiitische» Bewegung. Er ist ein selbstgemachter Mann in des Wortes verwegenster Bedeutung. Es ist erst wenige Jahre her. da stand Max Wolff noch mit der Elle hinter dem Ladentisch und maß Juden und Christen unparteiisch das Zeug zu dem verlang'en Anzug zu. Er war in einer großen jüdischen Tuchfirma als Verkäufer thätig. Anfangwar er mit feiner Stellung sehr zufrieden, denn er hatte keine besondere Schulbildung genossen und es für seine Verhältnisse schon weit gebracht. Allmählich begann in seiner Seele sich der Neid zu regen gegen die Comptviriste» der Firma, welche nicht nur angesehenere Stellen inne hatte«, sondern aucb über beffere Einkünfte verfügten. Wolff verstand nun zwar nicht« von der doppelten Buchführung, war auch nicht imstande, einen in jeder Beziehung fehlet treten Geschäftsbrief zu schreiben, aber er hielt sich nicht« destoweniger sür befähigt, eine solche Comptoiristenstelle ebensogut auSzufüllen, wie die Andern. Da entdeckte er eine« Tage« einen Umstand, an dem er bisher arglo« vorübergegange» war: Sämmtliche Comptoirist» der jüdischen Firma waren — Juden und er war — Christ. Seit diesem Tage war er Antisemit. Tr begann die .Bewegung" zu verfolgen. Er la« antisemitische Blätter, besuchte antisemitische Versammlungen. Und je mehr er dieft Bersommluugeu besuchte und >e mehr er sah, wie auch Leute, die am Tage einem ehrbaren Handwerk nachgingen oder als Kausteute thätig waren, des Abend« sich an der Diskussio» betheiligten und mit ihren Worten oft stürmischen Beifall errangen, um so mehr wuchs in ihm daS Verlangen, auch einmal vor versammeltem Volke zu stehen und der Gegenstand deS Beifall« so zahlreicher Männer und Jünglinge zu sein. Im Geschäft mußte er ja jeden Beifall leider nur z« sehr entbehren, besonders seitdem er .Politik" trieb, und darüber die Obliegenheiten seiner Stellung mehr und mehr zu vernachlässigen begann. Dies ging schlreßlich soweit, daß der Geschäftsinhaber sich genölhigt sah, ihm ernste Vorhaltungen zu machen und, als auch diese nichts halsen, ihm zu kündige«. Ingrimmig nahm er Letztere« entgegen. In 6 Wochen also befand er sich stellen- und mittellos aus der Straße! Und wem hatte er es zu verdanke»? Einem Juden I Nur das eine Gort gellte ihm immerfort in den Ohren, als er an -s *) Vut der Hatbmondfchrist: „Die Schmach de« Jahrhundert»/ herautgegeben von Karl Schnetdr, die sich als scharfe und schneidige Waffe zur Vetitmpsung de» Auilsemttl»««» be«a»et «eh de«h»U> die weiteste Verbreitung — »nd um dlese z» ermögliche» — Förderung tut)) Unterstützung au» jüd. Kreisen verdieut. Der viertel» jährt. Abo»ne»»e»t«»ret« beträgt *,60 DU. (Postzeitungsliste St. »7671 Auch direct zu deziqe»: Berlin Sw. «vderner vertag. Zimmerst» t