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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 1 (1893) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
1 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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rin Zwrrg genannt werde« kann. Blonde lange Haare u«- geben sein durch einen leichte« «onden Schnurrbart gezierte« Gesicht, welche« durch ei« Baor ziemlich große graue Augen einen gewissen phlegmatischen Eindruck erhält. Nichtsdestoweniger ist er im Ankleiden von ungeheuerer Geschwindigkeit und steht bald vollständig zusammengestellt vor nn«. Während dieser Zeit habe» wir den zweiten Bewohner aus d«m Auge gelassen und bemerken ihn erst jetzt auf seinen Echla,genossen zuschreiten, welchem er die Hand entgegen, rei^: und im herzlichen Tone einen: „Guten Morgen!" wünscht. Der Angeredete blickt seinen Freund eine Weile forschend au. bi« er die Frage an ihn richtet: »Carl warum bist Du so aufgeregt?" „Freund Wahle", entgegnet Gelbe herzlich. „Dir will ich es sagen, meinem besten intimsten College», Du sollst e« wissen, daß ich e« gefunden, wonach ich so sehr gesucht, um dessentwillen ich alle Werke der Hydraulik unserer Technik durchstudirt, bi« ich eine Erfindung gemacht, die Millionen wertd ist, ja schon mich nur so »erwundert an. Millionen sage ich. die wir gewiß sind, denn nun wird sich die Praxi« ous ein billigere« Material verlegen kännen, al« da« der Kohle. Wasser, nur Wasirr ist e«, mein Freund, welche« nach meiner Idee rationell ausgenützt, ein enormes Ersparniß bieten würde und den voraussichtlichen Abgang der Kohle sür die Dauer verhindern kann." Während Gelbe dies in fliegender Hast hervorbrachte, entging ihm ein seltsames Auflodern in den Augen seines Collgen.— Beide setzten sich nun zum Tische, wo Carl, die Papiere aus dem Koffer hervorholend, dem Freunde seine Idee explicirte, um dessen Meinung darüber zu hören. Unwillkürlich nickt bei jeder Erklärung Gelbe« v. Wahle mit dem Haupte, um dem Produkte seines Genossen den verdienten Beifall zu spenden. Bei dieser techu isch-wisseujchastlichen Auseinandersetzung bemerken wir. daß beide Männer Techniker sind und Gelbe einen ungeheuren Wiffensschatz in seinem Innern verborgen zu habe» scheint. Stunden rxrgehen, auf beiden Seiten wird gezeichnet und gerechnet, bis sich mit einem: „ES stimmt vollkommen!" die Freunde in die Arme fallen. „Run also glaubst Du doch ernstlich, daß Alles wahr ist, die Welt müßte mit Brettern vernagelt sein, wenn sie mir den verdienten Erfolg versagen wollte, Collega, sage aufrichtig, habe ich genügenden Grund zur freudigen Aufregung?" Bevor noch eine Antwort von Wahle erfolgte, trat eine nett gekleidete, ältliche Frau herein, welche von den beiden Technikern aufs freundlichste begrüßt, den Tisch abräumt« und mir einem blendend weißen Tuche bedeckte, woraus sie mit Geschick das Frühstück airstrug, welchem Beide herzhaft zusprachen. Unbemerkt waren zwei Stunden dahingeflogen, was ihnen bei dem großen Jnreressc der Unterhaltung gänzlich entgangen war. Rach vollendetem Mahle erhoben sich die Freunde, um gemrinschastlich den Weg zum Technikum zu machen. Doch welch' gewaltiger Contrast ist jetzt zwischen ihnen wahrzunehmen. Carl Geld« obzwar bedeutend größer und stärker verrät!, durch seine jugendfrohen Züge aus den ersten Blick den jungcren, gedankenreichen, während Ernst v. Wahle, mit sinsterer Miene dastehend, nicht einen einzigen geistreichen Zug ausweist; nicht der geringste Unterschied ist zwischen ihm und einem Mtagsgesichtr wahrzunehmen. Schweigend gehen sie längere Zeit nebeneinander bis Carl Gelbe in srdhlichem Uebrrmuth den Freund mit den Worten aufsrört: „Potztausend, am Ende habe ich Dich angesteckt, Collega, scheinst auch eine fixe Id« zu haben, daß Du so grübelnd und wortkarg geworden bist?" Ohne eine Gegcnäußerung abzuwarten, faßte er ihn bei oen Schultern und sich ihm gegenübersteüend schaute er ihm ins Auge, doch was ist das —, eine' Thrärre perlt in demselben. Die Ueberraschung Carl« zeigt es, wie ungewöhnlich eine Rührung bei Ernst vorzukommen scheint und wieder sucht er ihn durch freudige Einblicke auf di« nun entqegenstrahlende goldene Zukunft seinen Träumen zu entreißen. Da plötzlich erfaßt v. Wahle mit ungewöhnlicher Hast seinen Collegen am Arme und seinen Lipprn entringen sich die Worte: »Gelbe, Du bist glücklich. Dir gehärt die Welt, Alle« wird sich Dir beugen und huldigen, auch Reichthum ist Dir gewiß." All du« war in einem bitteren Tone gespiochen, den wohl ein minder vertrauender Mensch als Carl, Mißgunst genannt hätte. Obzwar sichtlich'frappiit über diesen leidenschastlichen Ausdruck auf dem sonst so phlegmatischen Gesichte seine« Collegen, ergreift er deffen Hand mit den Worten: „Lieber Freund, Du sollst die Zeit der Ernte mit mir genießen, drnn Du hast Dich meiner auch in schwerer Zeit oft liebevoll und freundschaftlich angenommen." Unterdcfsen sind sie beim Thore der Hochschule angelangt, wo ihnen bereits viele Collegen entgegenkommen, welche sich besonder« um Gelbe schoaren, um mit ihm zunächst einige Alltag-Phrasen zu wechseln, bisie, auf dabevorstehend« Rigorosum hinweisend, ihn mit wissenschaftlichen Fragen bestürmen, die er mit großer Bereitwilligkeit und Präcision einem Jeden beantwortet. Rur v. Wahle steht vereinzelt da und ein mißgönnender Blick trifft dcn viel umworbenen Gelbe. Ein tiefer Seuszer entfährt ihm, und seine Lippen verrathen seine Gedanken. „Ach wenn doch Gelde's Erfindung mein wäre, dann könnte ich reich und glücklich werden, mein wäre die Welt, welch« weder Genie noch Fleiß inerkennt, nur dem baaren alle« überwindenden Gelbe huldgt. Rur dem schnöden Mammon gehört das Leben, zu lassen Erlangung man lernt und arbeitet, doch vergebens.!Das nützt dem Kollegen seine großartige ibckvduug. wenn er kein Geld zur Paleniirung besitzt? aber mein Onkel würde Helsen, o wenn nur die Erfindung mein wäre! Ich Hab« Geld zur Verfügung, mir wäre der Erfolg zweifeltohne gewiß " In diesem leisen Selbstgespräche wurde er von einem Bruder Studio ausgeschreckt, der ihn am Arme parkend in dainnere Vestibüle drängt und mit ihm den Weg zum Hvrsaalr emjchlägt. Auch Geld« sorgte in den Saal, mit seinen Freunden zwanglos conversirend, jedoch die Wahrnehmung machend, daß ein alter Profeffor bereit« mit leiser Stimme seine Vorlesung begonnen hatte, verschwindet da« muthwillige Lächeln au« seinen Zügen und mit tieftm Interesse folgt er dem Vorträge, um auch nicht da« Geringste sich entgehen zu lassen. In seinem großem Eifer hat er es gar nicht bemerkt, daß eine sichtliche Bewegung durch die Reihen der Studirendeu gegangen und man bereits öfter« seinen Namen gerufen, bis ihn rin aus der diergetränkten Kehle eine« Collegen gebrüllte« .Geld«" au« seiner Aufmerksamkeit aufschreckt. Indem er sich umwendet, steht ein Pedell vor ihm, der ihm einen Brief überreicht, aus welchem „sehr wichtig, sofort zuzustellen" in großen Lettern zu lesen ist. 0 bricht er da- Couvert auf, und wir sind so indiscret, ck in da« Billrt zu nehmen, welcheS.von Herrn Benedikt geschrieben ist, und wodurch Gelde ersucht wird, sofort nach Hause zu kommen, da eine wichtige Nachricht für ihn vorlicge. Augenblicklich verläßt er den Hvrzaal und eilt mit Riesenschritten der Praterstraße zu, wo er bei dem großen Gewühle fortwährend Menschen bei Seite schiebend, in kaum einer Viertelstunde angelangt ist. Mit Ungestüm stürmt er in die Thür«, um von seinem Milthsherrn die wichtige Mittheilung rntgegenzunehmen, vor welcher ihn furchtbar ahnungsvolle« Grauen erfüllt, „Was ist geschehen, Herr Benedikt? Um de« Himmelswillen sagen Sie mir sofort Alle«, denn die Ungewißheit bringt mich völlig um." Bekümmert tritt ihm der alte Mann entgegen' und thränenden Auge« hält er dem Jüngling ein Telegramm ent-

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