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Israelitische Wochenschrift · 1893-12-30 · 52 (30.12.1893) · p. Seite 409

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
52 (30.12.1893)
Date
1893-12-30
Page
Seite 409 (sequence 5)
Language
German
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Förderer jeder humanen Bestrebung, hat der Verstörten« be- «imnlligst seine rastlose Thatkraft unseren WohlthättgkeitS instituttonen gewidmet und unserer Gemeinde auf den derschiedenstcn Gebieten ihrer Berwaltung mehr al< ein Bierieljahrhundert hindurch gedient. Als Mitglied der Ära!nt- Komunssion, der Borstände de- Krankenhause» und de» Sie- /chenhauseS der Gemeinde, in früheren Jahren auch dtt Repräsentanten-Bersammlung und de« Vorstandes der neuen Synagoge, ist er mit Eifer und Erfolg thätig gewesen. Be- . sonder» dem Krankenhause, besten Berwaltung er 27 Jahre, darunter 15 Jahre lang als Vorsitzender, angehörte, widmete «eine hingebende Sorgfalt, welche seinen Ramer aufs Engste mit den Fortschritte» dieser Anstalt verknüpft. Lein edler Sinn und sein gemeinnütziges Wirken sicherndem Entschlafenen in unserer Gemeinde en! dauerndes Andenken!" Strwpcn a. Rhein, 27. Decbr. ES hätte nicht viel . gefehlt und wir hätten vorgestern hier eine erneute Auflage - des ,Zantener Knabenmordes" mit allen seinen Ehikanen und Gefahren für die hiesigen Juden erlebt. Der Fall war — nach der ״Franks. Zeit." — folgender: Der jüdische Metzger Lambertz erwartete einen Junten au» Neukerk, der eine größere Quantität bestellten Fleische» bei ihm abholen sollte. Lambertz traf auf dem Heimwege einen Jungen au» Neukerk, und da dieser mit einem Tragkorbe au-gerüstet war, hielt ex ihn für den erwarteten Boten und forderte ihn auf» mtt in seine Wobuuna zu kommen. Al» Beide in die Wohnstube ,traten, saßen in derselben zwei ällere Männer, wie ball« klarge- ' stellt wurde, christliche Metzger au» St. Hubert und Hill», und der eine fragte Lambertz: ״Wo hast Du da» große Fiel chtuch?" Da wurde e» dem Jungen unheimlich. Sr entfernte sich unter dem Borgeben, erst noch eine Bestellung in einem Nachbarhause «Ul»dchten zu müssen, und verbreitete alsbald im Orte die Schauermär, Lambertz Hab« ihn in sein Hau» gelockt, um ihn abMchlachten. Einige alte Juden ldie christlichen Metzger) hätten dort bereit» auf ihn gewartet. Natürlich fand fich schnell ein cierngläublaer, angnMustig» PSbelhaufe zusammen. Der Bürgermeister deschied alsbald Lamber» zu sich, lieh fich den Hergang erzählen und hielt ihn so lange fest, bt» auch die Ehefrau verhirt war, deren Bekundungen mit denen ihre» Satten vollständig überein- Slntinten. Trotz der von Setten de» Bürgermeister» tiegebenen ufklärung glaubt der Junge ganz fest, man habe ihn ichlachten wollen, und die Menge glaubt e« ihm nach, oder aiebt fich wenigtzcuL den Anschein, e« zu glauben. Da die Juden keinen Moment sicher find, daß nicht ähnlich« Märchen austauchen, hat fich ihrer «ine erklärliche Beunruhigung bemächtigt. 17. Decembrr- In der vorgestrigen Sitzung de» Badischen Landtage» erstattete der Abg. Strüke namens der PettttonSkommisfion Bericht über die Mtttton de» Deutsch- ,Sozialen Verein» Karlsruhe, betreffend die staatliche Prüfung der jüdischen Gebeimgefetze. Der Staat fei nicht verpflichtet, einzelne Bücher» die nutzt in den Schulen verbrettet seien, zu »rasen und gegen deren Inhalt entsprechende Maßregeln zu ergreifen. Außerdem gewährten unsere Gesetze Jedermarn gegen- «der genügen den Schutz, weßhalb der Antrag der Kommission auf Uebergana zur Tagesordnung geh«. Abg v. Stockborner glaubt verschiedenen Puntten de» Bericht» entgegen tteten zu müssen. Er erinnere daran, daß im badischen Staatsbudget ein Posten für den israelittschen Kultus eingestellt sei: da die» der Fall, habe der Staat nicht nur ein Recht» sondern auch eine Pflicht, in der von den Perenten gewünschten Richtung Klarheit zu schaffen- Daß die Bücher tEchulchan Aruch) nicht obligatorisch feien, sei irrelevart, da die Bücher dem fakultatiben Ermessen der Religionilebrer linhetmge» stellt seien. Er würde, wenn er die nöthiqe Unterstützung find«, «inen Anttag auf Ueberwetsung zur Krnntuißnahme stellen. Abg. Rudt kann nicht verkennen, daß mm vor ett.em Stück AattsrunttSmuS stehe; nicht bloß in den deutschen Reichstag Hab« er sich bioeinaedrüngt, er versuch« auch, wie die Petttan ^ige, in der badischen Kammer Fuß zu fassen. E» lasse sich eben nicht verkennen, baß der SnttsennttSom» eine gewisse Becechttgung zukommc: au» der-Mißgestaltung der wirthschastlicher Berhältuiffe sei er entsprungen und nicht mtt Unrecht werte er ein Kampfmittel genannt gegen die Unrechttgkeit, wie fie fici au» den wirthschastltchcn Verhältnissen heraus eutwickell habe. Mt der Entwicklung unsere» Jahrhundert» stehe er im «ldersiauch: der Mittige Appell io der Detttion sei der erste Schritt zu einem Ausnahmegesetz gegen die Juden. Wa» in diesen altjüdischen Werken oiedergelegt, da« stamme au» dem sicheren MttelaÜer und sei zu einer Zett entstanden, tu der die Juden den bittersten JerfoltzwE» ausgesetzt gewesen seien: »nter der si ete» Ent« Wicklung und unter der Indenemanzipattou bade sich da» Judenthum gehoben. Wucherer gebe e» unter Lhristen wie Juden, und den Tanz um da» goldene Kalb machten beide mtt. daß fd ein Eharacteristikum de» heutigen KapttaliSmu», wo Jeder streb« möglichst rasch rdch zu werden. Wa» nun die Gefährlichkeit da jüdischen Schulbücher betreffe, so halte a dem entgegen, daß Zeitungen vor einigen Jahren die Nachricht gebracht, daß in eine« vom Erzbischof approbirten Schulbuch die haarsträubendsten Dinge über Rttualmord zu lesen gewesen wären. Abg. Benedeu: Za rin« Enquete über den Inhalt dieser Bücha stehe da Regierung kein Recht zu, fie habe aber auch kdne Veranlassung. Man solle heute nicht den Kampf, wieder» Abg. w Stockhorna erklärte, « sei konsavativ und nicht Antiscnnt. Aba. W a cker: Er glaube im Sinne seiner volitiiLeu Freunde zu sprechen, wenn n ausspreche, daß sie für einen Anttag aus lleberweisung zur Kenntntßnabme nicht zu haben seien- Tbue man das, so rönne e» dnem Staate auch einfallen, über christliche Lehrbücher und Lehrrn zu befinden- Abg. F r iz.sscir: Wenn von ein« Beunruhigung die Rede sein könne, so Id dieselbe durch da» Anwachsen de» AnttsemittSmu» hrrvorgerufen. der nicht au» dem Volke herausgewachsen, sondern vielmehr künstlich in dasselbe hineingettayen worden sei. Wa» man den Juden vorwerfe. werde von Chnsten in oft recht groß« Zahl auSgcführt. Die Form de« Anttsemitt»mu», die nur nach den Juden frage, sd rin Schandfleck für unser Jahrhundert. Abg. Schumann tritt dem SomtsfionSantrag Lei: er könne nicht begreifen, welchen Zweck eine solche von der Prtttton ge» wollte Untersuchung gaben könne. Die betreffenden Bücher »eien keine Lehrbücher, sondern geschichtlich« Erkenntnibquellea, gegen die staatliche Maßnahmen gar nicht anwendbar!den. Ministerialrath Hübsch möchte zur Empfehlung de» von der Kommission gestellten Anttag« dnsge Bemerkungen bd» sich für verpflichtet haltn auf einige Vesicht»punkte binzuwessen. die bei Erörterung der Frage nicht ohne Bedeutung!den. Wat den Paffu» de» Ksmmisflonrbericht« bettesse, der dahin geh«, daß der Staat weder befugt noch verpflichtet sei, sich um die ethischen Anschauungen und rituellen Einrichtungen za bekümmern, so müsse dem, weil im Widerspruch mit J[ 3 de« Gesetze» vom S Oktober 1860, widersprochen werden- Wa» die vorliegende Sache lande» lange, so glaube er nicht, daß dne bd der badischen Kammer dngereichte Prtttton Veranlassung zur Einsetzung einer Kommis» habe. Sie könnte sich höchsten» mit der Frage beschästtgen, ob bd un» im Lande derartige Bücher öffentliche Vorbereitung finden und bdm religiösen Unterricht in den Schulen zu: Anwendung ־* ־־־" ' ־'־ " '־-■* ' ' ־־ - - יי unterricht Lehrbücher der vom Abg. Rüdt angedeutden Art tm dann empfohlen. Zur Zett sden fieden Lehrbücher in Verwes düng, die von badischen und anderen deutschen Rabbinern verfaßt seien. Der angezogene Schulchan Aruch habe in Baden kdne Berdrdtung, am wenigsten aber iu den badischen Schulen. Er verweise daranf, daß ähnliche Wünsche, wie die in der Petition ausgesprochenen, auch au die preußische Regierung gekommen sden, die da» Kultusministerium zu einer dwiehrnden Unter» suchung von SSI Lehrbüchern veranlaßt Hab«. Keine» dieser Bücher Hab« irgend dnen Inhalt aufzuweisen gehabt, der gegen Unsere sittlichen Anschauungen verstoße. Auch iu Preußen sd der Schulchan Aruch ntcht verbreitet. Im Jnteref e einer objekttven Beurtheilung müsse er auch darauf Hinweisen, daß gegenüber den Behauptungen von der Existenz dner sittenwidriger: israelittschen Srhdmlehre die tsraelmtchen Theologen in Wort und Schrift widersprochen hätten, daß solche eMire oder t» irgend dnem dogmattschen Lehrbuch sich Stellen befinden, die gegen da« allgemeine Stttengefetz verstoßen. JriSbefoudere jei diese» im Februar d. I. geschehen durch die Erklä rung der s S m m t l i ch en dentfchen Rabbiner, in welcher dieselben darlegtev, daß die jüdische Lehre nur auf der Heiligen Schrift und der t» Talmud fixttten Tradittoa bafirc, daß dem Schulchan Arnch dne Bedeutung al» Quelle der Sittcnlehre nicht zukomme MS daß da» silbisch« Sittenaesetz kdne» Untersmed zwischen Jude» und Nichtjuden kenne. Nach diden seinen Ausführungen dürfe er annehmeu, daß dn anderer Beschluß, al» der von der Koni- Mission beantragte, auch nur zu einem negativen (rrgebniß führe» . wurde. Nach dnem Schlußwort de» Beruht er statterS Sttüb«, würbe der Sommifstoit »anttag «st allen gegen du« Sttmotc angenommen».

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