Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 52 (30.12.1893)
- Date
- 1893-12-30
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/6492344-5935087-5962248--1849-5375910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Unleugbar feiert die konservativ« Partei unter den Juden in Deutschland jetzt groß« Triumphe; eS giebt auf dem rech» len Flügel mannigfache Uutecabtheilungm, eine äußerste, eine alleräußerste Rechte, und eine Rechte, die wir am Ende ganz veräußern möchten; selbst diese Extrem« machen Fortschritte; besonders aber gewinnen die gemäßigten, Konservativen, die freilich auch ihre letzten Gedanken und Abfichten klug zurückhalrm, überall an Boden. Selbst Berlin, da» freisinnige Berlin, ist vor Uebrrraschungen nicht sicher. So viele wackere Leute sind au» der Provinz Posen nach Berlin gezogen und haben dort ihre religiöseu Gewohnheiten an den Ragel gehängt; sie wisien die Annehmlichkeit einer überall ״gedeckten Tisches" höher zu schätzen als den ״Schulchan aruch" und den Werch einer alltäglich zu benutzendm Pferdebahn für eine geebnete Lebensbahn ist chnen nicht entgangen: ober die Frömmigkeit, die chnen nicht mehr unkequem wird,ist ihnen soweit wichtig, daß sie zur Wahlzeit dafür die Stimme abgeben; die Sache ist ihnen nicht von erheblicher Bedeutung: aber wenn erst die Faiseurs sich energisch ins Zeug legen, dann werden die Liberalm im Westm und im Osten Berlins Wunder und Niederlagen rrlebm. Die Berliner Gemeinde ist keineswegs orthodox gewor» dm, indeß ״wie eS christelt, so jüdelt e»." Auch die rvau» gelische Bevölkerung Berlins ist nicht streng kirchlich, und dennoch siegm bei den Wchlm fast überall die Positiven. ES soll dm Konservativ« keineswegs verargt werdm, wenn sie sich rührm, zumal der jüdische Radikalismus in Berlin von groben Mißgriffm nicht frei zu sprechm ist. Was z. B. Ihr ״Kleinstädter" nmerdingS soscharf gegeißelt hat, daß bei allen fünf geger.wärtig amtirenden Rabbinern Berlins die Wiege jenseits der deutschen Grenze gestandm hat. daß jedeSmal die Wahl einm Ausländer getrofim hat, wird stets sehr merkwürdig bleibm. In allm Provinzialhauptstädtm Preußens, soweit in diesm Srädtm größere jüdische Gemein!-« vorhandm sind, in Königs» berg, Danzig, Posen, Stettin, Breslau, Mägde» bürg Hannover, Kassel, Frankfurt u. a., fungirm in Deutschland geborene Männer als Rabbiner, Stutt» gart hat sich jüngst einm gewöhnlichm Preußen zum Rabbmer genommen. Auch die Residmzstädte Dessau und Karlsruhe wähltm vor Kurzem auS vielm Bewerbern tüchtige in Dmtschland geborene Rabbiner und Prediger; nur Berlin hat bei fünf resp. sechs Wahlm, die nacheinander vorgenommm wurdm, keinen gefundm! Die Radikalen habm in Berlin während der langen Dauer ihres Regiments sich manche Blöße gegebm, sie HSttm wahrscheinlich noch schlimmer gewirthschaftet, wmn ihnm nicht das LaSker'sche rnstrittsgesetz Zügel angelegt hätte; so werdm es die Konservativm leicht habm, wenn sie dm Sturm ausführen. Aber auch in sich ist die konservativ« Partei in der Berliner jüdischen Gemünd« erstarkt; ebmso haben jüngst die Gemnudewahlm in Breslau bekundet, daß dort die kon» servative Richtung tmumgebend gewordm ist, in Wärttemberg ist zum Skachfolger des durchaus sreifinnigm Wasiecmaun ein durchmrS orthodoxer Herr, Herr Dr. Theodor Krorer, gewählt worden und di« Wahl ist umsomehr bezeich» nmd, al» die eigmtlichen Wähl« keineswegs orchodox oder auch um konservativ sind, sondem um i» Rücksicht auf die Stimmung und Anschauung der Juden des Landes diesm Mann gewählt haben. Nicht» ist thörichter alvor osfenkundigm Thatsach» sein Auge zu verschließen. Wir beklagm tief dies Zurückgedräugt werdm deS religiösm Freisinns, aber sollm wir wieder vorwärtS kommen, so dürfen wir uns über dm gegenwärtig« Zustand nicht täuschen. Da- Seltsamste dabei ist, daß trotz alledem die altjüdische Religiosität bei weitem nicht so verbreitet ist, als früher; die religiöse Aufklärung hat einm großen Anhang, aber dieser Anhang ist lau, gleichgiltig, die Religion ist chm gerade gut gmug als Dekoration bei fest» lichm oder ernst« Feierlichkeiten. Das ist ein fauler Friede, wmn wir, um nachaußm uns einig zu zeigm, die naturgemäßm religiösm Gegmsätze verdeck«, vertusch«; auch unsere Gegner zweifeln nicht daran, daß dies« Gegensätze für kein« vernünftigen Judm so be» deutsam sind, um uns in Sekt« zu trmnm, um uns die Gemeinsamkeit vergeffm zu laffm. Rur die religiöse Aufklärung kann das heranwachsende Geschlecht bei unserer Fahne halten. Im religiös« Streite wollm wir Kein« kränk«, Seinen »«höhnen, wollen wir jede ehrliche Ueberzeugung acht«, und die Unchrlichkeit und die Herrschsucht bekämpf«, ob sie nun für oder gegen un« sind. Ab« Zeit ist eS, daß die Freisinnig« sich sammeln, daß das Bann« d« Auf» värung in der Synagoge wird« aufg«ollt wird, daß wir nebm und über dem Frieden doch auch d« Wahrheit die Ehre geben. _ Das Schächte». Bon Oberrabbiner Dr. Udler in London. (Schlnh.) DaS Schächten vor dem Richterstuhl der Wissenschaft. Es bleibt nun noch ein wichtiger Punkt zu berühr» übrig. Es könnte nämlich eingewendet w«dm (wir wälm dieses auch nicht ganz bestreit«), daß dem mosaischen Gesetze eine gemäß dm zur Zeit d« Gesetzgebung herrschend« Idem humane Absicht ju Grunde lag. Hat ab« seit jm« Zeit die Wffmschaft nicht and«e TödtungSarten entdeckt, welche sicherer, schneller und zugleich schmerzloser sind? 3n Erwiderung auf diesm Einwand mutz ich oemerkm, daß als sich die erstm Stimm« gegen da- ,Schächten" erhob« (vor ungefälu 28 Jahren in der Schweiz) meine Glaubensgenosse« sich an die hervorragendst« Veterinär- und Ti«Lrzte Europa'- gewendet und sie um Kundgebung ihr« wiffenschastlichm An» sicht ülier die jüdische Schlachtmethode und der« W«t, ver» glichen mit dem TödtungSverfahrm durch Etirnschlag, Grnickstick,, od« mit d« Bouterole und Schutzmarke, ersucht haben. Hierüb« besitzen wir nuo bereiteine reichhaltige Literatur. Ich könnte Ihnm eine lange imponierende Reihe von MLnnem vorfühcm, welche sich alle eines europäischen Rufes ersreum und sich entschieden zu Gunsten dejüdischen Schlacht- Verfahrens ausgesprochen haben. Ich will jedoch nur folgend« nenn«: Professor Du BoiS-Raymond, Direktor d«S physiologischen Instituts und Profeffor Dr. Rud. Birchow, Direkt« depathologisch« JnstitS zu Berlin, Ercolani in Bologna, Fick, Profeffor an bet Universität in Würz-, bürg, G a m g e«» Direktor de» Albert-Beterinär-JustitulS, j Gerlach in Hannover, Gurlt und Hertwtg in Berits istwl Pro istmayer in München, Röckel «Midarzt am