Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Ser Borredner hätte in der Eladtverordnetenversammlmig seine runde Vorbringen sollen- Wenn er aber in der Religion de« Gewühlten bei einer simv ltauen Anstatt eine« Fehlerer» blicke, so zeuge da» nicht von jener Suffafiuna, die schließlich den jüdischen Wahlen, angenehm wäre. In ähnlichem Sinne spricht Stadtv. Cohn fick ans. SchtteidermU»!. In unserer ,brunnenberühmtm" Stadt ist auch dem antiemitischen Wasser ein Bett gegraben worden, nm den AnttsemitiSmu» stet» in Fluß zu erstatten. Herr v. Mosch hat einen Verein gegründet und de» Eyklu« antisemitischer Schauspiele eröffnet Der ersten Vorstellung wohnte auch der Herr Z., ein jungw Mann von ca. 17 Jahren, jüdischer Konfession, bei. Er wurde kurz vor dem letzten Akte erkannt und an die Lust gesetzt. Am nächsten Lage «hält nun dieser Herr von dem Vorsitzenden des neu gegründeten Vereins einen Briet mtt fol» gendem Worttaul: ,SeHrter Herr A e s i » n n » a « a en» ss et Mt tiefem Bedauern erfahren wir. da» Eie gestern, weil von jüdischen Eltern geboren, an» dem Saale entfernt wurde». Denjenigen, die ihre Hand dat a geboten. >st diese Tha» um so «ehr leid, al« die» selbe» später ersurre», daß Eie, geehrter Herr, schon Ihrem Herrn Baier erklärt haben sollen, dih Eie Antisemit und fich später taufen lasten wollen. Ir» Name» dei!;esammtea Antisemiten Sch.'», inSdesondere de« neu xegründeten Verein», bitte» wir Sie. den Irrtum zu entschuldigen. Idtto B., Loisb-ender de« Antisemiten-Lerem».- Ist er nSttt!- »och etwa» hinzuzufügen? Das find die Antisennten, die ,.die Rasse und nicht die Religion bekämpfend und die fich nicht schämen, einem Juden die Hand zu bieten für den Preis der fcutfel »attittM«, 10. Terember. (Or. Tor.) Heute ttat hier wieder die jährlich etwa vier bis sechsmal statlsindende Tonfermz jüdischer Lehrer SüdlMnovers zusammen. H. Rabbiner Dr. Jacob-Gbttingen h׳.elt einen Vortrag über den Unterricht in der Liturgie.*) Es komme ihm vor, als wenn die frühere Vernachlässigung des theoretischen Religion-- unterricht in das Gegentkeil, umzuschlagen drohe. Man dürfe nicht vergessen, das der Religionsunterricht auch — und sogar vor allem׳ — praktische Ziele habe nämlich: Die Einführung in das religiöse Leben der Gemeinde, der Familie, t«S Individuum«, die Erziehung zu Mitgliedern einer jüdischen Gemeinde. -- Den Unterricht dafür habe man meist auf ge egentliche Anknüpfungen und zufällige Erjahrungen beschränkt, «S sei unter den heutigen Umständen eine methodische Unlermnsung nötig, welcher eine Abgrenzung de« Lehrstoffes vorcm gegangen fein müsse. Eine besondere Lehrstunde dürfe bei der ohnedies schon zu großen Zersplitterung nicht ,ingeführt rxrdeu, bis zur ersten Stufe, für welche der Stoff zu einer besonderen Lehrstunde reichlich vorliege, welch« zugleich alles aufnehmen könne, wa» notwendig sei, aber schwer in den Rahme» der andern Fächer ein-ufügen sei. 3m Anschluß hieran hiett der Borttagende eine Lehrprobe über ein Kapitel au» der Liturgie: Die Thoravorlesung, konzentrisch für die drei Stufen der Religionsschule. Hierauf hielt Her Bach-Münden eine Lehrprobe in der jüdisch«, Geschichte ab. (Oberstufe der Volksschule: Juda Halevi.) Er ergich den Kindern in knapper edler, aber ganz schlichte׳ Sprache ein Lebensbild deS Dichter« mtt den eingeschalteten beiden Liedern: ,Reicht mtt den Kelch" und: ,0 Stadt iur Welt." istr wiederholte die Erzählung wärtlich in etwas schneller« Sprechart. Darauf fragte er jede Emzelhett al», wied«hölte auch dies, und ließ schließlich die Erzählung in Zusammmhang wickergeben. Jetzt ließ er die beiden Gedichte entwickele, und uuvermerst durch Einzel- und Chorsprechen lernen. Zirm Schluß ließ er nochmal« die Erzühlung wie »«holen und die Gedichte auffagen. Au be de Lehrproken, welch« je ,U Stunden gedauert hatten, knüpfte sich eine <mg«eg.e Debatt. Zu« ^rchlntz wurdi-n Erfahrungen au« dem Gemeindelebe» und üb« richtige« Verhalten ausgetauscht. D. 8»ttnt|e, im!kov.(Or^Loru)Dtt Reihed« Wwttr- «rttägehatte diese« N^l der au< d« Schtvestagemerndc herübergaufme Stadtradtzüwr Dr. Appel «st settu«. tinfüh-' innersten W«deprozeß de« ttaditionellen Judentum« render», dajüdisch« Tradition»- und Forschung-Prinzip histö-' risch beleuchtende» Borttag am im Verein für Gi^chichte und Literatur «öffnet. Er entrollte ein farbenreiche« Bild d« GeisteSkämpfe, die zwisch.-n Pharisäern und Sadduzäern Üb« Geltung d« Tradition geführt wurden,' ׳Kämpfe, die im Grund« nicht« ander« find, al» da« einige Stingm noch frei« Fortbewegung mit dem starren Prinzip d« Buchstabengläubigteit. Schlagend wie« denn auch Redn« in Beispielen nach, daß g«ade die Pharisä« al« Anhänger d« Tradition ein freie« Prinzip d« Forschung im Judentum vertraten; denn nicht, wie e« den Anschein hat, ist die Tradition, sondern umgekehrt ihre Bekämpfung durch die Sadduzä«, d« Hemmschuh gegen eine freie Aufiaffung de« Pentateuchworte- und eine Fortentwickelung de- Judentum« üb«havpt gewesen. D« ״ProSbul"*), wie ׳ Redn« in sorgfältig gewählten Beispielen darthat, gewiß doch . ein eklatante« Beispiel von Umbildung, wenn auch auf»ttaditionell« Grundlage und gestützt durch herkömmliche Inter-, pretation de» geschriebenen Gesetze-, hat nur im Lag« der Pharisä« entstehen können. Den Pharffäern demnach, wie Redn« ganz richtig hervorhob, nicht dm Sadduzäern »«danke da« Judentum Äst und Licht, da» sonst bei starr« Buchstabengläubigkeit gleich den Setten der Samaritaner und spät« der Karä«, verurteilt wäre, nur sein kümm«licheS Dasein zu fristm WaS ab« da« Wichtigste und von dem Borttagmdm auch uroiert wurde, ist, daß d« K«vpuntt de« Judentum«, eine Religion d« Milde und Menschmfrmndlichkeit zu sein, nur bei d« Anwendung de- Forschung-Prinzips d« Pharisä« hat leuchtende Gestalt gewinnm können. Rur noch einmal, durch dre Karäer bedroht, ist auch in'diesem Falle da« pharffäische Forschung»prinzip als Sieger hervorgegangeu, wobei Redn« in planfibl« Weise zur Lrkläritna de« Gegensatze« von Kcwäern und Rabbanittn die zeitgmösstschm Kämpfe d« Schiitm und Sunniten heranzog. Lebendigkeit de« Borttag« «höhte den Eindruck deSselbm, reich« Beifall eine» zahlreich erschienenen Publikum» lohnte dm Redn«. Stuttgart, 7. Dez. (Or-Co«) Die Bewohn« d« Stuttgarter Judengasse habm beim Magistrat die Ab- Snderung diese« 'Ramm« beantragt, was dies« auch mit gering« Mehrheit beschloß. Verschiedme TageSbläti« stehm diesem Beschluffe mtgegen. Der ,M«kur" schreibt: ,ES kann in kein« Weise gutgeheißm w«dm, daß wegen Augenblicksstörungm od« d« verwandelbarm Mode zulieb mau mtt althergebrachten, geschichtlich denkwürdigen und b«echttgtm Beziehungen mir nichts dir nicht« ansräumt. G«ade die Bezeichnung ,Judmgasie" ist für Stuttgart von geschichtlich« Bedeutung, und es »scheint ebmso kurzsichtig als lächerlich, etwa iin Hinblick auf die gegenwärtige, jedenfalls nur vorüb«gehende antisemitisch« Sttömung an .dem altehrwürdigm Ramm einer fast unbedeutenden Straße Anstand zu nehme». Frankfurt hat seine Judmgaffe nicht als solche aufgehoben, sondern die Gaffe mußte ein« stadtbauplanmäßigen Amberung zu« Opfer fallm, in B«lin würde e« niemand in dm Sinn kommm, die Judmftraße umtaufm zu wollen, in Rom sucht man da« Ghetto wohl baulich und gesundheitlich zu verbessern, allein historisch sucht man e« zu erhaltm. Das die Judmgaffe hi« von geschichtlich« Bedmtung ist, zeigt schon ihr Ursprung. Schon tm 16. Jahrhundert findet sich, hi« eine Judenschule, ein Beweis, mit welch« Toleranz, schon früh« die Juden in Stuttgart aufgmommm wurdm. Die Judmgaffe ist d« älteste Sttaßenname hier. Da mußtt auch da« königliche Landhaus Rosmstein de« jüdisch Vnmmdm Ramm» wegm Wied« seinm altm Ramm Kahlstein «halten. Laffe man also die Ramm bestthm und achtt man ihre historffche Bedeutung."