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Israelitische Wochenschrift · 1893-12-15 · 50 (15.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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^«etl man sich, nach einem längen» Aufenthalt in ÄUü städten, erst wenigsten» einige Wochen sammeln muß, ehe man so große Menschen und Dinge, wie sie nur hier in die Erscheinung treten " können, in g^iemender Weise zu besprechen vermag. Lieg tunen wir mit Einigem au» der hohen Festzeit: Wo» wurde da an begeisternden Reden geleistet, w:lch' an- »iehende Raturwahrheit im vortrage, welch' überraschende Ottgi ealttät in den Bedanken zeichnete dieselben au»! Wall wurde da von Hörern nud Hörerinnen gelobt und getadelt, verhimmelt und verurteilt, sowohl von denen, die in großen und kleinen Synagogen sich belehrt und erbaut Imitat, als auch von solchen, die e»in Lokalen vollbracht, welche, sonst »etwa» andern" Zwecken dienend, für einige Lage in — Bethäus« umgewandelt waren. . Und den bedeutenden oratorischen Lttstungen entsprach auch der Erfolg. Wer fich de» größten Erfolge» zu erfreuen hatte? Die Börse sagt sehr, sehr geistreich: ״Einem stnd Biere — War st." ' Aber wie in Berlin Alle» und Jeix» seine Anhänger findet» 7׳ so hat auch die ״Wurst" hier ihre Liebhaber, und deshalb hat sie, jener Geistrttchigkttt gegenüber, Im» Gefühl der ״Wurschtig« <kttt," da» die ״Wurst" nicht-minder erfüllt, al» unser« Stt- ' Reichs-Kanzler. Doch mehr al» alle Redner Berlin» wirkte die R« de eine» 7, Gymnasiasten, der in einem Gartenlokal Festpredigbm hielt. Wie hat aber auch ein in Oestetreich erscheinende» jüdische» Blatt diesem hoffnungsvollen Jüngling, dieser einstigen Säule der Orthodoxie, diesem beredten?Runde, der mit genereifer gegen die Uebertreter de» unverfälschten, unverkürzten Juden׳ . tum» — zu welchem unter anbetm selbstredend alle Piutim gehören — fich vernehmen ließ, Weihranch gestreut! Der be scheide» Jüngling weiß von diesem ststeihrauch nicht», gur nicht». Ebensowenig wie jene Rednergenie», die im Hamagid uni׳ anderen ' Blättern zu den Sternen erhoben werden, die» «iffen. — Gerecht ist anch diese Erhebung. Vermögen doch die betreffenden Genie», dnukle Existenzen zu leuchtenden Wesen zu zaubern. Bor kurzem begann einer jener Magier seine faScinirende Leichenrede auf einen ziemlich obskuren Schriftsteller also: ״Welch' glänzender Stern ist vom Himmel gefallen! Aber ball! wird er wieder leuchten" «. s. w. Ein Kleinstädter, welk-er diese wunderbaren Worte vernommen, n»einte, daß, wenn die Gemeinde auch sonst-wenig böte,-sie doch einzig in der Art sei, ihre Angehörigen zn — begraben*-. Sie haben wohl schon, verehrt« Herr Redakteur, von dem Brschluß gehört, wonach von der vorgeschriebenen Form der Gebete in der Leichenhalle und am Grabe nicht abgewichen werden darf. Ich erlaube mir heute nur eine Frage: Zn einem der Gelute wird Trost erberen für die Trauernden, die schmerzerfällt bi« Bahre nmstel,en; die Trauernden werden aber, sobald fie der Bahre in de, Leichen- Halle genaht, zu fitzen veranlaßt; umstehen fie gleichwohl die Bahre? Wer weiß, ob nicht. Wft Kleinstädter glauben nicht, daß sie dennoch stehen; aber wa» thu: da»? Können wir denn so richtig sehen und deukeNt wie die Großstädter?Also: ״Schweigen Siel"— Unsere Linden da und dort erzählen fich auch Etliche» von ^Festrednern. Da hat fich ein Redner sehr über die stantoren «eifert, welche die Lefillah nicht sogleich laut v orttu gey, und in heiligem Zorn hätte er beiuahe von der Srbaunnj. der Gemeinde Abstand genommen. Diese nahm teil» für den Prediger, teil» für die Kantoren Pattei. Reben mir recht» ging auf dem Heimwege ein klapperdürr« Nidelheld, d« für Ite ״stille L'fille" fich begeisterte und meinte, e» müßten doch gegen solche Eingriffe in die ״Ottodoxie" Maßnahmen getroffen werden. Da wendete fich sein Vordermann um und bemerkte ihm Warum er da» nicht thue, auf Maßnahmen verstehe ersichdoch am besten. — Dort «ging fich ein RabbimatSkandidat bet der Seelenfrier am Schlußfest fast «»schließlich in der Süudhastigkeit der Menschen und strttste dabei nicht allzu sanft uns« Spree-Babel. Obgleich Inhalt, Form und vorttag '>en Dar- La» «iU»«»t a» die SBirte, mit welchen ein Uwstati ftUe .eine» »wo»Feiebbofe» da»«»»: ,.«»neuer R Mol-Mo." (fet) bietungen gewiss« Pastoren nachgeahmt waren, hatten viele Zuhör« nicht die rechte Würdigung für d>!n Redner und verhielten fich nicht ganz mäuschenstill, so daß xr Synagogen- oder ttchtiger Lokalinspektor mehrmals Ru he gebieten mußte. Manche Hörer und Hörerinnen weinten anch . . . Fürwahr, ,Berlin, wie eS weint und lacht" — nicht, wir früher in der Heschana-Rabba-Nacht: ,^Serlin, wie e» leint und wacht!" Ein feister Hörer, fast Quadratmensch, d« ehrsamen Glaserzunst angehörend, meinte nach Beendigung de» Kultu»: Der Inspektor thätebeffer, die Geseroh rooh zn entfernen. ״Welche?" fragte ihn mein westfälischer Freund. Nun, erwiderte er, ich konnte kaum sehen, und daran war ein ,böSBerhäng ni»" eine» Fenster» schuld. — So wett über Festredner im Tempel. Wo» könnte ich «ft üb« die Jubelfestredn« und Jubelfestschriftstcll« de» Orden» 8. 8. sagen! Wie fnnkelnagelneu waren die Watte, die fie svrachen und schtteben, wie ttoff da Mund und ssed« von Wohlthätigkeit, Brüderlichkeit, Einttacht. von deutscher. MLnn«n, teilt» schein Vaterland«, echt deutschem Sproß — hiermit war der Orden gemeint. Und wollen Sie wiffen, wa» den bet.effenden Redna so deutsch gefett. sein Wott so deutsch geweiht, daß er ganz in Germania» Armen lag? Die ungarische — Waag: aber auch die Dankbarkeit gegen hiestge OrdenSbrüd«, die ihm in Bezug auf Deutschtum glichen und gleichen. — Was will denn nur der OrdenSbrud« Hirsch au»Chicago, wa» will a mit seinem offenen Wort zur!«vjährigen Jubelfei« de» Orden- 8. 8. «zielen! Wie konnten Sie, »«ehrter He« Redakteur, sich nur beikommen lassen, au» dem ״American Israeiite“ die» offene Wort sin Nr. 46 d« Wochenschr.) adzudrucken! Wer darf von geistigem Rückgang, von kindischer Freude an Abzeichen und Geheimnißkrämertt, von bedenklichem Widerstreit mit den Gemeinde-Interessen, von widerwärtiger Prahlerei de» Orden» und ähnlichen Dingen sprechen, wenn er an Berlin dentt! Und so he«lich weit wie in Berlin, wird es der Orden auch wohl noch in manchen andern Städten Deutschlands gebracht haben. Ja, hätte Bruder Hirsch die deutschen Ordenszustände gekannt, sein offene» Wott wäre sicherlich — nochganz ander» ausfallen. Den Höhepunkt oratottscher Leistungen haben die beiden Reden btt der jüngsten Eröffnung der Religionsschule im Westen errttcht. Vorher wurden an sämmtliche Gemeindeangehörize—und da» heißt hier schon waS — Cirkulare geschickt, um unter andern für die Schule möglichst alle Kinder, die de« Religionsunterricht» entbehren, zu gewinnen: kurz, es wurde ihr, wie keiner anderen Gemttnde-Anstalt vor und btt ihrem Entstehen, alle mögliche Gunst zugewandt, httßes. brühend heißes Bemühen gewidmet. Aber ach. wie wenig entspricht die ansgewandte Mühe dem-Erfolg: die ortho» boxen, ja selbst die mystisch-orthodoxen Religionbschulen hi« haben eine ganz andere Freauenz aufzuweisen, al» eine ״vnhältni«- mäßig große", wie bei der Eröffnung ettbas m bestimmt und v«- schämt gesagt wurde. Doch Geduld! Die Shule wird bald so Bedeutende» lttsten, da» tour Berlin ihr zustrümen wird. Die ,höhne" Höhe «reichte die auch zeitlich erste Rede, welche die Moffe'sche schweifwedelnde Zeitung de» Juden hum» al«,goldene Wotte" bezttchnete. Wir mußttn dabei unwillkür ich an die goldenen und silbernen G«äthe denken, die ein Feuilleton de» Moffe'schen Tageblatte» einmal die Juden in Aegypten »stehlen" ließ. Mr mttnen nicht, daß die Wotte de» Redner» irgeudwem entnommen sind: sie sind ihm urttgen, soweit e« der Ausdruck für landläufige Gedanken sein kann, und sollen ihm ureigen bleiben: es littdet fie ihm gewiß Niemand. Sb« wahr hat der Mann gesprochen, sehr wahr. Heben wir heute nur ttnige Wahrhttten h«vor. Er sprach von AntisemitiSmu» und Charakterlofigeit in unserer eigenen Mitte; sicherlich zielte« damit auf Schntzjuden-Petitionen und verwandte», bravo! Sr prach fern« von der Nothwendigkett der Pstege x# Hebräis chen: icherlich zielte « da ans die jüdischen Borfteh«, d«en Zahl Legion, die »um Gaudium ihr« Nachbarn da» hebräishe Gebetbuch verkehrt vurtiRMhlipfvliLgiidll» fnn—T_־_ TX»rr IT 11 rft«

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