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Israelitische Wochenschrift · 1893-11-17 · 46 (17.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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und was sie dann Weiler ׳aselt. Also ganz beiläufig möchte sie das Wort ״landläufig", wie dies bei Antisemiten landläufig sein soll, unterschlagen, indeu, sie es in dir Klammer versetzt und mit einem groben Kniff dafiir ״höherem" einzu» schmuggeln sucht. Kanu man, um in ihrer lieblichen Sprache zureden ״der Wa hr h eit einen sicheren Faustschlag versetzen, die antisemit ische Fäls cdungsmet Hohe cynischer betreiben? Daß wir gegen getaufte Juden ein so enischiedene« Mißtrauen ausgesprochen haben, mußte natürlich der ״Staatsbürgrrztg." besondere unbehaglich sein. Verletzen wir doch bj mit das zarte Gewissen einiger ihrer Freunde, ihrer Schützlinge, ihrer Kronzeugen, eines Paulus Meyer, eines Morris de Jong e, eines Julius Brimann. eines Elias Grünbaum u. a. dieses Genre's Ferner hatten wir gesagt: ״Wie müfien solch« M-schehen umsomehr verurteilen, wenn, was die Regel ist, Sinnlichkei t, auf Deutsch Liebe, die Gatten zusammenführt." Dazu bemerkt das Blatt: ״Das kennzeichnet wahrlich auch j üdis che Gesinnung: Geld und Sinnlichkeit, etwas anderes kennt der Jude nicht" Aber schade, jammersbade für die St.-Z. ist, daß wir uns hierbei fast wörtlich der Aeußerung einesder hochwürdigen Synodalenbedient hatten, welcher dem christlichen Teil den Vorwurf gemacht hatte, daß nur zu oft die Fleischeslust, unter dem hochtönenden Namen Liebe, und die Geldgier, um ein verblichenes Wappen zu ver> golden, die Motive zur Mi'chehe seien! Daß die ״Staatsbürgecz." unsere respektvollen Aeußerungen über das Ehristentum, daß es auch nach unserer Ueberzeugung wohl geeignet se׳, Millionen zu beseeligen, die in ihr aufwachsen, daß es eine Lehre des Heils für alle Völker geworden sei, die eS von den Wahnlehren des HeidentumS befreit habe, daß sie dies alle« unterschlägt, ist nach obigen Proben selbstverständlich. Für ein Blatt wie die ״Staatsbürgerztg." ist die« wohl reichlich genug der Erwiderung, zumal sie nach ihrem eigenen Geständnis ja doch nicht im Stande ist, unseren» Gedankengang zu folgen und offenbar von Religion und Judentum "wenig versteht, wie wir etwa von Judenflinten und Ritualniord. Doch halt! Dieses Wort hätten w r am Ende nicht niederschreiben sollen. Denn jetzt wird die St^Zkg. sogleich dagegen schreiben: ״WaS? Ritualmord? Dies Wort muß festgenagelt werden! Die Juten geben also selbst den Ritualniord zu. Dies ist in einer jüd. Zeitschrift, in der vom Rabbiner Dr.Rahmer heinusgegebenen ,Jsr. Wochenschr.", ausdrücklich ausgesprochen worden! Wie recht wir halten, als wir von grenzenloser Ueber- Hebung und von Glaubenshochmut gegen da» Judentuni sprachen, dies lehrt ein anl»׳res Beispiel theologischer — sagen wir — Naivität. In der Versammlung der ״evangelischen Allianz" am 8. d. M. hat Herr Prof. Leu,me aus Heidelberg einen Bortrag über Religionsfreiheit gehalten. Schlägt Dir da» Herz nicht höher, jüdischer Leser, bei diesem Wort von goldenem Klang? Was ist denn die ganze jüdische Geschichte, unter drr Herrschaft des Christentums, d. i. seit einem und einem halben Jahrtausend, :twaS ordere», als ein Schmückten nach Religionsfreiheit? So versuck« denn, ernsthaft zu oleibrn bei folgenden Worten, die nach der ״Kreuzztg." Herr Prof. Lemme gesprochen: ״Erst das Christentum hat die Forderung der Glauben»- freiheir aufgestellt (!!). Noch leider, wir an den Trümmern deraltenWe't, au jüdischem und heidnischemReligionszwang. Da» talmudische Gesetz hat in den! besonderen Sinne der Sbschließung Israels noch strengere Vorschriften als da» alte Testament gegen Abfall getroffen. Die Duldsamkeit ist eine besondere christliche Tugrnd, die Unduldsamkeit eine speziell jüdische Eigenschaft!!" Jedermann Würde unfehlbar glauben, dies solle eine Satyre sein, wenn es nicht in der ,Fkreuzz." stände. Allerdi.tg»hat da» Christentum einmal eine zeitlang ReligionSfreiheit verlangt, nämlich so lange e» in der Minderheit war und dann nur f ü r s i ch. Aber sobald für die Kirche (welche sich für da» einzig wahre Christenthuin gehalten wissen wollte, denn wer ander» dachte, ivar ja ein todeswürdiger Ketzer) die Macht in Händen hatte, hat sie alle Andersgläubigen init einein in tvr ganzen Weltgeschichte beispiellosen Blutdürft verfolgt. Hat der Herr Profeffor L e in m e noch nie von Ketzergerichten, Inquisition, Tortur und Scheiterhaufen gehört? Bon den schrecklichen Verfolgungen der Arianer bi» zu fast gänzlicher Ausrottung? Bon den Albigensern? Von den Graulen des dreißigjährigen Krieges — auf beiden Seiten geführt im Namen der Religionsfreiheit? Daß allein in Spanien Zehntausend« den Scheiterhaufen bestiegen und underttausende mit lebenslänglichem Gefängnis, Galeeren, ütereinziehung, Verb Innung ins Elend u. dgl. ui. bestraft worden sind? und dies alles um des Glaubens willen? Rein, diese Kleinigkeiten sind dem Herrn Profeffor Lemme unbekannt, können ja auch unmöglich wahr sei», da da» Christentum die Glaubensfreiheit eingeiühn hat u<d Duldsamket eine speziell ״christliche Tugend" ist. Oder vielleicht litten jene Zeiten noch an den Trümmern der alten Welt, an jüdiskiem und heidnischem Religionszwang. Und wer zweifelt, daß wenn der Staat der Kirche den Gefallen thäte, sie mit der ftüheren Machlvollkommenheit auSzurüsten, alsbald wieder die Scheiterhaufen brennen würden und die H?nker zu th»n bekämen. Denn die Duldsamkeit ist ja eine besondere christliche Tugend u. s. w. So wenig der Herr Profeffor mit der christlichen Kirchengeschichte bekannt ist. so vertraut will er mit der jübischen sein. Denn er sagt: Im Judenthum bestehen bis heute zu recht die strengsten Forderungen des Religion», zwanges, nach denen jeder Jude der irgendwie (!) au» dem Judenihum auSicheidet, init dem Tode bestraft werden muß, nach denen jeder Jude verpflichtet ist, mit zelotischem Eiferihn totzusckagen."(!!) Klingt dc.» nicht in der That ganz schauerlich? Darnach muß inan sich nur wundern, daß unter den Juden nicht täglich Mord und Totschlag zu Hunderten vorkommt, da ja irgendwie jeden Augenblick Juden aus dem Judenthum auSscheiden, worunter ,vohl dir Nichtbeachtung irgend einer rabbinischen Observanz gemeint ist. Gewiß kannten auch die rabbinischen Gesetzbücher, die aber hierin längst veralter sind, ZwangSbesrimmungea gegen Abfall, aber sie haben stets nur aus d e m P a p t e r g e st a n d e n und die wenigen Fälle des RJigionszwange», die auch unsere Geschichte leider zn verznchnen hat, waren immer nur Maßregeln einzelner zelotischer Rabbiner oder Collegien, wie in den Füllen Spinoza» Uriel A c o st a. Schon die Autonomie der Gemeinden uud die Freiheit der Lehre machten einen durchgehenden Religionszwang unmöglich. Der Himmel verschone uns daher auch ferner mit Eonsistorien und Oberrabbinern, sowie mit einer Gemeinvecentralisation mir weitgehenden religiösen Machtbefugnissen. Der Herr Profchor zittert ferner den Tractot Sanhedrin, aber da wir nicht wlffen, welch« Stelle er meint, so können wir ihn in diesem Punkte nicht widerlegen. Will er sich aller genauer unterrichten, welche» die wahre Lehre de» heutigen Judenthum» über Glaubensfreiheit ift, so rachen wir ihm dringend, statt de» ״Antisemitenkatechismu«" doch lieber da» Buck: ״Jerusalem oder über religiöse Mccht im Judenthum" von Mendelss obnzulesen, einem Manne, der seit hundert Jahren von allen Juden ohne Unterschieb al« ihr maßgebender Lehrer in dieser Frage betrachtet wird. Ueb7»gen» wüßten wir eine vortreffliche Probe auf wahr« krligioosfreiheit anzugeben: Herr Profeffor Lemme schlage doch einmal vor: entweder, daß der Staat alle Bekenntnisse ohne Unterschied in der gleichen Weise

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