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Israelitische Wochenschrift · 1893-11-03 · 44 (3.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 342 — Lehre de» Judentums giebt es auch Sittlichkeit außerhalb der bestehenden Religionen - aber die Religion verhält sich doch zur gemeinen Sittlichkeit wie eine Shak»peare'sche Tragödie zur Theorie de» Aristoteles — und da» Judentum insbesondere ist sowenig in Formeln und GlaübeaSbekenutnifse» erschöpft, daß mau geradezu sagen kann, da» Judentum ist gar keine Religion in dem landläufigen Sinne, sondern eine besondere Art zu leben, ein nach gemeinsamer, geschichtlich entwickel« ter Regel geheiligier Wandel vor Gott. Wie kann nun in einer Mischehe eine einmüttge Erziehung zu diesem Wandel «öglich sein, wenn die Gatten nicht auf demselben Lebensgruade stehen, und in de» geweihteste» Augenblicke» des Leben», an jedem seiner Haltepunkte, des Morgens und Abend», an Sabbat und Festtag, jeder seine eigenen Wege oder gar keine gehen? Rach dieser Anschauung wird sich so leicht kein Rabbiner herbeilafseu, eine Mischehe zu schließen, zumal dadurch die Formel der Eheschließung geradezu zu einer Unwahrheit würde. Denn sie lautet von Seitendes Bräutigams: Ich erkläre Dich hiermit zu meiner Ehegattin nach dem Gesetze Moses undJSraels. Wenn ein gefälliger Reformprediger als Freund de- Hauses einige salbungsvolle Worte nach Art eines Toastes spricht und dadurch zur Erhöhung der kahlen Hochzeilsfeierlich» keit beitragen will, so ist dies noch lange keine religiöse Trauung oder was der hebräische Ausdruck bedeutet: Heiligkeit», «rklärun g (Liääuselün) des künftigen ehelichen Zusammeu» leben». Wir müssen solche Ehen umsomehr verurtheilen, wenn, was die Regel ist, nur die Sinnlichkeit, auf Deutsch Lieb«, die Gatten zusammenführt. Wenn aber der eine Teil die Religion des andern annimmt, dann steht die Sach« gerade umgekehrt, wie sich die evangelische Orthodoxie einbildet. Wir erklären den Uebertritt eine» Juden zu« Christentum, wofern er über sein Judentum hinreichend unterrichtet war, und wofern chm daraus keinerlei zeitlicher Vorteil weder ein baldiger, noch entfernter erwachsen kann, einem vernünftigen Menschen unmöglich, undenkbar oder nur aumomentanem heroischen Verzicht auf seinen Jntellect oder auS see» lischer Depression erklärbar. Wir können das hier nicht so aus» führlich begründen, wie wir wohl möchten, aber kann ein reifer Mensch eine Religion vertauschen, welche lehrt: Da» Dasein eines einzigen lebendigen Gottes als des Quell» alles Guten, die Freiheit de» Willen» und die Sclbstverantwortung, die Herrschaft sittlicher Gesetze in der Weltgeschichte und chren endlichen Sieg, und fordert die fteudige Arbeit an diesem Ziel, mü einer Religion, die das Bekenntnis fordert: ,Ich glaube an Gott de» Bater, .... den Sohn, .... empfangen vom heiligen Geist geboren von der Jungfrau ... gekreuzigt szur Sühne für unsere Leidens — . . aufgestanden von den Toten, niedergefahren zur Hölle u. f.w. u. s. 10.* Wir erklären ausdrücklich, daß wir hiermit da» Christentum weder angreifen, noch auch nnehrerbielig behandeln wollen, aber at dieser schamlosen Weise angegriffen, verstatte man die Bitte, uns damit zu verschonen. Wir verkennen nicht den unendlichen Segen, den das Chriftenthum der Menscheit dadurch gebracht, daß e» chr jüdische Ideen und Sittenlehren übermittelt, aber m einer Form, die wir von unserem religiösen Standpunkt nur als eine Trübung anfi'hen VnnW^^Mr ßkb« daß das Christentum Millionen beseligt, die seit Kindheit in ihm aufgewachsen sind, wir geben ferner zu, daß e» eine Lehre des Heil« für die wüden Bölkerstämme geworden ist, die e» von den Wahulehren de» Heidentums erlöst, aber wir gsauben nicht, daß alle« Nachdenken über Religion und Sittlich» keit jemals über die israelitischen Propheten hinauskommen werde. Eine hochwürdige Synode nenne unS nur einen Fall, wo ein Jude zum Christentum n u r au» Ueberzeugung übergetreten sei, wohlgemerft trotzdem er wohlunter» richtet im Judentum war und keinerlei weltliche Vorteile zu erwarten hatte. Kommt sie un» aber mtt Reander u. a., so werden wir ihr dienen. Sie komme auch nicht mit dem abgeschmackten »Joch des Gesetze»,* denn Ihr schmachtet in viel drückenderen Fessln, um nur eine» zu nennen, dem Joch der gesellschaftlichen Sitte, dem complicir» testen und lächerlichsten Schulchan Aruch! Wenn ich Gott als meinen himmlischen König einmal anerkannt habe, dann vollführe ich sein Gebot fzeudig und gern und e» ist mir kein Joch. Aber die Herren Hofprediger werden wohl kaum einem gewöhnlichen Juden antworte», sie, die so vertraut sind in den höchsten Kreisen, himmlischen und irdischen. Aber für unS selbst enthält der Vorgang in der Provinzialsynode noch eine gewalttge Mahnung, von welcher einander Mal. S J. Endlich! — aber. . Endlich' läßt sich der in letzter Zeit vielgenannte .Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben»* offiziell vernehmen. Zwar hat vor einigen Wochen eine große Ver» sammlung dieses Verein» stattgefunden, aber da wir hierfür auf Berichte vom Schlage der ,Kreuzzeitung* und ,Täglichen Rundschau* angewiesen waren, so haben wir mit unserem Urteil absichtlich zurückgehalten. Denn nach jenen Berichten waren wir sehr geneigt, die Versammlung unter die Rnbrik M. W. (— machen wlr!) unterzubringen. Da» ganze mit seinen,berühmten Namen*,dem unvermeidlichen, nach unserer Meinung stet» unglückseligen Herrn Lehmann als Bortragenden, mit den großen Worten und den heiligen Bersicherungen, den pomphaften Resoluttoneu und papiernen Thaten, schien un» ein echte» Berliner ,Arrangement* zu sein und obendrein durch das rechtzeitige Eingreifen de- Herrn Rabbiner» Dr. Maybaum ein verunglückte». Doch da» sei vergessen. Der Zentralverein scheint ernstlich arbeiten zu wollen, wenn man dem ,Aufruf* glauben darf, den er erläßt und den wir an anderer Stelle abgedruckt haben. Unter anderem erklärt er, daß e» unsere Pflicht sei, im Lichte der Oeffentlichkeit Selbstverteidiaung zu üben. Durch Wort und Schrift, durch öffentliche Versammlungen und BortrAe will er den Einzelnen mtt den Waffe» auSrüsten, die ihn befähigen, den aufgedrungene» Kampf im Geiste der Wahrheit zu bestehen; er will durch alle Mittel der Oes» fentllchkttt Freund und Feind aufklären über da» Wesen de» Judentum». Also haben sich unsere Glaubensgenossen in der Haupt» stadt endlich die Etnfichten zu eigen gemacht, welche von der Provinz au» in diese» Blätter» stet» energisch vertreten worden find. Den» längst haben wir gefordert, was jetzt der Zentralverein sich vornehmen will. Al» wir in Nr. 10 d. I. einen Artikel brachten: ״Geld! Geld! Geld!" hat er, wie wir willen, in «rlin gewaltig verschnupft. Und was schrieben wir damals? ״Unbegreiflich ist znnächst die Geheimniskrämerei! di« Art, wie ivtr־־-“״'

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