Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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der dieser Mihi allen als auch für den Wohlwollenden und Unparteiischen, verspäteten Kinderkrankheit de» deutschen Bolle» mit und rathlo» gegenüberstehl. ES handelt sich bei solchen Berein»gründungen nur um Kur- Pfuschereien; sie find ein Zeichen überhand nehmender Kopslofigkeit in den Kreisen, welch« entweder das wrgen bisheriger Unthätigkeit mahnende Gewissen beschwichtigen, oder ihre Ohnmacht, au« der man ihnen doch keinen Borwurf machen kann, mit vompösen, aber hohlen Redensarten verschleiern möchten. Sir dienen allenfalls dazu. Reflexionen auzuregrn, welche, wie der au. Artikel, den Nagel am untersten Ende berühren. Es ist ein Jrrthum, daß die streng orthodoxen Juden einen Staat im Staate bilden mochten: Schreiber diese» steht seit Jahren mittcu im kampfgewühl gegen die Orthodoxie, aber die Gerechtigkeit zwingt mich dazu, jene Jnstnuatiov, als streb« irgend eine jüdlschc religiöse Bereinigung in Deutschland derartige Tendenzen an. mit aller von Jachkcnntms unterstützter Entschiedenheit zurückzuweisen. Wenn der detr. Artikel bedauvtel, dah iu Deutschland ron zrhn Juden acht etwa den Talmud nur dem Namen nach kennen, so kann dem nur entgegengesetzt werden, dah der Prozentsatz hier in einem viel zu günstigen Lichte erscheint — 95 von 100 käme dem wirklichen Thatbestand viel näber. (Zn manchen Provinzen unter 1000 kaum 10! Red.) Falsch ist jedoch die Darstellung de» Herrn Berichterstatters, dah die Ursache des voroandeneu Antagonismus an den Juden liegt, und dah diese allein es find, welch« von deutscher Sitte und deutscher Anschauung fich auSschliehen. Ich empfehle dem Herrn eine hochbedeutende, vor kurzem erschienene Schrift de» Herrn Prof. Dr. Pohlmonn, bettlest ,Jüdische Leiden".*) Diese» Büchlein und — last not lea!-t — die Verhältnisse in unserer lieben Stadt werden ibn eine» Bessern über dir Frage belehren von welcher Seite die kraffe unterschiedslose AMchliehung der׳ Juden ausgeht! Der Talmud soll da» alles verschuldet haben?! Wir viele von den Gegnern keunen den Talmud, verstehe.« ihn zu lesen oder haben überhaupt jemals ein Exemplar desselben vor Augen gehabt? Schreiber dieses wäre gern bereit, wenn fich Gelegenhei, dazu böte, über den Talmud einige populär-wissenschaftliche Lorträge zur Belehrung seiner Mitbürger zu halten: fie würden dann erfahren, dah der Talmud, dessen Anlage «nt vor Christi Geburt zurückdatten, für uns ttn alte» ehrwürdige» Buch ist, und einem Parlamentsberichte gleicht, in dem mehr al» 2000 Gelehrte mehrerer Jahrhunderte über verschiedene zeremonielle Gebläuche ihre Ansichten nftdergelegt haben, da» aber auch für die Ethik goldene Lebren entbäst, die fich dreist uttt denen aller modernen Cnlturstoaten decken können — ein« Auffassung, der fich alle chttstlichen Gelehrten, welche gleichzeitig Talmudkenner sind, angeschlofien haben. Aber der Talmud ist für na» in allem, «a» nicht da» religiöse Leben betrifft, nicht bindend, uudi» diesem auch nur soweit, al» e» den veränderten Zeiten und Anforderungen nicht widerspricht. - Wer aber mag wohl der Gemüt«- mensch sttn, der de« Schreiber jene» Arttkel» den Bären aufband, datz es heute «och orthodoxe Juden gebe, welch« fich z. B. zu versündigen glauben, wenn fie einem Ehristen, der durch irgend einen Umstand in ihr Hau» kommt, ihr eigene» Hau»- und Küchengerät zur Benutzung vorsetzen I!? Der Satz liest fich zu glatt, al» dah er auf Erfindung beruhe» sollte, e« muh also ein Irrtum al» vorliegend angenommen verdeu. Damit fällt jedoch di« Schluhfolgeruag uttt der geschamckvollen Wendung von einer »jüdischen Sitte" in fich zusammen. Sollte ich hierin einer Beharrlichkeit begegnen, dann bin ich gerne rrböttg, dem.GrwLhrSuiaun «in Talmud-Exemplar au» meiner Bibliothek zur Beifügung zu stellen, au» dem er da» Lorhaudeusein dieser »jüdischen Litte" Nachweisen soll. Gelingt ihm die», oder überhaupt einige Zeilen au» de« Talmud ttchttg zu lesen und zu interpretieren, tau» will ich da» Buch al» »olle Kamellen" zu einem Nutodafs ihm mit voller Gemütsruhe überantworte». *) Pgi. Me Besprechung der trefflich«» Schrift i« beiUegrnben (ßUb.) Eine ««parteiische Lti««e »der de« Zionismus.*) «icht ״Sidjt*»fir»i,1 ist dt« Saiten, die ihr Alle» freudig setzt an ihr» Ehre.' Schiller. Welcher Jude vermag dir Worte d«» für Freiheit begeisterte», und begeisternden Dichter« zu lesen, ohne von dem Gedanken beschämt und niedergedrückt zu werden, dah unsere Ehre, die Ehr« unserer Religion und uusere» unvergleichlichen Schrifttum» täglich mit Fühen getteteu und iu der schmählichste» Weise txtafc gewürdigt wird? Werde» wir doch al» Raffe noch ttef unter die.» Kannibalen, wird doch unsere heilige Religion ttef unter dat^ Heidentum gestellt und unsere Literatur in einer Weise gefälscht. , dah wir zu Berbrechern »von ReligionSwegen" gestempelt werden. Sollte diese Wahrnehmung uuS nicht die Schamröte in» Angesicht tteidea? — Könnten wir wenigsten» tat Trost für aq» hadtz», dah diese Beleidigungen doch nur Lerbalinjurieu seien, welche. von Leuten au»gehen, deren Stand zu niedrig sei, al» dah wir auf dieselben zu reagieren brauchten — dann wäre e« noch yt ertragen. Man könnte dann allenfall», wie einst Samuel ibn Nagrela, den Berläumder und Ehrabschneider durch ein Geldgsschenk vosck)2dlich machen- Allein sie find nicht mehr bloh verbaler Natur. fie arten allmählich in Thaten au», die tzunderttauseade unserer Glauben»genoffeu in» Elend jagen und dem sicheren Ruin vreiSgeben; fie gehen auch nicht blo« von Leuten au», die auf dem Niveau demittelasterlichen Spiehbürgertum» stehen, deren Mottve einzig und allein Brotneid und Habgier waren, nein, e» gehören zu unseren jetzigen Feinden — wir dürfen und könne» e» un» nicht verheimlichen — Leute von hoher Stellung in der Gesellschaft, Männer der Wffeuschaft — wie Birchow neulich in seiner Festrede hervorgehobea bat — und da» ist e», wo» un» ttef schmerzt, wo» un» die Schamröte in» Angesicht «reibt, wenn wir angeficht» von Beleidigungen, die von sonst hochachtbarer Sette au»gehen. nicht da» Geringste zu thun vermögen, um die» selben zu rächen- Sollten wtt bloh dulden, oder nicht vielmehr wie Schiller sagt, unser alle» daran setzen, um unsere Ehre »v rette«? Diese» ist der springend« Punkt in der letzthin vielfach venttlierten zionistischen Frage. Wer diese Frage ohne Boreiage» nommenheit studiert, der muh gesteheu, dah dieselbe einen durch» au» berechtigte» Kern hat, und dah fie uttt eia paar aburteilende» und verurteilenden Leitartikeln noch lange nicht gelöst ist. Bor allem muh uton diejenigen, welche dt« Idee der Auto» Emanzipattou angeregt haben, au» zwei Gründen tu Schutz »eh» men. Der erste Grund ist in den Berfolgungen und Unterdrückungen, denen noch jetzt ein groher Tell unserer Glaub«»»- genoffen in vielen Ländern au«gesetzt ist, zu suchen Bo« vrakttsch^ealistischen Standpunve au» bettachtet, bietet fich gege» ein so grohe» nattonale» Uebel kein andere» Mittel al» Selbst» - Hilfe, nach dem Satz«: ״AU« toi Dien (1afaleml״ — Und! die Urheber der genannte» Ideen waren realistisch gestaut und-' erwarteten keine übernatürliche Hilft, sondern legten selbst Hand an, um durch Kolonifierung Syrien» und Palästina» den Grund zu einer gewissen Selbstständigkeit J»ra«l» zu legen. Das» diese Idee selbst der strengsten Orthodoxie gegeuüber fich recht» fertigen läht, erhellt au« dem Umstand«, dah dft Häupter der» selben, von R. Hirsch Kaltscher bi» auf Dr. Israel Hilde»- heimrr ttfrige Berfechter jener Kolontsatto»»tdee find. Der zwett« Grund ist idealer Natur und tu dem von «tt zitterten Schtller'schea Spruche zu finde«. Dft Ehre Israel», seiner Religion und seine» Schrifttnm», meintea sie, könne nur gerettet werden, wenn J»rael et» selbstständige» Gemeinnwft, besitz«. — Nun ftage ich: Ist diese Idee etwa «ine Lhimüre? Hat nicht schon der berühmte jüdtschmrabtsche Staat»mi«tst«r Abdorrahmaunb UL geglaubt, dah dftblvheTbatsache der •) ■ir •*« nach ktai obige» Lrtttch «an» dt Unser«« obwohl di» daein ««gesprochenen Ansicht» sich bauch»» nicht aritJ unsrtgen