Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 39 (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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die Menge durch wohlfeile Künste, sei es zu ergötze«, sei es zu rühre«. Und diejenigen, i»ie für die Religion rede«, sollte» kein höheres Ziel kennen alt dies, der Menge zu gefallen? Die Seele ist ein Ganze« uid (Seist und Gemüt find nicht zu trennen, wer den Geist!,ich» belehn, wird auch das Ge- «üt nicht dauernd auirichteir. Aber da vernehmen wir die Klage: Das Gebier der Re. lieion ist eng, mit wenigen Begriffen, Gedanken und Regel« ist alles erschöpft. Auch hi?r kann uns Mose ei» Führer sein, er ruft am Eingang seiner Botschaft Himmel und Erde zum Zeugen. Was hegt das anders, als daß wir auS Himmel und Erd«, aut allem, was vorgeht, Zeugnis schöpfen köimen und sollen, um Gones Grüße zu verkünden. E» gab Zeiten, wo m,m sagte, der Künstler solle nur erhabene Gedanke«, große geschichtliche Momente malen und durch seine Kunst feiern, Was kau, dabei heraus? Trotz großer Begabung uns erust!1l Srrebens, Gemälde, die wir nur verstehen, wenn inan uis vorher eine lauge Erklärung gegeben hat, wir bleiben kalt gegenüber diesen aiispruchsvollea, wondfüllrnden Tafeln. Dagegen giebt eS eine Kunst, da stellen sich die Maler die dmkbar einfachsten Aufgaben, ein paar Haustiere, eine Wiese, eine Bauernstube, ein dörfliches Fest u. ä. und diese Bilder gewähren uns eine» hohen Be. griff menschlichen Könnens ind wir fühlen uns erfreut und besriedigt. Es ist allerwegen besser, tüchtig im Kleine» als ein Stümper in Erledigung großer Ausgaben zu sei». Und wie die Kunst fas: jede Erscheinung adeln kann, so giebt es auch eigentlich kein iöebiet, da« von der Erörterung an heiliger Stätte auSgescbloffeo ist, der Religio» ist nichts fremd, alles, was die Zeit bewegt, soll seinen Wieder hall finden an heiliger E lätte, denn alle» lptt eine Beziehung auf Gott, auf die Religio» und «S gilt, kiese Beziehung autzusuchen, die Gedanken und Strebungen rer Zeit herauszuhebe» au« dem Streit und dem Staub und sie im Lichte der Ewigkett zu erkläre!!, zu verklären; so solle» sie besprochen werden, daß sie wie es in dem Mosesworte heißt, ,die Größe Gottes ver künden." Tie Form der Bedank lung solcher Fragen wird einx andere sein wie draußen auf den Kampfplätzen d«S Leben» denn das Gotteshaus ist dos Friedenszelt. Aber die ganz^ Welt, Himmel und Erde, wie es iu dem Lied« des Mos, heißt, soll hier sich spiegeln im Lichte der Religio«. Unsere Brüder drüben jerseitS de« Meeres haben die» trotz einzelner Fehler und Uebertreibungeu viel beffer begriffen und geübt als wir und dadurch dem Besuche der Gottesdienste eine mächtige Anregung gegeben. Es giebt keine» Gegenstand, der nicht ins Gotteshaus gihön, er muß nur in der gehör taen Form dort eingeführt werden. Und über diese Form geben die Gleichnisse de» Mos« «ine ergiebige Auskunft. ״Es »äufe wie Regen meine Lehre"; der Regen, sagen die Alte», ist für den Wanderer unbequem, ober für die Landschaft ein Segen. So kau» es Vorkommen, daß eine rrliglSse Rede dem und jene« unbequem ist, der stndei den (Segenstand zu hcch, der Ludere zu trivial, das schließt nicht aus, daß sie für die Sesamthett nützlich und ersprießlich ist. Es soll niemand von de» Mensche« gering denken, zu denen er redet, ta» ist sSndhaft und thöricht; unsere Alren raten dem Redmr, Ehrfurcht z» haben vor der Gemeind«, denn die« ist ein wirksames Mittel des aber gerade wer seine Zuhörer achtet, der wird ihnen «&& ohne weireres zu Munde rede» und nicht unbtdingt ihrem Geschmack sich richten. Rim fährt Mose fort: ,Es riesele wie Thau «ei» Wart. Der Thau rieselt unvermerkt hmiieder. niemand wird ihm gestört, niemand sieht sein Kam men. Er ist da uud quick die Flur. Die religiöse Rede «eudet sich auch au de» Willen, sie will l»esser». sie mahnt, sie warnt; etwa indem sie schttt und stürmt und poltert, oder indem sie mit ätzende« Spotte verfolgt oder durch eine genaue Schilderung Fehl» einen Menschen bloßstellt? O »ein, nicht jede ArznH; ist bitter, und oft gelingt die Heilung auch ohne »eh zu thun" ohne zu oerwuude«. Ein« moralische Betrachtung schildert^ ein sittliche« Uebel, erklärt sei« Ursache, kennzeichnet, seine Schäden, zeig; den Weg. es Pt beseitige» und dieseallgemeine Betrachtung, die niemand kränkt, niemand belei-H digt, die wie Thau das Herz erfrischt, hat »»vermerkt auch auf den Eiuzelneil gewirkt und ihn gebessert. Aber ein Mose stell» noch höhere Ansprüche an sich. Versuche es ein jeder »ach Kräften ihm nachzustrebe». Jene sauste, milde, gleichmäßige Wirkung, die der Wirkung des Thauos» des Regens vergleichbar ist. genügt ihm nicht, er wist erschüttern, er will begeistern Ein Gemitter stürmt durch die Landschaft; die Saaten, die aufgerichtet dastandeu, liegen am Bode», es ächzen der Bäume stolze Krauen, dunkle Wolken türme» sich am Horizonte, der Himmel hat scine Schleusten geöffnet und dies ganz« düstre Bild des Schreckens wird hi» und wieder für einen Moment durch grelle Blitze aufgehttlst. Aber kurze Zeit darauf hat sich das Wetter verzogen uud vaate» uud Bäume find erfrischt uud neubelebt. So konnte der Prophet» Red« erschütternd wie ein Gewitter und dadurch belebend, wirken. Und andernteils konnte das Wort jener gewaltige» Männer fortreißen, begeistern, es konnte wie Frühlingsreg«» ein rasches Wachstum des Guten und Edlen erzielen. Jedoch alle diese Erfolge blühen nur dem, der, und hätte er auch die gläuzeudste Begabung, nicht sich selbst sucht und seinen Glauz uud seine Größe, sondern der «tt Mose spricht: .Den Namen Gotte« rufe ich, sein« Größe will ich künden." Auch die Red« vor Gott uud für Gott braucht den Schmuck nicht zu verschmähe.!, der geistlicher uud weltlicher Red« schöu ansteht. Aber ohne das heilig« Feuer von iuneu wird selbst der fähig« Maun nm ei» War»- künstler bleiben, der allenfalls Bewunderung aber keine Sieg« de« Göttlichen gewinnt. Die religiöse Beredsamkeit hat in Israel im letzten Jahrhundert einen großen Auffchwung genommen; aus eiuer Ber- Milderung ohnegleichen haben wir den weg zurückgejundeu zu« Wahren uud Schöne», aber wir find noch wett, wett entfernt vom Borbild der Propheten, die alle», was sie uud ihre Zeit bewegt!׳, in ihren Reden zu« Ausdruck brachten. Hier gilt es, dtt Lehre zu beherzigen: .Erweitere Deine Zelte", Himmel und Erde sollen durch des Mensche« Mund für Gott Zengni!» gebe», auch die westliche Weisheit ist eine göttliche, alles geh-trt in die Synagoge, was von Gottes Größe kündet; die Predigt ist keine abgeschlossene Suuftfor», sie ist nicht für die Deickrägeu, sondern sie soll in volkstünikcher Weise wvmöglich all« Gebieie menschliche» Geistes,