Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 36 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 280 keiner nennenswerten staatlichen Selbstständigkeit sich mehr rühmen konnten? Juden lebten schon in Deutschland, als die Vorfahren der jetzige« Deutschthümlei: noch Wenden, Slaven und weiß Gon was sonst noch toaren. I« allen Ländern giebt e- Juden unter diesem Namen. Zu den Be» fceiungSknegen meldeten sich die Juden freiwillig nach Hunderten und haben so mit ihrem Blute die geringen bürgerlicher Rechte erkauft, deren sie sich erfreuen durften; in den drei letzte» Kriegen haben sie zu Trufenden — aus mancher Gemeinde bis »u 2V'/, der jüdischen Seelenzahl — Schulter an Schulter mit christlichen Kam eraden die Blut taufe als Deutsche empfangen. Trotzdein klieb die im Gr׳ setz ausgesprochene Gleichheit Aller nur auf dem Papier b« stehen und die wenigen uns erschlosiener Gebiete gönnr man uns auch nicht -. und um Allem die Krone aufzusetzen, verheißen Sie uns die die Stellung unter ein Fremd lingsgesetz? Weil wir unfern — Ihren — Golt aus ' andere We-.se anbeten, in einer Art, die schon bestand, al» — Sie verzeihen, Herr v. Egidy — als Ihre Vorfahren diesen Gott noch nicht kannten? Stör dieser jüdische Glaube unsere Gefühle als deutsch« Uniirt Hanen? Eine solche Behauptung müsste doch erst erwiesen werden und ist mit Schlagwörter und Gcmeinsätzen von Internationalen mit schwarzen, roten und goldenen Fäden nicht abgethan. Nach dem Sprachaebrauche redeuten diese Bezeichnungen Jesuiten, Sozialdemokraten und Juden! Rrn dennauf dir Gefahr hin, von Bielen angestaunt zu werden, erkläre ich Ihnen allieberaler Jude, daß ich kein AuSnohmesatz billigen kann, sei e» ein solches gegen Scjsalisten, oder ein ExpatriirungSgesetz gegen Jesuiten, vder ob es Ausschließung der Juden heiße. ES wird überall gesün)igt; gegen AuS» schreitungen mag man das Gesetzbuch sowie Autorität geltend machen, reicht eS ::icht au-, soll man e» .wweiteru. Menschen aber uni ihres Glaubet:- vder ihrer Gesinnung wegen ihre- Vaterlandes verlustig erklären, dasollten Sic am allerwenigsten gutheißrn, Sie, der des GesinnungSzwangeS halber den ehrenödll getragenen Degen haben ablegen müsien. Sie wollen doch auch alle Völker der Erde verbinden; wie, soll dieetwa von Ihnen in der Voraussetzung geschrieben sein, daß Alle Deutsche d. h. in Ihrem Sinne werden? Wa» haben überljaupt Ihre religiösen Ueen mit dem Deutschthum zu thun? Man karn eine religiöser Ehrist und gleichzeitig Franzose oder Italiener heißen; wir beanspruchen da- Recht, religiöse Juden zu sein und in unserer Vaterlandsliebe dennoch nicht hintir den christlichen Deutschen zurückzustehen. Wie reimt sich Ihr LbengesagteS mit dem Satz S. 21: »ttm guter Deutscher will Jeder fein, der sich zum Volke zählt; wir hatien kein Recht, irgend Jemanden diese- Streben abzusprechen- — oder mit S. 22: ״ . . . . jede- Volk (ist) da- Erzeugnis der Erdscholl«, auf der eS sich auslebt.״ Liegt in diesen schönen Worten nicht ein Mderspruch init der verletzenden Absprechung de- DeutschthumS der Judtn, welche, in Deutschland geboren, deutsch« Sprache reden, deutsche Schulen besuchen und seit Jahrhunderten — wenn man eS ihnm erlaubte— deutsch denken lernten, welch! ihre Eltern in deutscher Erde begraben haben und diese Erde aiit ihrem Herzblut düngten, damit aus ihr die devtsche Einheit ersprieße? ״Wenn da- Feuer die Ledern de- Libanon ergreift, was soll das Mop ander Wand anfangen!' Wenn Sie in diesem Tone reden, wie sollen erst Ihre Schüler dieselben Meen iw ihre massivere Speiche übersetzen!' Lassen sie un» unsere Treue zu unserer Religion, denn wenn wir dieser alten Treue — untreu «erden, wer bürgt Ihnen dafür, daß wir unserer jüngeren Liebe, unserem Vaterlande, dann treu bleiben? Wer «in Heiligthum mit Füßen tritt, der wird auch iwr-der zweiten Schandthat nicht zurückschrecken, darum: principii« ob**! . Brirfe eines heiter» Kleinstädters aus Berlin. II. Mein erster Brief in Nr- 26 Ihrer geichätzten »Wochenschrift-, verehrter Herr Redakteur, schloß fich mit dem Lersvrechen, Ihnen bald mehr zu berichten. Doch der Kleinstädter dentt und die Furchr lenkt. Ja die Besorgnis wegen der KobinetSftage, die von unersetzlicher Seite gestellt werden könnte, ließ die Lust zur Fortsetzung meiner Plaudereien nicht aufkommen. Doch diese BesorgniS ist jetzt geschwunden: Zwar wollen die Herren vom »Centralverein für die Interessen der jüdifihen tzlemeinde in Berlin-, vereint mit »unfern Repräsentanten-, bei den bevorstehenden Gemeindewahlen Berge kreisen machen, aber — eS wird lediglich manch Mäuschen geboren werden, das an einem der neuen Aemtchen, als de ssnd Spnnagogeuaufsicht, Berichterstattung und dergleichen mehr, nagt — was ihm gar sehr behagt, weshalb eS nicht mehr klagt; Hai eS da doch erjagt, was ganz nach »obenragt. Dort oben ist das Mäuschen — mäuschenstill, es muckt nicht und zuckt nicht und thut, was Einer will. Sie sehen, mein hochgeschätzter Herr Redakteurschon der Gedanke an das, waS »Erwill, wird Ihrem Kleinstädter — Idyll. Wahrlich, geschieht sein Wille, dann sei stille, dann wohl Dir, Berlin! Allerdings ist sein Wille nicht überall und immer all» mächtig: r» ist sogar bekannt, daß er auf einrm gewissen Gebiete selten seinen Willen durchsetzt, selten gewinnt und sich daher ein eigenartiges Epitheton Omans — für den Kleinstädter schickt fich wohl mehr, deutsch zu reden: schmückender Beiwort — erworben. Doch »unfern Repräsentanten- und Leuten gleicher Qualität gegenüber gewinn! er stets, und das ist eben ein große« Glück für Berlin. Ich mag hier nicht eine Fülle eklatanter Beispiele anführt», dies wird ein völlig Eingeweihter besser besorgen — nicht ein »geweihter-, wie der Truckfehlerkobold in Nr. 27 jenen Mann bezeichnet, der nicht« weniger als »Nafiräersein möchte. Die Macht eines Nnerfetzlichen erstreckt fich sogar auf die Verleihung von Titeln: diese erfolgt fteilich erst nach Anhörung der hier sehr, »aber sehrzuständigen Sekretäre und — Scha» mosch im. Wer fich also mit dieser Trias gut verhält, der kann eS zu etwa» bringen. Wen kann eS daher Wunder nehmen, wenn fich schon vor Jahren ein ftüherer ZeituagSreporter und HülfSlehrer der HildeSheimer'schen Religlon»sch׳׳le rühmte, er habe den Berliner ״Oberrabbinertitel" so gut itie in der Tasche. Kennen Sie da« neueste Roschr-TewoS-Witzchen über ein Rabbi» not? Den E1«rm der Reform zu bannen, warddenOrthodoxen versprochen: ihr. zu verstärken, ward den G eologen ins Ohr geblasen. Um Wort halten zu können, mußte der Ohrenbläser gleichberechtigter Kollege werden. Daher seit er Zeit die rührende Einigkeit hochmögender Orthodoxen und Neologen. Biel ist an dem Kalauer nicht, außer dem Körnchen Wahrheit, da« eine« der vielen Berliner Räthsel lösen hilft. Sin andere» Rätsel soll demnächst iin Westen gelöst werden. Bekannt ist, daß etwa vierzehntausend jüdische Kinder Berlin» keinen Religionsunterricht haben: nicht mindn bekannt, daß die tzildesheimer'sche Religionsschule allein mehr Zöglinge zählt, al» dir Religionsschulen der Grobgemeinde zu» sammen. Biele unserer bvchmögenden Jul>cn verbergen die Scham ob jener Tbaisachc unter dem Hinweis auf die Früchte christlichen Religionsunterricht», der nicht einmal da» üppige Emporwuchern de« Klassen-, Raffen» und RrligionShassl:», der Ritualmordlüge und ähnlicher Frevel zu hindern vermocht habe und daher dem Mangel aller religiösen Unterweisung entschieden nachstehe. Wir Kleinstädter fragen: W2S geht oie» den jüdischen Religion»» unterricht an- Andere bochmögend« sogenannte Glaubensgenossen — deren Zahl nur sehr gering — hegen dir Hoffnung, daß der Mangel aller jüdisch-religiösen Unterweisung der Jugend dem ProselptiSmn« Vorschub leisten werde. (Bewältig verrechnen fich die hohen Herren: Die Bernachläsfigteu werden mit geringen AuSnabmen Juden bleiben, aber Juden, deren fich sogar — Klein» städter zu schämen baden. Welchem ProselqtiSmu» wyllen üb» » die hohe« Herren den B»rM gedW - De« de« Stöcker oder