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Israelitische Wochenschrift · 1893-09-01 · 36 (1.9.1893) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
36 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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meinen» wahre Mora sei ohne Religion möglich, im Gegen» satze zur Gesellchs. f. eth. Kultur, welche von der, Religion hie Ethik lachend erben, und die Mutter, die Religion, lebendig begraben wollen. Ich erlaube mir die Frage: Wie stellen Sie sich zu der Gesellschaft für Emanzipation der Ethik von der Religion? Eine weitere Erscheinung offenbarte sich in der erwähnten kurzen Zwischenzeit, gleichfalls von Ihren Jüngern injcenirt, durch Zusetzung eines kleinen antisemitischen lumt-xoüt zu Ihrer Wirksamkeit, dessen die Herren wohl bedurften, um durch diese Sauce die von ihnen vorgesehen Gerüchte envaS pikant zu machen, was Si .׳, Herr v. Egidy, verschmähten und bei Ihren sichtlich überzeugungstteuen Worten auch entbehren konnten. Ich glaubte, daß Ihre Zeit es nicht gestatte. Alles zu lesen, was in Ihrem Namen verbrochen wurde, daß Sie sich auf den Satz beschränkten: gm taoet uoxnt; schade ist es, daß Sie ihnen nicht rechtzeitig auf die Finger klopften und ich fürchte, daß es Ihnen Herr v. Egidy heute wie dem Zauberlehrling geht, daß Sie die Geister, die Sie riefen und duldeten, jetzt nicht richr los werden. Ich fürchte, daß Sie jetzt nur noch glauben zu schieben, daß Sie aber — von Ihrem Anhänge ins Schlepptau genommen wurden; ich fürchte namentlich, daß Sie Ihre jüdischen Jünger über dieStimmung, welche im heuttgen Judentume vorherrschend ist. hinters Licht geführt haben. Die sich hierar knüpfende zweite Frage, wie Sie sich jetzt zum Antifcminsmus stellen, ist aber überflüssig. Sie beantworteten sie bedauerlicher Weise recht deutlich und scharf, sodaß uns die Augen dabei übergehen, in dem neuerschienenen vierten Hefte des ״Einigen Christentums"; Ihre Antwort will ich niedriger hängen auf die Gefahr hin, für die schlechte Behandlung,. die Sic uns darin angedeihen lasten, bei den Antisemiten Reclame zu machen. ״Man muß innrer an das Edelne im Menschen appellieren, wenn man die Menichheit moralisch erziehen will" - diese Worte Brodbecks gelten Sie Ihrem jüngsten Geisteskinde mit auf den Weg; wer!onnte wohl ahnen, daß diese Sentenz die völlige Entfremdung, ja den unheilbaren Bruch zwischen Herrn v. Egidy und der deutschen Judenheit illustriert? Das Edelste im Menschen ist seine Wahrheit und seine Treue — ״sei wahr und tteu" hieß ja auch Ihr erster Friedensruf — und doch sagen Sie (S. 13) den Juden, welche eine beispiellose, mehr als dreitausenl>jährige Treue dem bewahren, was sie als wahr erkannt hc-ben, folgende Bitterkeiten: ״Zum deutsch«» Volke zählen wird sich selbstverständlich nur, wer sich als Deutscher — ohne jede, den Druschbegriff aufhebende Eondcrbezeichnung - bewachtet. Einen japanischen Deuffihen kann eS nicht geben, so wenig eS einen holländischen Italiener giebt. Auch einen ,jüdischen Mitbürger" kann es von dem Augenblicke an für den Deutschen nicht mehr geben» da wtt unser Religionsbewußtsein von Glaubensvorstellungen, überlieferter Lehre und Bekenntnis unabhängig gemacht und uns in dem einigen HriliguugsbedürfriS ftomm geeint haben. Will gegenüber dieser Einigung Jnnand ausdrücklich Jude bleiben, stellt er sich selbst auS irrend einem Sonderungsbedürfni» außerhalb der Gemeinschaft, ,Deutsches Volk", so dürfen auch wir ihn nicht melpc als deutschen Mitbürger aasehen; er wird wieder Gast unseres Landes, genießt als solcher den liebevollsten Schutz und eine durch nichts eingeschränkte Freiheit, sich aus,uleben, aber er nimmt weder Teil au de» Beratungen über des Lande» Wohlfahrt und Zustände, noch dürien wir ihn in unsere heimatlichen und väterlänbischen Einrichtmgen eingliedern. Bettachtet sich dagegen jemand im vollen Bewußtsein unserer Anschauungen und Anforderungen als Deutscher, so darf er sich selbst nicht, und ko dürfen auch wtt ihn nicht ,Jude" nennen." Mit diesen Wirten ist zwischen un» das Tischtuch ent- »weigcschnitten, und der es gethan, das waren Sie, Herr von cgidy, und daß Sie mft dem Gesagten gegen die Regeln der Logik gefegt, soll bewiesen werden.' Als Soldat mußteM Die wissen, daß man nur diejenigen zur Uebergab« auf" Gnade oder Ungnade auffördert, denen man entweder, an Zahl soweit überlegen ist, daß mau sie mit eiserner Umarmung erdrücken könnte, oder di«, durch Abschneidung der Lebensmittel-Zufuhr ausgehungert, keine andere Wahl inehr haben, um ihr Lehen zu retten. Beides ist hier nicht der Fall uud die stolze Aufforderung läßt sich nur durch die alte Erfahrung rechtfertigen, daß dein Juden gegenüber die schlechteste Behandlung gerade gut genug sei. — Die Keuzzügler haben auch die ersten Lorbeeren bei wehrlosen Juden sich geholt - oder ״vergelten so die Enkel durch tausendfache Liebe die von den Vätern unter dem Denkmantel des Christentums verübte blutige Greuel?" Nachdem wir Jahrhunderte lang gelitten und geblutet, nachdem die glühenden Eisen unser Fleisch versengt, ohne uns die Verleugnung unserer heiligstem Ueberzeugungen erpresten zu können, nachdem unjere Vorfahren mit einen verklärten Hallelujah auf den blaffen Lippen den Schrecken des Scheiterhaufens einen passiven Widerstand entgegengesetzt haben, sollen wir die Enk«, aus bloßen Uebermut und Verlangen nach Wohlleben - unser EestgeburtSrecht um «in Linseugerücht hingchen, verkaufen? Würden unsere erschlagenen Väter uns nicht die drohenden von der Folter verstümmelten Hände aus dem Grabe entgegenftrecken, würden sie un» nicht im Traume der Nacht aufichrecken mit den Donnerworten: Ihr Verräter, wie konntet Ihr unser heiligste» Erbe so leichtsinnig vergeuden, daß unter Blut und Thränen behütete Gut fteventlich wegschleudern, die Bürgschaft ehrlos vrechen, weltte Ihr am Sinai für alle Zeiten eingegangen seid! Herr v. Egidy, haben Sie auch ein Mittel, diese schrecklichen Stimmen zum Schweigen zu bringen? lind eine« solchen Wermutsbecher reichen Sie uns mit vorgeblicher Freundschaft? Westen sollen wir uns bei unseren Feinden versehen? Wenn Sie jetzt schon mit kleinem Anfänge uud geringer Anerkennung ini eigenen Lager, da wir noch die Frage an Sie richten können (cf. Judicum VIII, 6): ' ,Han Du schon die Fürsten Deiner Gegner in Händen, daß Du verlangst, wir sollen Dir Nahrung zuführen?" — solche Zumutung an uns zu richten, wie dürfte eS uns erst ergehen, wenn sich der Sieg an Ihre Fersen heften sollte? Allerdings deuten Sie es bereit» an, Sie würden unS nur als Gäste, als Fremdlinge ansehen und behandeln. Run, Herr v. Egidy, wenn das Christentum sich nicht allzuweit von seineni Ursprung entfernt hat und wenn das ,einige Christentum" eine Revision der Bibel nicht mit Ausmerzung der Gebote der Nächstenliebe in dev hl. Schrift beginnt, wäre dieja unter Hinweis auf die zahlreichen Befehle über liebevolle Behändlung selbst des heidnischen Fremdling« für unrein wünschenswerte» Eldorado, nicht aber ein Schreckgespenst, namentlich im Hinblick auf Levit. XXIV. 22: ,Einerlei Borschrift sollt Ihr haben für de» Fremdling, wie für den Einheimischen . . ." Wenn Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten können, würden wir diesen Zustand dem jetzigen unerträglichen, da Jedermann an uns herumnörgelt, vorziehen; wenn dies die drohende Peitsche ist, so danken wir für das Zuckerbrot. — Was veranlaßt Sie aber zu diesem Verlangen, un», wenn wtt nicht willig sind, unter ein Fremdengesetz zu stellen? Sind Ihre Gründe stichhaltig, Ihre Vergleiche über jeden Zweifel erhaben? Rein, durchaus nicht, namentlich bei Aufstellung der letzteren hat Homer geschlafen! Freilich giebt es keinen japanischen Deutschen, keinen holländischen Italiener, warum aber nicht? Weil diese Holllünder oder Japaner bleiben wollen — was nicht hindert, daß letzter« trotz ihrer Unchristlichkeit im deutschen Heere als Offiziere dienen können gleich ihren muhammedanischen Kollegen — wie. paßt dies aber auf »ns ,Juden", welcher Name überhaupt keine Nationalität bezeichnet, da er erst zu' emer Zeit entstand» als die Israeliten, auch tu der Folge,, i

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