Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 34 (18.8.1893)
- Date
- 1893-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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mit all der minutiösen Genauigkeit zu beobachten, mit der e» ׳gegeben worden ist. Diesen Strengfrommen gleicht die Lebentbahn einem Weg«, auf dem tt überall einen Anstoß giebt und aus dem man bei der größten Vorsicht dennoch strimchelt. Die Ge» bote Gottes find gerade, aber diese Measchensatzung. die sich als göttlich autgiebt, ist krumm und wirr und verschnörktlt, find ,Gesetze, die nicht gut sind und Ordnungen, bei denen sich nicht leben läßt". Da wird der Segen Gottedurch Menschenwerk in Fluch gewandelt urd die Frvmmigkeit wird zu einem schweren Frohn, und tt• bleibt vor lauter religiösen Uebungen kaum noch Platz zu weltlicher Arbeit, geschweige denn zu einem frohen Lebensgenuß. Das Gebet, die Erlösung und Erhebung der Seele, wird zu einem ge» dankenlosen und gefühllosen Lippenwerke und unterscheidet sich noch heute in vielen Synagogen besonders an Werktagen nicht viel von den Leistungen jener Gebeimafchinen, mit denen barbarische, deS Lesens unkundige Völker ihrem Gott zu dienen meinen. Die Masie der Gebete ist da die Hauptsache; die An» dacht muß von dieser Ueberfülle unzweifelhaft erstickt werden. Allerdings ist ein den letzten Jahrzehnten vielfach besser geworden. Manche Israeliten sind davon zurückgekommen, einen Brauch, der im Dunkel der Unkultur entstanden ist oder auf den Einfall eineüberspannten Einsiedlers zurückzuführen ist, in eine Linie zu stellen mit mosaischer Satzung und Lehre. Aber die Schaar ist verschwindend klein gegenüber den Mafien, die noch heute das Denken für gottlos halten und der Parole folgen: ,Hören sollt ihr und sollt nicht verstehe»-; את תגרכח אשר תשמעו ,de» Segen derer, die hüren, die verstehen und darum gehorchen", ist immer noch selten genug. Der deutsche Dichter hat einmal den Kampf der Wahrheit auf Erden mit derFahrt de« Schiffe« verglichen, das die Fluten des MeereS durchschneidet. Für einen Mvnient teilt eS die Wogen des MeereS, dann aber hinter seinem Kiel schlagen die Wogen wieder zusammen, als sei nichts geschehen. Man muß zugeben, daß, wer die Wahrheit heiß und x. innig liebt, häufig Beranlasiung hat, zu verzagen. Die Fackel, die strahlen soll, sie zündet in der :panb des Blöden, der Segen wird zum Fluche,. Wem Religion, Aufklärung, Menschenliebe innig verwandte Begriffe sind, den wird es tief betrüben, daß die Religion Vielen ein Werkzeug iii, den Haß zu stiften und die Geister zu veröden. Aber er wird e» als seine heilige Aufgabe betrachten» nicht nur M für sich nach Erkenutui» zu streben und seine religiösen Begriffe aufzuklären, sondern auch vor der Welt zu bekennen, wa» sein Nachdenken ihm gelehrt, er wird'sich vor allem vor dem Fehler hüten, den der Prophet rügt: ,Sie sprechen, so hat Gott geredet und Gott hat gar nicht gesprachen". La« ist die ,Tünche de« Truges״, wenn Satzungen al» göttlich bezeichuet werden, deren rein menschlicher Ursprung dem Forscher sich leicht ergiebt. Erst dann, wenn di« Religion d«S Roste« und Staube« ledig ist, wird sich ihr Segen völlig offenbaren, erst dam kam die Lehre Israel« ihren Beruf erfüllen und zum Segen für all« Völler werden. B. R. al- Ziomst. Mr. Arnold White, rin einflußreicher und in den beste» Ä» Kreisen London« sich bewegender Engländer, den Baron Hirsch HW vor einiger Zeit mit einer Mission an den russischen betraute, welche den Zweck hatte, die Auswanderung der^K russischen Juden in ei« gewisse« System zu bringen, ver-«A öffenttichte im Juni-Heft de« ,Newbery Hause Magazin" einen Artikel, der obige Aufschrift trägt. Der Inhalt de«- selben ist so auffallend und frappant, daß man geneigt sein möchte, denselben als eine Chimäre de- Verfasser« anzusehen, . hätte nicht dieser in der Einleitung zu seinem Arttkel sein« Leser versichert, daß die darin enthiltenen Aussagen von einem kontinentalen Staatsmann« herrühren, der mit BrSmarckS geheimen Plänen hinsichtlich der Entstehung und de« Zwecke-; ׳ de« Antisemitismus in Deutschland intim vertraut war. Der betreffende Staatsmann wollte jedoch, au« leicht begreiflichen -- Gründen, inkognito bleiben. Dem fraglichen Artikel zufotze, soll Bismarck im Jahre 1880, al« er den Gipfel seiner Popularität erreicht hatte, denselben Plan in Betreff der Absonderung der Juden verfolgt haben, den Napoleon I. gehabt hat, als er, ebenfalls siegestrunken, ein jüdische« Parlament in Paris einberufen ließ, mit der Absicht, ein separateS jüdisches Reich zu grüichen. ״Al« die Vereinigung Deutschlands zu Stande gekommen war," heißt e« in diesem Arttkel weiter, ״ttat die Judenfrage als eine brennende Frage in den Vordergrund. Bismarck unternahm eS nun, sie zu lösen, entwarf mit seiner charakteristische Scharfsichtigkeit seinen Plan, und fing an, diesen auszuführen, während er zugleich bemüht war, alle vorauSgescAnen Hinterniffe nach und nach aus dem Wege zu räumen. Der ״eiserne Kanzler", wie Bismarck genannt wurde, ließ sich von den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht im geringsten zurückhalten, und hatte nur die Ausführung seine« Planein dieser Angelegenheit im Auge. Hatte er ja ein große«, aber in mehrere Theile getheilte» Deutschland vereinigt, und sollte er nicht auch im Stande sein, die zerstreuten Juden zu vereinigen, daß sie einen neuen Staat, wenn auch nicht im ״gelobten Lande" bilden? Doch wollte er den Juden selbst die Wahl de« Landeüberlaffen, wo seine Idee realisirt werden sollte. DO Realisirung dieser Idee, meint der Beriaffer, sei nur durch den plötzlichen Fall BiSmairkS verhindert worden. Wäre er weiter am Ruder de« Staate« geblieben, so würde die von ihm mit großem Eifer, aber heimlich in Scene gesetzte antisemitische Bewegung solche feste Wurzel innerhalb aller Klassen der europäischen Bevölkerung gefaßt haben, daß all die reichen und armen Juden auf dem Conttnente . sich in großer Verzweiflung befunden und endlich zur Einsicht gelangt wären, daß ihre weitere Existenz in Europa ernstlich gefährdet sei. Dann in diesem tragischen Falle, würde zum Erstaunen der ganzen Welt Bismarck wie ein von» öl machioa erschienen se,n, und eine Lonserenz der Gesandten aller Großmächte Europa'« berufen haben, worauf die Bertteibung der Juden, selbst derjenigen, die sich inzwischen getauft haben, nach Verlauf von einer Periode von fünf Jahren beschlossen worden wäre, obschon die englffche Regierung wohl ihr Betozu diesem Beschluffr eingelegt hätte. Demnach würde e« ein Ding der Unmöglichkeit sein, die Juden auf dem Kontinente länger zu beschützen, und Letztere würden dann wie au» einem liefen Schlummer erwacht sein und eingesehea haben, daß nunmehr die Rothwendtzkeit für sie eingetrrten sei, einen separate« jüdisch«» Staat ürsich «U bilden. De» Verfasser« eigene Worte hinfichüich >iese« Punkte« lauten wie folgt: — ״Sie (die Juden) würden nun da« Morgenroth einer neu etnbrechnwe» Zeüepoche erblicke», einer Zeitepoche, die »er Prophet Jesajeh längst vorhernertündel, und wovon Napoleon einst geträumt hoi. Der Elftere der barbarischen Politik Europa'» nicht» als Haß zu verdanke« haben, so