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Israelitische Wochenschrift · 1893-08-18 · 34 (18.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
34 (18.8.1893)
Date
1893-08-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Große und Schöne, an bat die Welt so reich ist; die Religion kann zum Segen werden, daß Ihr Such ftei und glücklich fühlt und hoffnung-freudig n«h in dem Momente, in welchem vor dem sterbenden di,: Erde wie in eia Nichtversink«, und sie kann ein Flr ch sein, daß Ahr zeitlebens Euch schleppt mit dem Wüste unverstandener Formeln, beschwerltcher und lächerlicher .Zeremonien und noch sterbend Such ängstet mit der Vorstellung einer Hölle und harter Strafen, die Ihr für die harmlos« Uebertretung längst veralteter Gesetz« werdet erdulden müssen. Wem von Jenen, die auch nur oberflächlich die Thora de» Moses und die spätere Gestaltung de- Judentums mit allen seinen Regeln und Formeln und Ordnungen und Bräuchen verglichen haben, ist nicht schon der Gedanke gekommen, daß Mos«, wenn er heute wieder Herabstiege zu denen, die sich doch zu seiner Lehre beknmen, sich bei den Seinen gar nicht mehr zurecht finden, das; Mose den Mosai-munich wiedererkennen würde. Zur Zeit, als die?!»den au» Spanien vertrieben wurden und viele, um sich vor diesem Schicksal zu schützen, sich dem Bekenntnis de» Landeanschloffen, kam der Fall vor, daß nur da- Lesen der heiligen Schrift einen Sprößling ehemaliger J»raeli1en für da- Judentum begeffterte und ihn bestimmte, Spanien zu vcrlaffen und ein Land aufzufiuhen, in welchem die Juden ihrem Klauben ftei leben konnten. Wir groß aber war sein Erstaunen und sei« Erschrecken, aler nach der Ueberwindung großer Gefahren wieder ein Ge- «off« dealten Glaubenlourde und die Thora de- Mosevergleichen konnte mit dem religiösen Leben seiner Genoffen, und der ursprüngliche Lcrn vor den vielen Schalen gar nicht wiederzuerkennen war! Eist zweifellos gut, einen Zaun um einen blühenden Garten zu errichten, daß die prächtigen Beete nicht zertreten werden, aber wenn die Mauern gar zu hoch sich erheben, dann kan» die Sonne nicht hiueinstrahlen und der dumpfe und ltchüose Garten geht zu Grund«; ist dann der schuld, der den Rat erteilt: Errichtet einen Zaun um den Garten! Rein, der verschuldet baii Uebel, der den verständigen Rat unoerstäudig autigeführt hat. Gelbst die alten Leh!:er de- Talmud, die doch selbst so viel dazu geihan haben, t at die Last de» Gesetze» zu mehren, haben nicht in den Ein^lheiten der religiösen Uebung die Religion gefunden, sonde!» zu dem Kapitel an der Spitze . des dieSwöchenllichen Schmftabschnittelesen wir di« Lemerkung de» Talmud: ״Wer zum Götzendienst sich bekennt, der hat die ganze Thora geleugnet, wer aber die Götz«n leugnet, der hat sich zur ganzen Thora bekannt" So hat selbst der Talmud den nur nebensächlichen Weit der Satzung erkannt, die wesentlich auf ih« beruht. Wie viele aber selbst in unserer Zeit sind talmudischer, alder Talmud und wenren die ehrwürdigste Bezeichnung: ״Gotre-wort" auf Satzungen an, die ihre« menschliche» und vergänglichen Charakter deuüich, man möchte sage« unverkennbar, an der Stirn trogen. Der Prophet Hesetiel tadelt einmal die Priester und Propheten in den heftigstm Ausdrücken und «acht sie vor Allem verantworllich für des Unheil, das über die Jude» hereinbrach; an diese« Stellen klagt er, daß sie die Thora ver׳ gewaltig«, daß sie zwischen Heiligem und Unheiligem nicht unterscheid«», daß die Propheten Trug übertünchen, #וסריס ״ כח אסר חי, וח׳ לא דברsie sagen: so spricht der ewige Gott, und Go« hat gar nicht geredet"'. — Girbt es etwas Heiligeres, al< Gotte-wort, und giebt edarum etwa- Heilloseres, al« «in Menschenwort ein göttlichezu nennen? Man findet in den Lehrbüchern unserer Religion einen Au»druck: ״Satzung, dem Moseh am Sinai geworden". Dasoll soviel heißen, al» uralte, ehrwürdige Satzung; so wurde selbst in dunklen Jahrhunderten von Hellen köpfen da- Wort aufgefaßt; aber «S giebt Heißsporne, die esich und andern einreden möchten, daß wir in diesen oft ganz unwesentlichen Verordnung« göttliche Offenbarungen vor uns haben, die den Ausdruck ״dem Moseh vom Sinai gewordene Satzung" kraß wörtlich nehmen, die die Thora vergewaltigen, die sagen: ״so hat Gott geredet, und Gott hat gar nicht gesprochen"; um den Preis der schlimmsten Täuschung möchten .sie so manche veraltete Verordnung aufrecht halten. Wer merkt nicht, daß da- Judentum erliegt unter dieser Last altehrwürdigen Staubes, daß e« seinen Glanz und seine Klarheit verliert, wenn der heilige Rost nicht entfernt wird! E» giebt ein einfaches Mittel, um zu erkennen, ob eine Lehre oder ein Gebot göttlich ist oder nicht: Sind sie göttlich, so bedürfen sie gar nicht des Zeugnissevergangener Zeiten, sondern die Stimme unserer Vernunft, unsere- Herzen» sagt un»: ,Hier redet der Geist Gottes"; so aber Vernunft und Gewiffen sich diesen Sprüchen nicht beugen, so werden noch so alte Pergamente unnicht bereden, in dieser Satzung de« Ruf Gotte» zu erkenne«. Schon im Mittelalter wurde die Ansicht ausgesprochen: Die heilige Schrift habe keinen andern Zweck, als den eines Lehrmeisters, um die Vernunft auf den rechten Weg zu brmgen, dann aber mug diese auch in religiösen Dingen sich ftlbst Helsen. Ja selbst wenn wir ein Gebot, daun» aualter Zeit überliefert wird, al» Gebot Gottebettachten, so ist damit noch keine-weggesagt, daß eunabänderlich für alle Zeiten gelten soll; eist ein sonderbarer Trugschluß: weil Sott unabänderlich ist, so sind e« auch seine Sebott. Wenn ein Arzt einem Kranken Fieberpulver verschreibt, so «Hut er die« doch mrr für die Dauer der Krankheit; e< wäre Wahnsinn, weil wtt die Vorschrift des Arztes für gut halten, auch in ge» sunden Tagen die Arznei zu nehmen; und so können denn auch die an fich weisesten Vorschriften ganz wegfallen, wenn - die Berhältniffe sich ändern oder ganz andere werden. Der Prophet verkündet den Israeliten im Namen Sott«»: ,Ich gebe ihnen Gesetze, die nicht gut find und Satzungen, bei denen sie nicht leben können." Ein sonderbares Wort! Man wäre versucht, e» auf diejenigen zu beziehen, die die Bürde einer vermeinllichen göttlichen Satzung trugen und tragen und sich durch Beobachtung einer Unzahl überkommener oft geradezu abergläubischer Bräuche da- Dasein so einenge«, daß es nahezu unerträglich wird. Ser unsere« Ritus kennt, der wird zugeben, daß es fast unmvglich ist, da« Sabbat-- gesetz »der das Speisegesetz oder auch nur da- Gebetgesetz-

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