Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 33 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492344-5935087-5962227--1678-5375758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird da gepredigt? Wird dort der Haß geschürt gegen andere Bekenntnisse? W'rden die Zuhörer gereizt und aufgestachelt zur Lieblosigkeit, oder im konfessionellen Vorurteile bestärkt? Werden dort nicht talmudische Stellen vorgrtragen und erläutert, reiche veri'ienen allgemein verbreitet zu werden zum Heile der Menschheit? Das volle, pulsierende, ereignisreiche, wechselvolle Leben, das jedermann beurteilen kann, ist der beste Anwalt für die jüdische Moral, und es ist wahrlich keine Selbstüberhebung, wenn wir behaupten, daß unsere nichljüdische» Mitbürger gar manches von der praktischen Moral oer Juden lernen dürften! Dr. Ad. Jellinek. Die Pflege der Ethik in Schule und Synagoge. Bartra«. «etzatte» «tf *er >«xfm11| israelitischer Lehrer »hetalaa*» «»>» «SeslfaieaS tv Getsrnkirchea, Bon I. jiosenbusch-M.-Gladba». iv. Der Religionsunterricht. Das in un'erer Schule und auch in vielen jüdischen Schulen unseres Regierungsbezirks eingeführte Büchlein von Dr. Sondheimer führt, abweichend von ähnlichen Abfassungen, den Titel: ״Gesckichtllcher Religionsunterricht.' Ich glaube wohl mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß dem Verfasser bin diesem Lehrbuche eine schulgrmäße Behandlung vorschwebte, wie ich sie soeben geschildert habe. In rechter Würdigung der Thatsache, daß die allgemeine Forderung der Konzentration im Unterrichte besonders für den ausgedehnten Unterrichtsplan der jüdischen Disciplin bei der beschränkten Stundenzahl am Platze ist, wenn eben ein annehmbarer Erfolg erzielt werden soll, will der Verfasser keinen besonderen sogenannten ״systematischen Religionsunterricht." Er sagt mit Recht: ״Der katechetische Stoff ist auf ein sehr bescheidenes Maaz beschränk. Die dadurch der Religionsschule zukommend: Erleichterung kann um so unbedenklicher gewährt werden, als das viele Auswendiglernen auf diesem Gebiete ei re unnütze Plage für die Jugend ist." Neben der öe Handlung der zehn Gebote werden Vorschriften besprochen, welche unser sittliches Verhalten gegen Gott, gegen unsere Mitmenschen, gegen uns selbst und gegen die vernunftlose!Natur regeln, alles aber im lebendigem Zusammenhang mit der Bibel und der biblischen Geschichte. Von dem erziehlichen Werte der Psalmen übnzeugt, werden bei der Geschichte des unsterblicheu Sängers David aus der großen Fülle des Schönen und Guten gerade diejenigen eingehend besprochen und gewürdigt, die uns in ergreifender Sprache, wie sie nur dem gottbegnadeten Dichter eigen ist, mit unfern Moralvorschriften vertraut machen, unter ihnen der btkannte herrliche Psalm IS. Bei der Beliandlung des weisen Königs Salomo bieten auch seine Sprüche reichen Stoff für den ethischen Unterricht. Diese direkt aus der Quelle geschöpften Stoffe haben auch einen historschen Wert, indem sie Zeugnis oblegen von den geistigen Forffchritte Israels in einer Zeit, als die andern Völker noch in Finsternis und Nacht umherlappten. ״Wenn mit dem geschichtlichen Religionsunterricht', so sage ich aus voll:r Ueberzeugung mit Dr. Sondheimer, ,die Pflege des hebräischen Unterrichts und eine religiöse häusliche Erziehung Hand in Hand gehen, wird es in unserer Jugend an thatk ästiger Liebe zu unserer heiligen Religion und an Begeisterung für unsere Geschichte und Literatur nicht fehlen.' Wo fteilich Zeit und Berhältniffe es gestatten, da kann in der Oberabteilung der jüdischen Schule die kurzgefaßte und doch inhaltschwere, leicht verständliche und wohhzeordnete ,Jüdische Sittenlehre', welche in 1b knappen Sätzen zusaunuengestellt ist, einer eingehenden Besprechung gewürdigt werden. Die au» dem ewig sprudelnden Quell unserer heilig Schriften geschöpften Belegstelle« sind für die reifere Jugend] von unschätzbarem Werte, weil sie ihr in dem nun beginnend Kampfe de» Leben« einerseits Waffe nnd Schutzwehr geg Angriffe von außen sein nnd sie andernseitS mit den wah Pfiichten des Juden gegen Gott, Nebenmenschen und Vater land verttaut machen. Wo der Lehrer am Sabbat in einer! Chewra Vorttag zu holten hat, oder wo er auch in der Synagoge als Prediger fungiert, da bieten diese »Grundsätze brrj Mischen Sittenlehre' mit ihren Belegstellen geegneteSMate ' zur Anknüpfung. Bei paffender Gelegeaheitsollen auch die Teremonial.^ gesetze besprochen werden. »Die religiösen Bräuche sind diel herrlichsten Ausstrahlungen jüdischer Religiosität und jüdische».; Geistes. Da finde» wir nichtvon Mystizismus, nicht» vor^ abergläubischen Wahnvorstellungen, ׳ sondern überall nur dieT Absicht und da» Bestreben, den Menschen seinem Ziele, der! Vervollkommnung, zuzuführen, — ihn zu »heiligen׳, wie tu die Schrift ausdrückt, — und ihn nicht in der Oede de» all-, täglichen Lebens aufgehen zu laffen, sondern feilten SinwZ wieder und wieder auf das Hohe, Jdea'e, Ewige zu richte«.-Z Es giebt zwar sehr Biele, welche die CeremonialgesetzeI als alten Trödel verweisen und nur ein mitleidiges Lächelns für diejenigen haben, die noch nicht wie sie die Ände, schahel* des Denkens auSarzogen, und doch sind dieselben von nid J zu untschätzender Bedeutung gerade für die ethische Bildun^ ״Es erscheint nur für alle Fälle und von jedem religiösen! Standpunk aus als unabweisbares Bedürfnis, daß der Unters richt das so wichtige Gebiet der Leremonien mit größerer^ Sorgfalt als seither ins Auge faffe und der Jugend ein bester«»! Beständnis für dasselbe eröffne. *ff ES ist eben auf der einen Seite ebenso unvernünftig,^ die rauhe Schale nur zu ergreifen und den guten Kern nn»^ beachte! zu lasten, wie es aul der anderen Seite unrecht ist^ Schale und Kern zu verschmähen. Hören wir doch ejnmtch^ was Profeffor Dr. Steiuthak darüber sagt: ,Es kommt! daraus an, wie die Ceremonie geübt wird: jene- Wasche»! und Beten, die Feier des Sabbat und der Festtage, daS Essen und \ Trinken uud da» Fasten, der täglich zweimalige Besuch der Syna- > goge. Wenn z. B. der jüdische Vater sein Kind Freitag abend i segnete, legte er die Hand auf dessen Haupt und murmelte H einige Worte. Wenn dabei aus der Hand und aus dem ׳' Munde des Vaters ein geistiges Fluidum ins Herz Kindes dringt, so ist die Wirkung von Heil und daS Kind; bleibt in Rapport mit Vater und Großvater und den Ahne und seinem Volke. Wenn aber der Vater nichts mitzuteilmi vermag, so ist sein Wort und seine Berührung profan unb; der Knabe lacht. Und so ist alle Uebung religiöser Zeremo-'s nien mit dem echten Geiste ebenso erhebend und erquickend,^ tröstend und stärkend für das ganze Leben, wie ohne dm, Geist thöricht und das Gemüt ausleerend". Die religiösm Bräuche waren es gerade, welche lstest Freitag- und Seder-Abende mit all' dm poeiischm Reize» H umgaben, wie sie uns geschildert werden aus dm Tagen der- Väter; sie verherrlichtm und veredeltm das fülle, häusliche s Wirkm und Schaffm, daß uian allezeit begeistert einstimme mußte in dm Ruf: ״Wie lieblich sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungm Israel!" Wir wissen wohl, daß der Jude im Mittelalter mehr! noch wie der heutige draußen bei»! saurm LebmSerwerb ver» achtel und verspottet, gehetzt und verhöhnt wurde, aber dem Hause fand er reichen Ersatz. Wenn er dm Alltag staub von seinm Füßen schüttelte und zurückkehrte in traute Heim, wo das Glück und der Frohsinn wohnten, bann] war alle Schmach und alles Ungemach vergessen. ES eo ihn die liebende Gattin, die das Haus festlich geschmückt, beglückten ihn die Eugelstimmen der holden Kiuder, auf Häupter er segnend seine Hände legte, beim hellm Lid glanz wurdm ״die Engel de» Friedens" als treue! begrüßt, beim frohen Prahle, deck mit Zuftiedeuheft.