Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 31 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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241 — Die Thora bat mehrere Gesetze zur Schonung und zum Schutze der Tiere*). In unserer Zeit sind Tierschutzvereine gegründet worden, deren Wirkungskreis auch darin besteht, daß sie gegen die Bekenner de« Judentums sich wenden Sie sind sehr nach» sichtig gegen die Großen und Bornehme» des Landes, welch« vei Wettrennen und auf Jagden der Tierquälerei sich schuldlg machen, während sie die Juden quälen, um angeblich die Tiere in Schutz zu nehmen. Sie agitieren nämlich gegen das rituelle Schächten, das bei den Juden seit Jahrtausenden heimisch ist. Ist wirklich die uralte jüdische Methode, die Genußtiere zu schlachten, so grausam? Haben uicht Fachwärmer ersten Ranges erklärt, daß diese Methode der in ntchtjüdischen Fleischbänken üblichen vorzuziehen sei? Wird nicht in Amerika agitiert, die rituelle Schlachtmethode zu verbreiten? Allein da» kümmert die Herren von den Tierschutzvereinen sehr wenig. Nicht die Liebe zu den Tieren, sonder» der Haß gegen die Juden veranlaßt ihre Agitation gegen dascharfe Messer des jüdischen Schächters. Sie wollen die Juden bedrängen, nicht aber die Tiere beschützen. Au der Spitz« dieser Agitation marschiert da» liebe Sachsen einher, wo die Regierung ein Verbot gegen das rituelle Schlachten erlaffen hat. Diese» Sachsen ist die ergiebigste Brutstätte de» Antisemitismus und Leipzig, das Alein-PariS, da» den Juden durch seine Messen viel mt danken bat. ist nicht blo» ein Hauptsitz des deutschen Buchhandel-, sondern auch die Fabrik von antisemitischen Echandschriften. Die armen Tiere leiden durch die eigentümliche Witterung dieses Sommer« Mangel an Futter; was thun die Tierschutz-Bereine, um diese Lalamuär zu mildern? Sie «gitteren in der Schweiz, damit da» Schächten gesetzlich ver» boten werde. Eine Hrlventhat, eine menschliche That, eine Thal echter Nächstenliebe, und die Nächsten der Tierschutzvereine sind eben die — Tiere! Bsrtt«, 26. Juli. Der preußisch« Minister de» Innern hat die Provinziatbehürden angewiesen, russische AuSwan- Lerer, die fich verbotswidrig in da» Inland eingeschlichen hoben, alsbald au» dem preußischen Staatsgebiete auszuweisen; die Auswahl des SrenzorteS, über de» die Ausweisung zu bewirken ist, wird hauptsächlich dabin erfolgen müssen, wo die Aus- Weisung am sicher sten und schnellsten durchgeführt werden kann. Hierbei kommt in Bettacht, daß die Wiederübernahme russischer Staatsangehöriger »ach Rußland, wenn sie kein« vorschriftsmäßigen Paß besitzen, längere, meist sechsbi» nrunmonatliche diplomattsche Vorverhandlungen zu erfordern pflegt. Besitzen Lerarttge russische Auswanderer die nättgen Mittel, so wttd eS häufig möglich sein, sie über Bremen, wo der »Norddeutsche Lloyd" zu. ihrer Beförderung nach Amerika im Zwischendeck bereit ist, au» dem Staatsgebiet zu entfernen: bei mittellosen russischen Auswanderern aber wttd da. wo da» «berliner Tenttal- «omtte« für die russischen Juden" oder eine» sein« UntercomtteeS 1» Rate gezogen werden kann, vielfach durch geeignete Verbandlangen darauf hingewttkt werden können, daß diese» Somitee die Fürsorge für dtt Auswanderer und bereu Fortschaffung au» Deutschland übernimmt. Darauf, daß diese uicht in ttgeud einer Weise dauernd im Jnlande verbleiben, muß jedenfalls von allen bei der Urberwachuug ihre» Dur^ugeS beteiligten Polizeibe- Hörden da» größt« Gewicht gelegt werden. Der Eisenbahn- «düster hat entsprechende Weisungen den sämmtlichen Eisenbahnbttekttonen erthetlt. (Vgl. auch:^Berlin" unter den ״Neuesteu Nachrichten.") »er««, 23. Juli. Eine so schmähliche Niederlage, wie sie Stöcker am Freitag Abeüd erlitte» hat, lleß sich der ehemalig« Hofprediger gewiß nicht träumen. Seine früheren Schüler und Nachbeter sind über ihn erbarmungslos hergrsallen. Derselbe *) Wir habe» Mt Mdltfche» nk ttlamMMM Boescheiste» über Verschätz in meh«tta Artikel» innnjem« -LstchtÄttbl.» ISS» Nr. 89 ff. ״*־״•־־ Stöcker, der durch seine Hetzereien zu Beginn der achtziger Jahre da» Gift de» Glaubenshasses der Bevölkerung detgebracht hat, wttd jetzt von den Tollgewordenen angeschrieen und in unerhörter Weise mißhandelt. .Zudenpotrou! Fatzke!" Da» sind di« auständigeren Schmetcheluameu, die ihm an» der johlenden Menge zugeschleudert wurden. Und der »teuere GotteSmann", der oft genug mit eiserner Sttrne Angriffen entgegenttat, war au» der Fassung gebracht. Er schwang sich zwar zu der Redewendung auf, ״er müsse nun den Ahlwar'ot bekämpfen", abtt er ist ein geschlage»« Mann, nach dem kein Hahn mehr ttäht. Wir lassen hier nur einen kurzen Auszug au» den ausführlichen Berichten der TageSblätter folgen. Diese schreiben: ״Eine turbulente Versammlung. Me in den Annalen de« Berliner BersammlungSleben« einzig da stehen dürste, fand vorgestern Abend t« Manens'schen Saale statt, iktnberusen war dtt Versammlung vo» der christlich-sozialen Partei. Da laut öffentlicher Ankündigung Stöcker über dtt Wahl in Neuftetti» sprechen wollte, so waren die Antisemiten Shlwardt'scher Richwag in Hellen Haufen erschienen. Al« Stöcker erschien, wurde er mit Pfeif«» und »«johle empfange». Der Vorsitzende, vuchbindrrmeifter Schulz«, erteilt« ihm da« Wort zu folgenden «»«. subrungen: ״Der Kampf im Wahlkreis« Reoftettin war di« traurigft« Erscheinung, die man fich denke» kann. Ich wußte von vornherein, daß ich in Neusietti» uaterlttgen »erd«. (Stürmische« Hohngelüchter und furchtbar« Lärm. Rufe: We«halb gingen sie denn erst hin?) Ich Hab« von vornhere-n mein« Kandidatur nur al« «in« ZLHlkandidatur bettachtet. (Stürmische« Hohngelachter! Ruse: Dtt Trauben sind sauer! Fauler Mumpitz! Schlauberger!) Sowohl Herr Ablwardt. al« auch Herr Förster haben nur durch Verbreitung von Unwahrheiten gestegt. (Stürmische, lang andauernde Pfuirufe, «au«! vau«!> Ich muß bekennen, ich Hab« e« mst großer Freud« begrüßt, daß ich durch mein« Aufstellung 1« Wahlkreis« Reuftettiu Gelegenheit fand, sowohl den AHIwardtiömu«, al« auch do« vöckrltum zu bekämpfen (Rufe: FrechheÜI Gemeinheit! Wir lasse« un« nicht beschimpfe»! «au«! rau«! Heruater vo» der Bühne! Wk haben genug gehört!) Herr vöckel hatte, schon lange vor der Rerch«tag«-Anflü suag geschrieben, er müsse «ich an« «einem Wahlkreise Tiegen verdrängen. (Rufe: Da« war auch recht!) vei der Stichwahl empfahl vöckel den Antisemiten, für «etur» Gegenkandidaten» den «ationalliberaleu Dreöier, zu stimmen. (Rufe: Pfui! Gemetnhest! Lüge!) Meine Herren, in dieser Weise geht e« nicht «etter. (Rnk- Dan» provoziren Es« doch nicht!) Wir werde« dtt Versammlung auf fünf Minuten »ertaRach Wieder» erössnuag der Versammlung fuhr Stöcker sott: ״A« antisemitische Abgeordnet« Zimmermann hat in «ine« Flngblalt gesagt: Dtt Konservative» find verstockt and verfibckert. (Stürmischer Beifall. Da hat Ztmmermann nur die Wahrheit geschrieben!) Wie et» Aatssemil so etwa» schreiben kann, ist mir unbegreWch. (Rutt: Erft recht.) Di« Aampfeöatt Ablwardt'« hat e« mir zur Pflicht gemacht, auch bei der Nachwahl in Reuftettiu zu kandidtren, gleichviel ob Sieg ober Riederlag«. (Stürmisckwr Beifall 'und heftig« Pfuirufe.) Meine Herr«», über den heutigen Skandal wttd dtt Zudenpreffe di« größt« Freude empfinden. (Ruse: Daran find Sie ja schuld!V Herr Ablwardt und H«r Förster haben «st der Schn ap»lüg« den Wahlkreit Reustettin rrooert. (Risse: Frechhett! Gemeinheit!) Nach «iaer neuen Unterbrechung endlich gelingt «» Stöcker, wieder zum Wort zu kommen: Ich bi» stet« »ffentlich und privatim für Herr» Ahlwardt eingettete«. Ich muß denselben aber jetzt bi« auf« Blut bekämpfen. (Furchtbarer, lang andanrrnder Lärm. Pfeife» und Schreie« ) Ich wiederhol«, nachdem «st derartigen »erwttfiichrn Mittel« von antisemitischer Teste geiümpst worden ist, haste ich e« für «eine Pflicht, da ich der Vater de« Antisemitismu» genannt «erd« (Rufe: Ader jetzt nicht mehr!), «ine« solche» demagogischen Treiben entgegen zu ttrttn. (hwfttgtr Lür«.) E« ist eine« hutnsrmjte» unwürdig. (Stürmische Unt ebrechnng. Rufe: Sie find ja kein Antssemstl Sie find ei» Inden-Patron׳ geworden!) wen» in dieser Wesse dtt vegebrlichkeit der Massen gereizt und di» Besitzlosen gegen dtt Besitzenden ausgebatzt .werden. (Furchtbarer Lür«. Ruse: Wer hat un« denn zu Antisemiten gemacht?) Eine« solche« Unfug muß «st aller Macht gesteuert werde», vöckel hat Ahlwardt eine» .Fatzke" genannt, wir konnte fich Ahlwardt «st solch'einem Man« wttder befreunde»! Ruse: (Gelber Fatzke!) Ich gönn« sowohl Herr» Ahlwardi al« anch Herrn Förster de« Steg. (Riss: Ra! na! «,! Ein Redner «u» der Versammlung theist mst: ״Herr Dr. Förster schrieb mtt: Dtt Agitatio» dt« Herrn Hosvrrdiger «. L. t» Reustettiner Kresse spottett!«der Beschreibung, ja sie war gerade»» schmutzig. (Stürmsschrr Beifall und furchtbarer Lür» ) Der Herr Hofprediger tu D. sollte fich schämen .... Bei diese» Wort» erhob sich «in wahrer Höllenlärm. Ans der Trivün« «nt« spinnt sich rtne Prügelet. Lisch« und 'Stühle brechen. In diese« EhaoS schließt »er Vorsitzende die Versammlung. So hat da» Stöckertuw, das vor Jahren iwNeuftettiuer Tempelbrond seiarOrgie« feierte, tt« Neustettia setueNttder». läge Wftmd«. Auf feiue« Trümmer» erhebt sich trtumphttrud der AhlwardtiSmu» und da» Böckeltu«: aber bald werden dtrse auch dtt Zähm: fletsch«, m» fich -egeusettig zu »»fleisch««.