Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 29 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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aqf bca Allerwrlt-sSadenbock. auf die Jude«. Zu dem blin» den Eifer und verwerflichen Fanatismus gesellte sich als dritter im Bunde dir Bosheit, und bald hUte der ״Mann der Wissenschaft" Anhaltspunkte fänden jüdischen Ritiralmord aus dem Talmud derausgelesen. In seinem Werkchen: ״Der Blutabecglaube in der Menschheit. Bluwiord« und BlutrituS" ci irt der gelehrte Berfaffer, Professor^Dr. Strack, zahlreiche päpstliche Bullen und Aussprüch« anderer Würdenträger der jkirchr, in denen die Blutbeschiädigung für eine Berläumdung erklärt wird. Bon besonderer Wichtigkeit ist darin die Erklärung eines vom Judentum zum Christentum bekehrten Priester» der katholischen Kirche, der selbst ein hervorragender 'Kenner des Talmud war. Dieselbe lautet: ״So schwöre ich!»enn im Namen des dreieinigen Gottes, den wir alle bekennen, vor euch und aller Welt, daß die durch arge List verbreit,»e Lüge, als gebrauchen die Juden bei der Feier chre» Oft,rfefteS da- Blut eiueS Lhristen, eine hämische, gotteslästerliche Berläumdung und weder in den'Büchern dealten Bund»-, noch auch in den Schriften de- Talmud, den ich genau kenne und eifrig durchforscht habe, enthalten ist. So wahr mir Gott helfe und in meiner letzten Stunde mir ein giadenreichrr Heiland sei." ״ES ist der Fluch der bösen Thai, daß sie fortzeugend Böses muß gebären", können wir auch hier sagen. Im fcrneu, von Mauern umringten, der Kultur veischlosseuen Lande der Chinesen erhebt man dieselbe traurige Anklage, wiederholt man dasselbe Schauspiel, nur mit anderverteilten Rollen. Der Chinese ist der Ankläger und die christlichen Missionare sollen die Mörder der Kinder der bekehrten Chinesen sein. Mögen unsere Feinde, deren Führer irlbst mehr oder minder mit den Moral- und Sittengesetzer in Konflikt geraten sind, nicht allzufrüh rriumphiren. W r erheben unsere Augen zu den Bergen, von denen uns Hikfe konnnt; wir vertrauen unserem Rechte; wir kämpfen gegen Haß und Lüge, gegen Bosheit und Berleunidung unerschrockei. mit dev. Basten der Wahrheit und Liebe. .Blatt nur ihr Ltürme, dlaft mir Macht, lln< ,'oll darod nicht banse», Nus leisen Lohten über Rächt, ttommt doch der Lenz gegangen." (Fortsetzung folgt.) Berichte u«d Korrespondenzen. Dentschkaud. MagdeburG, 10. Juli. AuS den zweitägigen Reichstags- Verhandlungen über die Mlitärvorlage ist aus der Rede de- EozialdemokratcnführerS Liebknecht der PasuS hervorzuheben, in welchem er sich den Konservativen zuwendet und diesen dir Worte erbarmungslos ins Gesicht schleudert: »Man sagt mit Recht, man darf die Stimmen nicht bloS zählen, sondern wägen: wenn wir bloS zählen, haben wir schou eine kleine Majorität von Millionen. Die Wähler aber, dir Sie wählten, das ist das rechte Stimmvieh. (Unruhe rechts.) Wähler von dieser Sorte haben Ahlwardt gewählt. Sie werden ihn nicht l,׳s. Sie haben ihn im Pelz. Und dir Wähler, die heute antisemitisch wählen, werden schließlich doch zu uns kommen. Sir werden sehen, daß mit den Recepten der Antisemiten nichtanzusangen ist. Die Sozialdemokraten sind gegen den Antisen itismuS gefeit, und wenn es in den Köpfen Ihrer Wähler Heller wird, dann werden sie zu uns kommen. (Gelächter rechts.) Dem Sozialismus der Dummen folgt der Sozialismus der Bewußten. die sich nicht als Treiber für Andere benutzen lasten. Die Herren vom Cenrrum haben ja auch eine Lehre empfang, n. die Iraker sind von der demokratischen Nichtuu, verdrängt worden." Nicker t'S Rede hatte den großen Fehler bufc sie netto neun Wochen zu spät gehüsten vmdei dann hättin wir im Nrlchstag -ie große freisinnige Partei behosten und mw die« Antisemiten! Mas*eb«»-. Ueber die Bekämpfung des AmlsemttitmuS schreibt Herr Oberraddiner Dr. Jellinck folgend« vortreffliche Worte, die dir weiteste Verbreitung in jüb. -reise« verdien«: . Wenn men den Antisemitismus richtig und objectiv dem» ' tHellen will, so darf man ihn nicht von der »esammtcn politischen und socialen Bewegung unserer Zeit loStrcnnen. sondern «an muß ihn im Zusammenhang» mit derselben betrachten. 8r ist - ein Ring an der Kette der Reaction. welche fast einen Theil - de» Contiaents umschlingt und ihn in da» Mittelalter zurückdrängen' will. Werden denn etwa blos Angriffe gegen die Juden, gegen deren Freiheit und Gleichstellung gerichtet? Werden nicht alle Errungenschaften, welche in diesem Jahrhundert irr Staate und in der Gesellschaft gemacht wurden, bedroht und bekämpft? Aüf allen Gebitten des gesellschaftlichen Schaffens und Wirken», de» Gewerbes, de« Handel» und Verkehr», der Industrie, sollen mittelalterliche Institutionen, die man läugst für!«graben birst, ihre Auferstehung feiern, upd die Freiheit der Menshen in Fesseln schlagen. Der AnttsemitsSmu« ist eine Kette, eine schwere, eherne mittelalterliche Kette, welche die Freiheit binden und bändigen soll und die Schmiede dieser Kette sind jene Aristokraten, welche ihre mittelalterlichen Privilegien wie eine Reliquie religiös perehren, und da» Mittelalter für da» goldene Zeitalt n halten. An Stelle der Säulenhallen der modernen Freiheit sollcn Mittelalterlichc Burgen sich erheben! Der Antisemitismus ist ein Ring an dieser Ki tte der Gegenwart, welcher die Zeit herbeiwünscht, in welcher die Juden wie im Mittelalter al» Sachen und nicht al» Menschen bewachtet, gehetzt, geplagt, verjagt, verfolgt und des Ungeheuerllchsten beschuldtgt wurden. ES ist wahrlich kein Unterschied, ob man verbreitet, daß Juden die Brunnen vergiften und an der schwär,zen Best schuld sind, oder das Märchen vom jüdischen Ritualmcrd al» Motiv zu Hetzereien gegen die finden wir ein« historffche Thatsachc hinstellt. Wer daher den Antisemitismus wirksam l.nd mit Erfolg bekämpfen will, der muß für die Freiheit auf alten LcbenSgrbieten einsteben. Jeder Jude muß cft- Soldat der Freiheit fein, muß dem Command« der Freiheit gehorchen und die Fahne der Freiheit Hochhalten. Denn die sociale und politisch« Freiheit braust wie ein Sturm einher und zerschmettert die Giftbäume de» Antisemitismur. Die schärfsten Waffen in diesem Kampfe liefert die Presse, diese sechste Großmacht, deren Heer an» 24 bleiernen Lettern besteht, und die nicht Md: wird. Tag für Ta(, morgens und abends aus dem Kampfplätze zu erscheinen. In einem hebräischen, geistvollen Werke im Style der Makamen aus dem 13. Jahrhundert wird ein Zweikampf zwischen ,Schwert" und .Feder" geschildert: beide rühmen ihre Vorzüge und das schneidige Schwert sowohl als die spitze Feder nimmt für sich den Vorrang in Anspruch. Wir wollen uns hier niä,t zum Schied»» richter in diesem Turnier aufweifen, behaupten aber, daß die Feder der Tagespreffr eine gewaltige Macht int Dienste des Liberalismus ist. Die Gänse des römischen Capitols haben einst Rom gerettet: der Gänsekiel ist mächtig genug, den LideraliSmu» vor dem Untergange zu bewahren. Und der L i b e» ralismuS ist es. den wir, wo wir können, unterstützen, -- fördern und verbreiten müssen, wenn der Antisemitismus zu Boden geworfen werden soll. Befteien wir die gesellschaftliche und politische Atmosphäre von den Ausdünstungen des Mittelalter», dann wird der Antisemitismus zerfallen. Denn,sein LebenSrlement ist die Stickluft, roelche das frei: Aufathmen erschwert. In der Luft der Freiheit kann der Antisemitismus nicht gedeib'n. Berti«, 8 Juli. Di: Antisemiten aller Srrten, die Bücke» - lianer, Ahlwardttaner und Stöckerianer warengestern Abend in -י ' den »GermaniaiSlen" zusammen gekommen, um sich gegenseitig"', ihre Sündenregiftn vorzuhalten und Jeder de>r einzig wahres ' echten Antisemitismus für sich in Anspruch zu nehmen. E» ku»' zu äußerst stürmischen Szenen und wenn die streitenden Parteien ■ nicht «ehr mit Worten durchkommeu konnten, versuchten. fk, ihren Argumenten einen handgreiflichen Nachdruck zu pÜm. Neichtagsabgeordnerer Böckel war der Redner de« Abend«. Egg»