Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 26 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nur Muth und unverzagt! Bon Tr. Singer-Coblenz. Da» (Gefühl, welcher Jephtoh beschlich, als er seinem Gegner ׳׳ oem Berichte der )ieswöchentlichen Haphtarah die Worte , chter Xi. 27» zurief: »Ich Hab« gegen Dich nicht gesündigt, aber verfährst böse, mit mir zu kämpfen", können wir jetzt -,ai empfinden. Ta stebm sie nun Alle gegen uns. die Sichon Og, die Moabiter urd die Ammoniter, »reine und unreine" ., ,üscmiken. anständige und unanständige Conservative, sie Alle zrn am 1ö. Juni in di« Wahlschlacht mit dem KrirgSgrhrul: »Du sollst nicht mit un» in diesem Land« gleichberechtigt dastehen, xnn — Du bist der Sohn eines andern Weibes", es gewinnt -mmer mehr den Ansckxin, als wenn nicht Huene's Vorschlag über ein ruhiges Wahlbüreau geschwebt, sondern als ob der von Schnorrgeldern gemästete Ahlwardt und Konsorten als Cherubim mit stammenden Schwei tern Aufstellung genommen hätten, um den Aufenthatt in dem Paradiese unserer Heimat zu verleiden, evenk. uns aus demselben zu vertreiben. Wird es ihnen gelingend Man sollte fast annehmen, daß sie durch einen allerdings unvorhergesehenen Erfo.g für ihr Wühlen belohnt werden sollten, r -ß es ihnen gelingen würde, durch eine nicht-programmmäßige .-»sang die Judenfrage erledigt zu sehen, in einer Art, die russisch riecht und der allgemeinen wirthschastlichen Misere kauui steuern -,ürde: es haben näml ch manche reiche Juden den Ausspruch ,,:timn. daß wenn dies so forlgebt, oder gar die Beschränkungen sich erweiterten, sie vorziehen werden, in einem andern freiheitsicher gesinnten Lande ihr Geld zu verzehren. Haben sie Recht? Mit ihrer Aeußerung sicherlich: mit ihrer Absicht aber nicht, viel weniger noch würde dies bei der A u S f ü h r u n g der Fall sein, und zwar aus zwei Gründen: 1» Leben wir immerhin ׳m Jahre 1888. und wenn wir gerade auch keine Ursache haben, auf unser liebes engeres Vaterland im letzten Biertel dieses SäculumS besonders stolz zu sein, so wissen wir doch, daß Deutschland sich wohl bewußt ist, ivas es s ׳ ch und seinem Rufe schuldig ist. Es hat zwar mit unverantwortlicher Milde die Gistsaat in dir Höhr schießen lasten, namentlich trifft die Schuld unffre rutig« Regierung, welche doch mit dem gründlichen Aufräumen manch anderer traurigen Erbschaft aus der Bismarckscheu Wftthschast mit der in Eisen gesoffenen Firma: 8ie -oio Ztv jubso. Stal pro rativoe voluotss gar nicht spröde zu Werke ging, aber dec 15. Zuni wird ihr hoffentlich die Augen geöffnet haben. Nicht die ansisemittschrn Demagogen konnten den Brei verzehren, den sie angerührt hatten, als sie unter wohlwollenderlNeuttalitöl der hohen Obrigkeit. Juden und Freisinnige in einen Topf warfen und zu zermalmen drohten, sondern dir Socialdemokatie hat schmunzeld den Gewinn eingeheimst. Nebenxr dürfen poch andere Faktoren die Schuld auf ihr Conto mitschreiben: Bon EugeaRichter, welcher »doch schon zu alt sein sollte, um nur zu spielen" und auS autokratischem Gelüste seine ganze Partei decimirte — bis auf E g i d p. welcher bei all seinen sonstigen eminenten Fähigkeiten sehr wenig polstischrn Scharfblick verrieth» als er sich den 1. Berliner Wahlkreis aussuchte, um dort seine ersten parlamentarischen Lorbeeren zu ernten, >on, wo all die Elemente vorwiegend beisammen wohnen, denen die unveränderte Erkaltung des »Utas qao in Staat und Kirche Lebensbedingung ist. Wenn er sich nun selbst untreu wird und hinterher in den allgemeinen Todtenmarsch auf den Freisinn auch seinen Part übernimmt, so ist das ein kindliches Bergnügen, welches wir ihm gern gönnen, aber schön ist eS nicht. 2y. Der Reichstag ist übahaupt nicht die Stelle, welche über dir zukünftige Pofitton der Juden zu Gerichte zu sitzen bernftn wäre. Das geht nicht ihn, sondern dir Parlamente der Einzelstaaten an, chie sie die Juden behandeln wollen: der Reichstag kann die Juden nur indftect treffen, oder leerer Stroh dreschen, ihre Lebensadern unterbinden kann er nicht, ja er vermag eS staatkrechtkch nicht einmal ihren Charakter als deutsche Bürger anzmasten. Sine» deutschen Staat im eigentliche« Sinne des Wortes gied» es nicht, sondern eine Bereinigung verschiedenen deutschen Staaten zu einem-gemeinsamen Ganzen unter Preußen als primns Inter parea, welches Berhältaiß in dem Aaisersitel seinen Ausdruck findet. Erklärt nun der eine Staat bestimmte Persönlichkeiten als seine Untrrthanen, dann haben sie ro ipso, selbst wenn der Gleichberechttgnngs-Paragraph auS der Verfassung gestrichen würde, was nur zur Folge hätte, daß Juden keine Anstellung im Reichsdien st e fänden — angesichts des bisherigen Lustander kein allzugroßer Berlust — den Character von Reichsbürgern, den ihnen das Reich ohne Conflict nicht nehmen kann. Nehmen wir aber an, rin Staat, sagen wir Preußen, dem es nach momentaner Sachlage an! ehesten zuzuttauen wäre, nimmt einer Anzahl von Bürgern dieses hohe Recht überhanvt. so würde dann der Fall eintteten, daß die deutschen ReichSgesetzc den Juden, die fünf Minuten über die Grenze von einander entfernt wohnen, mit gemischten Gefühlen gegenüberständen. Wir bleiben zwar mit unserer' Wcrthschätzung alles besten, wessen ein märsischer Junker fähig ist, nicht hinter der' realen Wirklichkeit zurück, aber wir glauben nicht, daß sie dem Fluch der Lächerlichkeit mit stoischem Gleichmuth gegenüberstehen. Diese kurze Ausführung dürfte unsere Glaubensgenossen da» rüber belehren, daß wenn sie fortfahren, ihre Pflicht und Schuldigkeit als Deutsche israelitischer Confcssion zu erfüllen und das Schlechte zu verdammen und zu verurtheilen, w» immer sie es finden, kein Haar auf ihrcni Haupte gekrümmt werden kann: durch redliches, unverzagtes Borwärtsgehen werden wir die Härte der ungeschriebenen Beschränkung unserer Rechte mit Ruhe erttage» und auch — überwinden. '׳Ml j ג 1 Bericht? und ILorrespondeuzen Deutschland. viagdevurg, 18. Juni. Im sozialdeinokra'.ischen »Bor» wärts" liest man in einer Betrachtung über den so ttaurigeu Ausfall der Wahlen au> 1ä. Juni — über welche sich ein ab-' schließendes Unheil erst nach den Stichwahlen wird fälle» lassen — Folgendes: »Außer der Sozialdemokratie har nur der Antis e m i t i s m n s zugenommrn — außer dem ächte» Sozialismus der gefälschte, außer dem Sozialismus der Bernünftigen der »Sozialismus der dummen Leute." Immerhin ein Triumph der so-׳ zialisttschen Idee, die rechts und links alles sich unterthau macht. Die Fortschritte des Antisemitismus sind uns darum nichts weniger als unerwünscht. Im Gegcntheil, wir wissen, sie können nur uns zu gute kommen. Der Antisemitismus hat sich auf Kosten der konservatto-reaktionären Parteien auSgebreftet — er bedeutet den Bankott des hohlköpfigen und ftraußmagjgen KonservattSmuS, der mit seinem wurmstichigen, verstaubten Feudal- Plunder, mit seinem heuchlerischen Gerede von KönigStrene, Gottesfurcht und praktischem Christrnthum keinen Hund mehr Himer dem Ofen hervorlockt. Der Bauer ist ein verhärteter Materiallst, der Greifbares haben will. Und der fette-Judenknoche».' den »da Sozialismus der Dummen" ihm vor der Nase hau«», tanzen läßt, ist etwas sehr Greifbares und Begreifbares — für Dnmme. »Die Juden raus" aus Deutschland, und alle Bauer« find reich — nichts kann vastündlicha sein. Freilich, lange hält die. Weisheit nicht vor — die Enttäuschung kommt rasch. Und da Antisemitismus wirthschaftet deshalb überall, wohin a kommt, sehr schnell ab. Am Rhein, an da Lahn und am Main, kurz in seinen asten Domänen ist a gegen 1880 zurückgegangen. Dir Bauern haben den Judenbraien gerochen und den Schwindel ge» merkt. Und in den neuen Domänen, die da AntisemitiümnA. seinem konservativen Nährvat« undankbar abgesagt hat, wird bald dem Sozialismus da Bernünftigen de« Platz rä müssen." Daß da Ahlwardt und seine antisemitischen schaftSgeuossen auS dem hohen Adel und dem »umli Publimm" die besten Lu-vei sicher da Sozialdemokratie ,gst schon ges Publii haben andae Leute längst gesagt:-«r miij