Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 19 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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144 - &om antisemitischen Schauplätze. VH.' Bon Dr. Singer-Loblenz. Auch Du, mein Böckel! Auch Du, Vertreter deutscher Sittlichkeit und Ehrlichkeit, auch Du bist eigentlich bei Licht besehen ein — Jude? Am 28. April wurde Herr Bückel im Deutschen Reichstage krast seiner eigenen Theorie zum ״Juden" gemacht, oder doch zum Sohn eines solchen, denn sein Vater soll die Zinsen für ausgeliehene Gelder mittels eines Bergrüßerungsglasts berechnet haben, und der Sohn bezeichnet doch jeden Wucherer als ,Juden". Nun wissen wir aber auch, wo Bückel das Geld hernahm, um seine — noblen Leidenschaften befriedigen zu können, denn ein Studentenleben, wie es B. sühne, kostet Geld, selbst dann noch, wenn der Spiritus fort ist und das Phlegma geblieben. Unverstündlich ist nur seine Entrüstung darüber, daß er mit seinen eigenen Waffen geschlagen wurde; Beschämung wäre eher am Platze gewesen, wenn bei Leuten solchen Schlages derartige Gefühlsäußerungen noch möglich wären. Als ״Schuft" bezeichnet er denjenigen, der seinen Vater beschimpft — was ist Herr B.. der die Väter von Tausenden und Abertausenden tagtäglich bejchimpst und in den Schmutz zieht? Oder genießt der Vater eines Reichstagsabgeordneten außerordentliche Rechte? ״Mit dem Maaße, mit dem man mißt» wird man wiederum gemesien" — dies mag B. sich in sein Album fchreiben. In demselben größten Momente seines Lebens, als er die erwähnte. Entrüstung-triefende Rede hielt, schwang er sich auch zu einer förmlichen Absage von seinem Feinde und Genossen Ahlwardt am, — sein Feind, weil der Rektor a(ller) Z>(icbe von Aktcn-Makulatur) ihm den Rang in der Gunst alles hohen und niederen Pöbels abgelaufen hat, — und sein Genosse, weil der Eine genau so viel, oder besser so wenig werth ist, wie der Andere. Mit seiner Absage steht er aber nicht äklein und war er auch nicht der Erste, denn gewisse Geschöpfe, deren Hirn nur in ihrer Bissigkeit sich äußert, verlassen immer das sinkende Schiff. Die Ratte ״Kreuzzeirung", die Ahlwardt ihre Krücken lieh, vermittels deren er in den Reichstag hineinhumpeln und ihn besudeln konnte, hat seit einiger Zeit geradezu Schüttelfrost, so lebhaft klappert sie mrt ihrem Verwesungsdust aushauchenden Gerippe, um — vergebens -.Ahlwardt von sich abzuschütteln.*) Schwennhagen versinkt in eine Versenkung, aus welcher ihn nun der Staatsawalt hervorholt, und der alte Wilhelm Marr, der sich schon lange ärgern mag, daß man ihn für todt hält, ihn, der einer der Ersten war, welche die Giftpflanze Antisemitismus auSgesät haben, erinnert die Leute an seine Person und sagt sich auch von seinen Sprüßlingen los. Vae viotis, lieber Alter! Mit diesen Worten watest Du vor etwa 16 Jahren in die Arena; heute mußt Du sie am eigenen Leibe erfahren. Aber der alte Fuchs ist schlau: die Grünoe für sein ״Zurück ziehen" — welches sehr überflüssig war, da er nie im Vorder treffen gestanden — sollen nach seinem Tode erst veröffenllicht werden. Jedenfalls hofft er, daß man dann, wie überhaupt mit Tobten, glimpflicher mit ihm verfahren werde und lacht sich in's Fäustchen, wenn er daran denkt, daß er dann der Mühe überhobeu ist, auf Widerlegungen zu antworten. Ja, ja, wenn der Fuchs seine Zähne auch verloren hat, die Schlauheit bleibt ihm und er ist auch bereit, den Meistbietenden sein Fell nach dem Tode zu überlassen. DaS ist Selbsterhaltungstrieb, denn Niemand überlebt sich gern selbst. Ahlwardt ist es so gegangen, aber dieser Mensch besitzt eine Aalglätte und verfügt über Grimassen und Kratzfüße, trotz dem besten Clown und ist wie ein solcher auch immer der Erste, der sich Beifall zuklatfcht. Mit welcher uonach» *) Auch Paul Förster hat ihm— freilich erst nach seiner einstimmigen Berurtheilung durch den Reichstag — den Laufpaß gegeben. ahmlichen Post nähert er sich der Thüre des Aommissioaszimmer, wo über seine ״zwei Centner" Makulatur obgv»' urtheilt wird, entzieht sich dem UrtheilSspruch mit den große« Worten: ״Wenn ich hier von der Kommission, also voa meinen Richtherren, in dieser Weise behandelt werde, dann kann ich den Verhandlungen der Kommission überhaupt nicht mehr beiwohnen!" — Es war nämlich die letzte Lom- Missionssitzung.*) Da dieser Mensch aber überhaupt nichts originell treibt, sondern nur viel Nachahmungstalent besitzt, so erkennt man bei einigem Nachdenken, daß sein Berthcidiger im Judenflintenprozeß, der durchgefallene Rcichstagskandidat Hertwig, ihm diese- «ult» mortale vorgemacht hat. ES war aber auch höchste Zeit, den Alle — selbst Stöcker — ließen ihn abfallen, — unverkennbar waren alle Mitglieder der Kommission: Juden!. Ich hoffe, mit dieser kleinen Andeutung Herrn Ahlwardt Material für einige Zwanzig- Pfennig-Entree-Radauversammlunqen geliefert zu haben. Es ist traurig, daß nur Juden im Reichstag sitzen, selbst der so schlagstrtige Dr. Lieber, welcher für seinen moralische« und physischen Ekel vor seinem ״Kollegen" keinen ge» nügenden parlamentarischen AuSoruck fand. Für Ahlwardt ist mir aber gar nicht bange, er, der 1885 auf sein Ehrenwort versicherte, nie Antisemit werden zu wollen, weil die Wucherer, in deren Händen er ge» fallen — bis auf Einen — Christen waren, er, der gegen eine« Pump bei einem sozialistischen (und zugleich jüdischen) Reichs« tagsabgeordneten seine sich überschätzend« Kraft den Sozialdemokraten anbot, er, der aus ״Liebe zum Guten" ehrab» schneidet, verleumdet und Diebstähle protegirt, dieser Mann mit der Chamäleonsnatur wird sich in jeder Luft ernähren und erhalten können. Und wie verhalten sich die Regierungen zu solchem volksvergiftenden, gefährlichen Treibe- — abgesehen von den Strafprozessen, die wegen persönlicher Beleidigungen anhängig gemacht werdrn? Ergreifen sie Maaßregeln gegen diese zersetzenden Elemente im Volksleben, welcheschon so verführt ist, daß es kein Verständniß mehr hat für den Abscheu, den ein solcher Mann verdient? Die Regierung erklärt öffentlich: ״Die Juden haben auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens mitgewirkt und zahlreiche Beweise geliefert, daß sie von starken nationalen Empfindungen durchdrungen sind. Wir haben eine Dankesschuld an die Juden abzunagen und es wäre weder gerecht noch bill ig, sie ihnen vorzuenthalten.' Um Mißverständnissen zu begegnen, sei hier bemerkt, daß obige Aeußerung nicht in Deutschland au» dem Munde leitender Männer gefallen ist, sondern von einem Minister in — Ungarn! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 1. Mai. Da» jüngste Heft der Harden« scheu Wochenschrift ״Zukunft" bringt an seiner Spitze eine« Arttkel über ״Fürst Bismarck und der AntisemittsmuS", dem wir folgende markante Stellen entnehmen: ״Bismarck sei durch seine ganze Erziehung im Kinn« feiner Zeit kein Iudenfreund und (84? Gegner der Emanzipation gewesen, dennoch Hab« er die Lmanztpcüion beaünftiat, da er bei Blrichröder ein raschere» verständniß für seine näionalen Pläne gefunden Hab«, als bet den Ariern der Dppoütion. Da» Ausslackern de» Antisemitismun nach der Gründerperiod« sei begreisttch, da di« M«»lg« der Betrogenen den ״Kapitalisma»" mit dem ״Juhenth um" v«k». "1 Mit derselbe» hohle»Phrase verduftete(7)er auch aas de» Reichstag, der ihm das Brandmal der Verleumdung »ffiziell auf; die eherire Stirn drückt«: di« Antisemiten drückte» es «lt, damit draußen nicht merke, daß es zngletch auch aus ihr« Stirn sehen war. abge»,