Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 19 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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antwortlich ist für die Bücher oder Aätaagni, die bei iü« erscheinen. Cb mit Recht oder mit Unrecht, da» bleibe hier ««untersucht, ober thatstichlich gelten Zeitung«! und Bücher für eine Waare. die der Verleger herstellt nach dem Gefchmack des Publikum», nicht nach seinem eigeren; national» liberale und konservative Herren siud im Besitze radikalfreisinniger Zeitungen, sehr aufgeklärte Bnclrgrr geben pietistische Schriften heran». So betrachtet Herr Masse das ״Berliner Tageblatt" al» ein rein geschäftliches Unternehmen; e» ist un» kaum zweiftlhast, daß er eine katholische Zeitung ertverben würde, wenn sie einen entsprechenden Gewinn abwirf:. Mit dem 'inneren Getriebe de» »Berl. Tagebl." hat der Mann wahr» scheinlich nicht» zu thun; da gar keine Veranlassung vorliegt, dem Herrn Masse einen schlechten Geschmack zuzutraurn, I? ist anzunehmrn, daß der roh« und durchaus läßlich« Artikel c/a. Kneipp dem Herrn Masse ebenso nißfallen hat, al» dem Mitarbeiter dieser Blätter; also schütteln wir nicht zuviel an unseren Rockschößen und von unseren Rockschüßen. Herr Mosie macht Reklame, macht Rudolph Hertzog kein«? Wie hoch hinauf reicht die Reihe derer, die de meinen: »Klappern gehöre zum Handwerk". Alle die Reklame Würde nichts nützen, wenn das »Berl. Taget!.' nicht dem Geschmack« eine» gewissen Leserkreises entgegenkäme und auf die Gefahr hin, daß die ״Germania" mich verdammt, so bekenne ich, daß ich schon manchen Artikel im ״Berl. Tagebl." gelesen habe, der mich belehrt hat. Bon dem viel angefrindeten Oster-Artikel des ״Al. Journal" hat sich herauSgeftellt, daß ihn ein Katholik ge- 'schrieben; aber gesetzt, rS hätte ihn ein Jude geschrieben, ein religiöser Jude war rS nicht, sondern einer, der sein Judenthum längst vergessen hat, eia Apostel des Unglauben». Diese Leute wollen vom Judenthum gar nichts wissen, sie hängen sich nicht an un», und wir brauchen sie nicht abzuschütteln, e» ist nur eine neueManier, wie manchrverkappteAntisemiten uns quälen wollen, wenn sie diese Leute un» aufbürden. ES giebt keine jüdische Presse in dem Sinne, wie die ״Germania" meint. Die Artikel de« .Tageblattes" und de» »Kl. Journals״, die zuerst in diesen Blättern besprochen worden sind, sind unwürdig, aber nicht minder unwürdig und gewissenlos sind 10« Angriffe gegen das Judenthum, die daraus hergeleitet sind. E» giebt allerdings einige Blätter, die man sink al» .jüdische" bezeichnen kann, da» sind die Zeitschriften, die dem religiösen, dem wissenschaftlichen Leben de» Judenthums gewidmet sind: daS sind Judrnzeitungen; von diesen bemhen die »Allgemeine Ztg. d«S Judenthum»", die »Jüdische Presse", der ,JSraelit", die »Israelitische Wochenschrift" schon seit längerer Zeit und verdienen darum besondere Beobachtuug. Wenn auch naturgemäß jedes Blatt eine möglichst große Verbreitung anstrrbt, so verfolgen dennoch diese Zeitungen nicht vorwiegend geschäftliche Interessen. Zwar die ״Wg. Ztg. des Judenthum»" ist em Mosse'sches Unternehmen; und kommt da» geschäftliche Talent Masse'» der Zettung vielfach zu Gute, so soll andererseits die Zeitung auch einen Gewinn bringen. Jndeß der Berleger hat einen für da» Judenthum und seine Litteratur warm empfindenden Schriftsteller als Redakteur bestellt und insofern Alle» gethan, wozu er zur Hebung de- Blatt-.-» verpflichtet war. Die Annoncen freilich dir in der Leitung de» ZudenthumS" veröffentlicht werden, sind zuweilen dem Charakter eine» religiösen Blattes kaum entsprechend. Man merkt ihnen au, daß sie nicht für dieses Blatt aufgegeben sind. Die Frirdftrtigkeit artet oft in ein mattherziges Bestreben aus, es mit keiner Part.i zu verderben und die Berliner Gemeinde. Verwaltung wird in einer Weise gelobt, die schon mehr an die Haltung einer offiziösen Zeitung erinnert. Auch überwiegt in manchen Nummern di« Zahl der Artikel, die offenbar nur wegen de» Lvrror vaoui, wegen der Scheu vor dem leeren Raum. Gnade bei dem gescheiten Redakteur gefunden habe». Daß Dr. Knrvele«, weit er au« Oesterreich stammt, zur SettuigPer »Allg. Ztg. des Judenthums" ungeeignet sei, können wir nicht finden. Herr Dr. AarpeleS lebt jetzt schon seit Jahrzehnten im deutschen Reich hat einige ganz brauchbare Bücher geschrieben, schreibt gar nicht übel, es wäre sogar kein Fehler, wenn er mehr für sein Blatt schriebe und Andere weniger; er ist persönlich dem Schreiber dieser Zeilen nicht bekannt, indeß au» dem öffentlichen Wirken de» 'Dr. K. läßt sich schließen, daß er sich geist'g völlig akklimatistrt hat. Die ״Jüdische Presse" ist gegenwärtig da» Organ der Familie Hildesheimer und einer kleinen Geemeinde; diese hat sich von der Berliner Gemeinde loSaesagt und unte!.-scheidet sich dadurch unvortheilhast von den Mitgliedern der Berliner Reformgenossen, die sich ihrer Sttuerpflicht gegen die Gesammtheit nicht entzieht. Nichtsdestoweniger will besonders der junge Dr. Hirsch Hildesheimer gern in Berlin eine große Rolle spielen; leicht cci einander wohnen die Gedanken; die schroffste Orthodoxie scheint ihm vereinbar mit dem Berlangen, eine politische Stellung im deutschrn Baterlande zu gewinnen; er schwärmt mit den Zionisten, er stellt sich den freisinnigen Volksvertretern als Anwalt der deutschen Juden vor; da es ihm an dem nüthigen. Kleingeld nicht fehlt, so ist er Überall dabei, in den jüdischen Logen ist er ein mächtiger Mann, wo er erscheint, thut er, als ob er die Geheimnisse Europa'» in seinen Rocktaschen trüge, er entfaltet sozusagen eine fieberhaste Thätigkrit, man hört das Klappern einer Mühle und sieht nur kein Mehl, er stellt das Judenthum hoch, aber sich stellt er darauf; er reist, er wühlt, er bettelt. Alle» mit dem Komfort und Behagen dcS begüterten ManneS und hat eigentlich, wie man zu sagen pflegt, zum Judenthum noch nicht» zugelegt. Selbst ein so kluger Mann wie Maximilian Harden ließ sich durch xnLärm täuschen und hielt den Mann für einen Vertreter de» Berliner oder gar de» deutschen JudenthumS und hat eine Unterredung mit ihm über den Antisemitismus gesucht. Hätte er sich an den Rabbiner Mavbaum gewandt, er hätte viel tiefere Ausschlüsse erfahren. Die Familie Hildesheimer vertritt sich und ihren lxträchtlichen Besitz, aber dir Strengkonservativen folgen nicht mehr unbedingt dieser Fahne. Hildesheimer ist journalistisch ohne Feinheit, ohne 'Geschmack, plunip und grob. Aber natürlich hat er, wenn er auch sich nie vergißt, doch den guten Willen dem Judenthum zu nützen: er sieht nicht, er will den Widerspruch nicht sehen zwischen der Orthodoxie, die nichts aufgirbt, was jemal» rm Ghetto im Namen der Religion oder de» Aberglaubens geglaubt oder geübt worden ist, und dem modernen StaatSbürgrrthum; aber Hildesheimer'- ״Jüdische Presse" verttitt dasJ udenthum, während das ,Meine Journal", der ״Berliner Bürsencourir", das ״Berliner Tageblatt", nur in der Phantasie der ״Germania" als jüd. Presse figuriren. Der״J«raelit" ist un» zu wenig bekannt, er wird mehr in den niedern jüdischen Schichten gelesen. Die ״Israelitische Woche nschrift"isivon einem Rabbiner vor Jahrzehnten gegründet worden und wird noch jetzt von einem Rabbiner geleitet, während die ftüher genannttn Blätter von Journalisten herauSgegrben werden. Rabbiner und Lehrer sind auch im Wesentlichen die Mitarkeiter diese- Bl. Wir stehen auf dem Boden der BermittlunzStheologie; wir vermitteln zwischen den alten Traditionen und den Forderungen der modernen Zeit, zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen den Ansprüchen des Juderthums und der staatlichen Ordnung und werden darum von den Extremen aller Gattungen angefeindet. So eng begrenzt ist der Bezirk der ״Inder presse" und nur unsere Feinde wollen ihn erweitern, um den Juden eine Macht einzureden, die sie nicht besitzen und eine Berantwonlichkeit auszubürden, die sie nicht tragen körnen. Jä. R. Ikitii'iiiifn 1..