Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 19 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ungerecht und unlogisch ist die Behauptung, daß das unausgesetzt wirkende böse Beistnel der Juden die »guten deutschen Sitten" schon ganz beträchtlich verdorben haben muß, zumal beim Handelsstande, und daß daher auch die »deutsche Kriminalität" bei den ,jüdischen" Delikten durch die Einwirkung der Juden gesteigert werde. Nach der Zusammenstellung de- Herrn Giese find nämlich wegen Betruges bestraft: Christen: Juden: 18 8 2: 1072S . . 332 1883: 11108 . . 313 1 884: 1191« . . 345 1 885: 11167 . . 304 1 88 6: 11985 . . 353 1887: 12760 . . 334 1 8 8 8: 13151 . . 324 18 8 9: 14842 . . 348. I Die Zahl der wegen Betruges bestraften Christen ist hiernach in einem Zeiträume von acht Jahren um mehr als 4000 Personen gestiegen, die der Juden nur um 16. Noch erheblicher ist die Steigerung der Kriminalität der Christen bei den Bestrafungen wegen Betrugs im wiederholten Rückfalle. Im Jahre 188 2 sind wegen dieses Verbrechens bestraft: 845 Christen im Jahre 1889: 1630 Christen. Im Jahre > 882 sind wegen desselben Verbrechens bestraft: 10 Juden im Jahre 1889: 12 Juden. Diese Zahlen sind den Giese'schen Tabellen entnommen. Herr Giese führt diese Steigerung der christlichen Kriminalität auf den »Zusatz von Juden zurück, der dem Volke jahraus jahrein ferne Kunststücke auf dem Gebiete des höheren Schwindels Vormacht.- Daß 87652 C h r i st e n in dem achtjährigen Zeiträume von dem kleinen Häuflein Juden zum Betrüge und 9700 Christen in dem gleichen Zeitraum zum Betrüge im wiederholten Rücksalle verleitet sein sollen, diese Behauptung wird doch sicherlich auch von den An- Hangern des Herrn Giese nicht geglaubt werden. Einen besonderen Abschnitt widmet der genannte Herr den Freigesprochenen. Es erscheint ihm auffällig, daß verhältnißmäßig viel mehr Juden als Christen fteigesprochen werden. Er bemerkt hierzu: »Wären die Freigesprochenen völlig unschuldig, so würde keine Anklage erhoben, noch weniger daS Hauptvrrfahren eröffnet worden sein. S i e müssen sich jedenfalls etwas haben zu Schulden kommen lassen und verdanken ihre Freisprechung nur dem Umstande, daß der Richter irgend ein Erforderlich der Strafbarkeit bei ihrer an und für sich verwerflichen Handlungsweise vermißt hat." Wenn die Freigesprochenen sich in der That etwas hätten zn Schulden kommen lassen, so wären sie sicherlich verurtheilt worden, wozu bedürfte es denn der gerichtlichen Verhandlung, wenn jeder Angeklagte schon auf Grund der Ankage * für schuldig erachtet werden sollte. Nicht selten wird seitens der Staatsanwalffchast selbst nach Beendigung derBeweisaufnahme für Freisprechung plaidirt. Ist dem Herrn Verfasser diese Thatsache gänzlich unbekannt? Es mag ja sein und soll Herrn Giese durchaus zugegeben werden, daß dem geschickten und scrupellosen Wucherer und Betrüger mit dem Strafgesetze schwer beizukommen ist, dies 'gilt aber doch in gleicher Weise von den Juden wie den Christen, eine sehr einfache Erklärung für die große Zahl der Freijprechungen könnte Herr Giese in seinen eigene« Tabellen finden, ich verweise auf die Tabelle für wissentlich falsche Anschuldigung, danach sind in dem Zeiträume von 1882—1889 : 4044 Christen und 104 Juden wegen dieses Delikts bestraft worden, und auf die noch viel größere Zahl unbegründeter wenn auch nicht wissentlich falscher und darum strafloser Denunciationen, die zur Erhebung der Anklage führen und nach Lage der Sache auch führe» müffen. Den von ihm selbst nicht angezweifelten'-Rückgang der jüdischen Kriminalität fährt Herr Giese lediglich auf jenen Zwang zurück, der dem Judenthum durch die erbitterte antisemitische Stimmung des deuffchen Volte» a«ferlegt worden ist. Wenn der Antisemitismus wirklich nur so ideale Ziele, wie die sittliche Hebung de» Judenthum», verfolgte, so würde wohl jeder anständige Jude sich den Vereinen für Förderung des Antisemitismus mit Freuden anschließen. Es muß aber bestritten werden, daß der Rückgang der jüdischen Criminalität auch nur eine Folge der antifemitischen Stimmung ist, denn der Antisemitismus kann unmöglich erziehend« Wirkungen haben. Ich habe bereits auf den Antheil der Christen an den Delikten de» Betrug» und deS Betrugs im wiederholten Rückfalle hingewiesen. Die Steigerung dieses Antheil» fällt aber grade in die Zeit der Blüth« des Antisemitismus. — DaS Delitt der Körper- Verletzung zeigt ebenfalls eine abnorme Steigerung. Es sind bestraft wegen einfacher und schwerer Körperverletzung: im Jahre 1884: 67041 Christen im Jahre 1885: 70364 im Jahre 1886: 73425 » im Jahre 1887: 75227 im Jahre 1888: 73697 Die Zunahme der Gewaltthätigkeiten ist vielleicht auch eine Folge der antisemitischen Bestrebungen. Zur vollen Würdigung ihrer Gemeinschädlichkeit und Gemeingefährlichkeit wird man freilich erst gelangen, wenn die Fundamente der StaatSordnung zu wanken beginnen. Die Audenpresse. Was für ein erstauntes Gesicht würde wohl die »Germania", das führende katholische Blatt in Deutschland zeigen, wenn etwa Jemand V o l t a i r e 's Schriften zur katholischen Litteratur rechnen würde, weil ja Voltaire als Katholik geboren und niemals zu einem anderen Bekenntniß übergetreten sei? Wenn möglich noch etwas toller treibt e» die Presse, welche die Juden wegen der Haltung einiger liberalen Blätter verantwortlich macht. Im gewöhnlichen Leben nennt man den, der einen Glauben aufgiebt, um sich einem anderen anzuschließen, einen Abtrünnigen, einen Renegaten, man traut derartigen Leuten eine besonders starte, sei es wirklich empfundene, sei es äußerlich zur Schau getragene Abneigung gegen ihren einstigen Glauben und ihre einstige Glaubensgemeinschaft zu; aber wenn getaufte Juden ein liberales Blatt redigiren, so macht die »Kreuzzeitung", die »Germania", die .Post" die Jude n für jede Zeile dieses Blattes verantwortlich. So blöde ist die ,Germania" nicht, um aazunehmen, daß der Cheftedakteur des »Berliner Tageblatt»', Herr Dr. Levysohn, der eigentlich nie Jude gewesen und schon fest langer Zeit Christ geworden ish sich viel um da» Judenthum kümmert, wenn er an seinem Redaktionspult arbeitet. Schon vor einem halben Jahrhundert hat ein Borfahr des Dr. Levysohn dem Sohne, der um die Erlaubaiß zur Taufe bat, das boshafte, an eine Stelle im jüdischen Festgebete anllingende Wort geantwortet: »Um meinetwillen weigere nicht das Wasser.'*) Wir brauchen also den Dr. Levysohn gar nicht von unseren Rockschößen abzuschüttrln, weil er gar nicht an diesen Schößen hängt. Allerdings der Verleger des »Berliner Tageblattes" ist ein Jude. Aber es ist nun einmal so hergebracht, daß eia Verleger nicht ver-. - מכורי אל תמנע פיס <•