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Israelitische Wochenschrift · 1893-04-21 · 17 (21.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
17 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Mensche» lediglich daraus ankommt, «Ir er handelt, nicht na• er glaubt und welche« Stamm und Volt er onoehSrt. Nenn damals gesagt worden wäre, tu dem Land«, in welchem dieses Gedicht erschien, da wird »ach «ehr als hundert Jahre» eia« Bewegung entstehe», welch« dahin geht, die ganjca Greuel und Rohheiten des Mittelalters wieder aufleben zu laffen, das würde Lessing nicht geglaubt haben. Wen» da- «als Jemand gesagt Hütte, Agitatoren werden das Land durchziehe» und sagen: »Alles soziale Elend ist aus die Jude» znrückzusühren," da Hütte man ihn reis türt Irrenhaus erklärt. Der Kapitalismus, welcher weder christlich noch jüdisch, sondern international ist, braucht einen Sündeabock und deshalb find die Judenhetze» in Szene gesetzt morde». Dieses Deutschland, welches sich rühmt, an der Spitze der Menschheit zu marschieren, ha» es erleb«, daß am Rhein ein Prozeß sta'Isand. der seine Unterlage in dem sanatischen Glauben hatte, daß dir Jude« Ehristenlinder schlachten. Im Mittelalter, als di« Judenvers-lavngen begannen, da hieß es, eine Hostie Hab« Blut geschwitzt. Da müßt« ein Jude hiueingestochen haben! Wenn «ine Fanatiter dem dummen Polte ei»« solcy« Hostie ze-gir, dann hieß es .Hepp, Hepp!" und die Iudenhrtz« ging los. Dann sollten Juden wieder llhriste.1k.noer geschlachk. haben, um daS Osterfest zu begehen. Wer nur einige Kenntnist der Geschichle hat, weiß, daß es sich hier nur um Fabeln hani,rlt. Und man vergaß, daß der Stifter der chUstlichen Religion selbst ein Jude nar. <Hört) Für uns giebl es feine Judenfrag«, weder nach der religiösen, noch nach der Stammesfrage hu. Uns kommt es lediglich daraus an, war der Mensch ist. Glaube nnd Ra.ionaliiät find züsällig. Ei» Schurke ist ei» Schur»«, ob er Christ, Mohamedaner oder Jude ist, ob Franzose, Amerikaner »der T.u.scher. (Stürmischer Beifall.) Und wenn da ein Agi,a!or >m Laude herumzieht »ad sagt .Der Jude ist kc in Deutscher," so sage d'eiem Manne: ,Du bist ein elender utiwisieader Demagoge, Du weißt nicht, daß nir Leu.sch« auch ge.vandert und eia Mischvolk sind. Das deutsche Bolk hat das Blur der verschiedensten Völker in sich und das qi't soft von allen Kulturvölkern. Wenn wir sagen, die Jude» habin .ein Recht in Deutschland, weil sie eingewandrrl sind, so haben die Deutschen auch kein Recht." Rach längerer Polen,«? gegen das kopitalitische System schloß der Redner m.t folgenden Wor.en: ״Die antisemitisch« Bewegung hat ihren Höhepunkt erreicht. Gerade die Eheste «ne- Ahlwardt werden dafür sorgen, laß in rinflußreiche» Kreisen der Meute zurückgepfiffen wird. Ist «4 auch mögl'ch, daß diese schmählich« Bewegung in allen Theilen Lenlschlalldweitere Fortschritte macht, unsere Stellung ist in unserem Programm gekennzeichnet: Uns gilt nur der Mensch! Wir beurtheilen iu dem Geilte eine• Lesiing den Menschen nach seinen Handlungen. Ein Schurke ist eia Schurke, ein Edler ein Edler, ob er Deutscher oder Franzose, ob er Christ oder Jud ist. (Stürmischer Beifall.) Leipzig, 12. April. Eine sensationelle Enthüllung brachte der vor dem Landgerichte verhandelte Prozeß gegen den Hauptlriter der ״Neuen D.urschen Zeitung", Dr. Erwin Bauer, und Adolf Schroot, den verantwortlichen Redakteur. Unter Anklage stehen 9 Artikel über den Fall Buschhoff, in denen dem 1. Staatsanwalt Baumgart, de« Landgerichts- Rach Brixius und dem Vrrtheidiger Buichhoff's, Rechts- Anwalt Fleischhauer, die schwersten Parteilichkeiten ob ihres Verhaltens im Tantenrr Prozeß gemacht werden. Es wird wörtlich behauptet, daß die rheinischen Juristen Alles aufgeboren Hütten, um den des Mordes fest überwiesenen Schächter und Borbeter der Gerechtigkeit zu entreißen. Ueber die Ur- Heberschaft der Artikel befragt, erklärt Dr. Bauer: Er habe krank zu Bett gelegen, da sei ihm eines Tages durch einen Bekannten ein Herr vorgestellt worden, der sich mit ihm über dev Fall Buschhoff unterhalten habe. Der Mann habe sich als ein höherer Beamter des Justizministeriums vorgestrllt, nuu aber wiffe er, daß es einer der geriebensten Berliner ״Polizeispitzel"׳ gewesen sei. Den Namen zu nennen, solle inan von ihm nicht verlangen, denn er habe sein Ehrenwort gegeben, daß dies nicht geschahen werde. Thatjächlich aber sei dieser Polizeispitzel der Verfasser der sämmttichen inkriminirten Artikel, dir Bauer noch ganz erheblich gemildert habe. Der Vorgang würde durch einen Abgeordneten der antisemitischen Partei im Reichstage zur Sprache gebracht wer« dev. — Das Alles nützte dem Angeklagten aber nichts. Dr. Bauer wurde zu 6 LZocheu Grsängniß und 15V Mk. Geldstrafe, Schroot zu 320 Mk. Geldstraft oerurthcilt. Oest<Kreich-U»gar«. Kak», 14. April. Etwas xoat teainrv d. h. nach dem Osterfeste ist hier rasch noch von gewissenlosen Hetzern ein ״Rirual-Mord-Exzcß* insrcnirt worden. Hier ein kurzer Bericht über das ThatsSchiiche: Am 10. April wurde der Leichnam eines Dienstmädchens au» der Elbe gezogen, welches vor etwa fünf Wochen aus seinem Dienste bei einer hiesigen jüdischen Familie verschwunden war. Dc>S Mädchen hatte sich nach dem Ausspruche seiner Angehörigen mit Selbstmordgedanken getragen und war zweifellos in die hochgeschwollenen Fluthen ver Elbe gesprungen. Trotzdem zirkulirten sofort in der Stadt die ungeheuerlichsten Gerüchte, und da» hier erscheinende jungezechische Organ ,Polaban* stachelte die Menge durch die Behauptung auf, daß die Juden an dem Mädchen einen rituellen Mord begangen hätten. Als der Leichnam des Mädchens am 10. April von Arbeitern beim Sandausheben aus dem Flusse gezogen wurde, fand man ihn ganz unvecsrhrt. Trotzdem brachte der .Polaban" einen Bericht, in welchem behauptet wurde, an dem Leichnam seien solche Verletzungen und Schnitte konstatirt worden, daß man auf einen Mord schließen könne. Die betreffende Nr. wurde zwar konfiszirt, aber einzelne Exemplare gelangten doch in'S Publikum, und dies führte zu den Ausschreitungen vom l l. und 12. April. Es rotteten sich Tausende vo» Menschen a!׳f dem Ringplatze und in den benachbarten Straßen zusamme.r, schlugen die Fenster ein und schrien: »Schlagt die Juden todtl Hängt sie auf!* Das es nicht zu ärgeren Exzessen kan-, ist nur dem energischen Vorgehen der verstärkten Gendarmerie zu verdanken, welche die Menge immer wieder mit gefälltrvl Bajonnet auseinandertcirb und die Hanptschreier verhaftete. Den ganzen Tag kamen die gräblichstrn Beschimpfungen und Mißhandlungen der Juden vor. K,nder und Frauen wurde»« von Bube» und Erwachsenen geprügelt, mit Steine» beworfen und dadurch verletzt. Gestern Abend wiederholten sich die Unruhen aus dem Ringplatze und vor dem Rathhause. Auch die Gendarmen und Polizisten wurden angegriffen und mit Steinen geworfen. Kolin, 15. April. Heute Nachmittag erschien folgende Publikation: Mitbürger! Seitens der k k. Bezirrnhauptmannschast lftsolgender Erlaß an mich herabgelangk: »Bei der Obduktion des Leichnams der Marie Kavlina, welche die Commission de» k. k. Bezirksgerichtes, destehend aus dem Richter und den GerichiSärzien Dr. Sit und Dr. Step pan, vorgenommen hat, wurde constatirt, daß an dem Leichnam der Marie Kavlina keine Merkmale einer Berletzung oder Gewaltanlegung vnrgefunden worden. Es wurde im Gegenth-ile fest» gestellt, daß Marie Kavlina durch Ertrinken und zwar durch Selbstmord, den Tod gesnnden hat und daß der Leichnam schon fünf Wochen im Wasser gelegen sein muß, weil au den Kleidern Ueberrest« von rothem Thon gesunden wurden, wie ihn das damalige Hochwaffer mit sich führte. I« fordere den Herrn Bürgermeister auf. er möge das Ergerniß der Obduktion mit dem Zusatz« beianntgeb:», daß laut des Obduktion-Befundes alle Gerüchte, welche über die Ermordung dieses Mädchens in Umlauf gesetzt werden, unwahr sind und jeder Begründüng «ntbehrr». Es »ft daher di« Weiterverbreitung dieser Gerüchte als eine böswillige Irreführung der Bevölkerung zu bestrafen." Diesen Erlaß bring« iw zur allgemeine» Keantniß und mache aufmerksam, daß di« Verbreitung unwahrer und aufrührerischer Ge» röchle nach K 308 St. G. mit Arrest in der Dauer von drei Tagen bis drei Monaten bestraft wird. Kolin, 15. April 1893. Der Bur» germeister: Dr. Anton Ctv in. Dieser Auftuf wurde publicirt, in die Häuser herum» getragen und auf den Straßen an Personen vertheilt. Die Stadt ist augenblicklich ruhig, doch wollen die Bedrohungen und Beschimpfungen der Juden aus den Straßen kein Ende nehmen. Sogar Kinder (darunter der Sohn eines Lehrers in, Alter von 10 bis 12 Jahren machen ihrer antisemitischen Erziehung alle Ehre. Das hierhercommandierte Militär wird über den 1 Mai hier bleibeu und auch nach den umliegenden Ortschasteu dislocirt werden, was in der Thal dringend noth- »vendig erscheint, deiin es kommen jetzt au» der Umgegend von Kolin Nachrichten über Gewaltthätigkeiteu g.genJudeu. "Zßraß, 18. April. (Telegramm.) In der Umgebung Kolins finden noch täglich Gewalthätigkeitrn gegen die Juren statt. Die Kotiner Agitatoren fahren in den Dörftrn um» her und Hetzen die Bevölkerung; hierin zeichnen sich besonders 2 Kolincc Lchiei innen aus. Die Ortsvorsteher antworten ׳ den sich beklagenden Jude«, es würde noch beffer kommen.

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