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Israelitische Wochenschrift · 1893-04-21 · 17 (21.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
17 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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fe&nt, den« aU vor hundert Jahren unsere Nachbarn -Wefwn bei der radikalen Umgestaltung der staatlichen Ordnung auch einen neuen Aalender einführten, setzten sie gleichfallden Jahresausang in den Herbst. Aber auch im Frühling beginnt eine neue Ordnung und besonderdie Schule schließt und beginnt ihre Arbeit Wieder, zur Frühlingszeit. Die Schule aber greift in unfern Logen in Staat und Familie viel tiefer hinein, als diefrüher der Fall war. Wie lange ist eher. da ׳vuchder bei weitem grüßte Theil der Menschen fast ganz ohne Nntklricht auf; Schreiben und Lesen ivaren Künste, durch deren Hebung einer über di« Menge dervorragte, und das wirth׳ schaftliche Uebergewichl, daß die Juden trotz aller Bedrückung vo. Zeiten über ihre Umgebung errangen, ist zum Theil damit zu erklüren, daß unter Juden fast Alle irgend eine Schrift schreiben und lesen konnte»; dadurch tourde ihre geistige Entwicklung gefordert und sie gewannen einen Vorfprnng im wirthschastlichen Verkehr. Heute jedoch ist zum Segen für die Völker in allen rivilisirten Landen die allgemeine Schulpflicht ringrführt und UieLrrcht wird man in künftigen Zeiten unser Jahrhundert «ehr noch wegen dieser socialen Fortschritte, als wegen seiner großen Erfindungen und Entdeckungen ehren. So sehr wird der Segen der öffentlichen Schule in allen Kreisen empfunden, daß ein deutscher Kaiser seine Söhne in eine öffentliche Lehranstalt geschickt hat und eS gereicht unserm aegenwärtig regierenden deutschen Kaiser sicherlich nicht zum Schaden und nicht zur Schande, daß er wie jeder andere deutsche Bürger aus oer Schulbank gesessen hat. Au» der Schule sprießt der Familie Freude und Sorge. Im Verein mit den Genossen lernt das Kind snne Kräfte kennen und recht schätzen. Ein neuer Gegenstand stellt an seinen Verstand, an seine Fassungskraft erhöht! Ansprüche und der Wille de- Schülererlahmt zuerst gegenüber der neuen Ausgabe, da sieht er, wie die Andern sich mühen und eS erreichen und sein Eifer erwacht, er nimmt einen neuen Anlauf und kommt gleichfalls an- Ziel. AndcrerseitS entreißt ihn die Schule der Gefahr sich zu überschätzen, er erkennt die Grenzen seiner Kraft an dem, was die Gefährten leisten, während der Prstatunterricht leicht zur Ueberhebung verfübrt. Die Eltern heben an der Schule einen meist untrüglichen Gradmesser. Elternliebe übersieht die Fehler und vergrößert die Vorzüge und möchte doch gern wieder klar und deutlich sehen um in der Erzieh- »ng nichtzu versäumen. Da kommt die Schule und meldet den Eltern das nüchterne und dennoch nicht lieblose Urcheil unpartheiischer berusStüchliger Menschen und giedt der HSuSlichen Erziehung Halt und Richtung. Bon dem Augenblicke, wo da» Kind in die Schule zieht, enicht mehr ganz den Eltern; dageht so mancher utter tief in« Herz, aber der Mensch lebt nicht ausschließlich sich und den Seinen; er ist ein sociales Geschöpf und jeder Mensch gehört der Menschheit. Wenn die Ernte abschließt, so sind die Empfindungen verschieden, denn der eine hat eine volle Scheue.׳, der andere hat nur wenig eingefahren; aber rasch reiht sich an die Ernte die Aussaat und die Arbeit für die Zukunft leidet, wenn wir allzu lange Erwägungen über die Vergangenheit anstellen. Dagilt auch für Schluß und Beairn des Schuljahrs. Reue ist das unfruchtbarste und Besserung allein ein einträgliches Geschäft. Nicht sich ärgern, sondern sich bessern sollen diejenige», die ohne Erfolge dos alte Schuljahr beschlossen haben. Die Weisen Israels sind so begeiste't für öffentliche Schulen, daß sie ausdrücklich erklären, ein verständiger Mann dürfe garnicht in einem Orte wohnen, in dem es keine Schule» giebt. ,Jerusalem ist nur zerstört worden, weil «an auf dir Volksschulen nicht Acht hatte", w.'il die Gelehr« len in ihrer hochmüchigen Weisheit nur unl tiefe wiffrn« schaftliche Studien sich kümmerten, nicht aber raran dachten, i einen breiten Strom de- Wiffenin'S Volk hineinzuleiten »Die Welt besteht nur um der Worte Willen, di« von unschuldigen Kinderlippcn in den Schulen gesprochen werden*. Und mit strengen Worten sagen sie, eine Stadt, in der es keine Schulen giebt. verdiene, daß inan sie vom Erdboden vertilge. Aber das Wissen soll kein Vorrecht derer sein, denen ein grotzcr Besitz es erleichtert Lehrer und Lehrmittel zu finden. Der Talmud mahnt: .Achtet auf die Kinder der Armen, denn von diesen gehl die Lehre aus; Achter auf die Kinter der Unwissenden,denn von Ihnen geht die Lcbre aus," die Wissenschaft ist kein Erbgut, baS sich wie Geld und sonstige Hmbe vom Vater auf den Sohn überträgt» sondern nicht selten läßt Gott, der volkSthümlicher ist als die Menschen, eine glänzendc Kraft aus dem Kinde eines Armen und Geringen aufsprießen, und erweist sich auch dadurch als der Allgütige, ״der aus dem Staube den Armen aufrichtet, vom V^den den Dürftigen erhebt". Darum sollte jeder, der berufen ist, eine Gemeinde zu führen, auf jedes Talent achten und ihm den Weg ebne», der in die Hallen der Wissenschaft führt. Unsere Alten sagen: wenn Gott die Armen zur Rechen« schast deswegen fordert, daß sie sich nicht der Wissenschaft gewidmet haben, so macht R. Akiba ihnen dieVertheidignng schwer. Die Armen sagen: wir haben Sorge »m's Brod, um das Nothwrndigste, eS wird uns schwer genug den Hunger abzuwenden, den Körper vor Schaden zu wahren, wo sollten wir die Zeit und die Gemüthsruh« gewinnen, um uns mit höheren Lelensfragen zu beschäftigen, ivie sollten wir unsere Kinder zum Quell des Wissens führen, da wir kaum Speise und Trank ihnen reichen konnte,׳. Dagegen sollte man meinen, läßt sich gar nichts einwenden. Da wird R. Akiba ansstehe,1 und sie widerlegen; er hatte bis zu seinem Mannesalter in den Tag hineingelebt ohne Pflege des Griftes, spät erwachte in ihm der Wissenstrieb, er lebte in großer Dürftigkeit, das hinderte ihn nicht, daß er mit seinem eigenen Sohne in dieselbe )schule w2״> derte, um für sich da« Versäumte nachzuholrn, um sein Kind vor dem schlimmsten Mangel, vor dem Mangel an Wissen, zu schützen. Und wie R. Akiba, so haben in alter und neuer t' nlß zu stillen' Diese Bedürfnißlosen sind dann nicht selten durch ihren Grist und ihren Charakter dir Lehrer der Menschheit geworden. Lernen ist dem Juden eine religiöse Pflicht; das erste, was wir im täglichen Gebete von Gott heischen, ist Weisheit und Lrkenntniß. ,Ein Mensch, der weise ist. ,ft ein Heiligthum." Und vollend» sollten wir religiöse- Wissen pflegen, weil dieses mehr als alles Andere den Charakter bildet. Denn das Wissen allein gibt ja dem Menschen noch keine» Werth; unsere Alten haben dafür ein treffend,» Gleichnis: es steht ein Hau», mit herrlichen Schätzen gefüllt, u,n dieses HauS zieht sich eine Mauer, mit einem mächtigen Thore; aber dieses Thor und dieses HauS ist verschlossen; voll heißen Verlangens nach diesen Schätzen steht «in Wanderer am Eingang und kann sein Sehnen nicht stillen. Da tritt Jemand an ihn hcran und überreicht ihm einen Bund Schlüssel mit den Worten: diese Schlüssel öffnen Dir alle Thüren des Hauses; flog» stürmt er. an die Pforte, aber siehe da, keiner der überreichten Schlüssel paßz bis er enttäuscht erkennt, daß ihm gerade der wichtigste L-chlüisel fehlt, derjenige, der ihm das Thor öffnet, da» ihr zum Häuft führt. So liegen die Himmelsschätze, alle die idealen Güter, wohl verwahrt; GotteSlurcht u >d Charaktertücht gkeit ist der Schlüssel zuni äußern Thore; Wissen öffnet die Pforten des eigentlichen Schatzhauft»; was sco-nmt uns nun da« Wissen ohne die Tugend! Religion ist in ihren« innersten Kern Sache der

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