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Israelitische Wochenschrift · 1893-04-21 · 17 (21.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
17 (21.4.1893)
Date
1893-04-21
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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,Empfindung, de-vemüthe»; aber viele« an ihr kann erlernt werden; da» Gemüth kann durch da» Wissen von der Religiou, zum Empfinden der Religion, zur Religivfität erzogen werden. Die heilige Schrift, die Geschichte und die Litteratur Israels, unsere Gebete, unsere Gebote bieten hierfür einen schier unerschöpflichen Stoff. Da gilt ti beim Beginn eine« neuen Schuljahre» Mancherlei zu erwägen. Zuvörderst muß die Religion früh in dem Herzen de« Kinde« Herrschaft gewinnen; früher noch al» der Lehrer mutz die Mutter die heilig-hohen Vorstellungen, die rührend-einfachen Geschichten in die Kindesseele pflanzen; da« Kind muh cs vor dem Abe erfahren, daß e» das Wichtigste ist brav und gut zu sein und wie jene biblischen Vorbilder zu Gott oufzuschauen. Sodann sollen die Eltern sich hüten, den Unterricht in der Religion als einen Gegenstand zweiter Ordnung anzUscheu; dadurch verderben sie die Kinder nnd die Frucht des Unterricht«. Es hat nberhaurt eine eigene Bewandtniß mit der Rangordnung der Lehrgegenstände. Im ganzen Lande hält man. soweit d׳e Fortschritte der Schule in Betracht kommen, die Kenntnih der Natur nnd ihrer Gesetze für gei ingwci thiger als die grammatischen Regeln und die Vokabeln einer erlös lenen Sprache. Wer nicht im Bann dieser Perhältnisse lebt, wird die« kaum für möglich halten. Das Lernen ist eine ernste Aufgabe; drauhen linkt der Frühling, aber hinein ein die Schulstube ruft die strenge Pflicht; freudiger genießen wir die Freiheit in ver Natur nach den Stunden tüchtiger Arbeit; frühzeitig soll der Mensch es erfahre», daß da» Leben eitel und inhaltslos ist, wenn es rin müheloses Genießen. So wir allmählich das Lernen selbst ein Genuß und eine Freude; der Weise kennt keine höhere Freude! Ihm ist die Arbeit des Geistes Pflicht und Genuß und Gottesdienst, Alles in Einem; möge die Schule recht Biele zu solch hohem Ziele führen. 8. X. ' Bo» unser» Boikschötzen ab geschüttelt'. Ein gläubiger katholischer Freund, der aber der Juden- Hetze durchaus ablehnend gegenübersteht und der mir oft seine volle Entrüstung ausgesprochen, wenn in den Hetzblättern und Zeitschriften die Juden für Sünder und Mißstände verantwortlich gemacht werde», die sie gar nicht oder doch nur individuell, nicht aber als Juden verschuldet haben, brachte mir gestern voller Entrüstung die Abendausgabe des ״Berl. Tageblatts" vom letzten Sonnabend und lud mich ein einen Artikel ״unter dem Strich" — ,Sehnsucht" betitelt — zu lesen, in welchem ein neues Werk Julius Harts besprochen wird, welches den gedachten Titel führt und welchen der Artikclschreiber nicht geschmackvoller rinzu» leiten weiß, als mit nachstehenden rohen Ergüssen über den eben in Berlin weilenden bekannten Pfarrer Kneip aus Wörrishoven: »Hurruh, hurrah, hurrah! AuS dem Ihorbogen der Philharmonie, wo die beiden blauweizen elektrischen Lampen suntetlen, wie die saia- Nische« Augen einer Riesenbestie, sührt« und schleppte man de.» Pfarrer Kneipp hinaus. Zwei begeisterte Jünger hatten ihn untergefaßt und zogen ihn säst gewaltsam vorwärts, und dem dickbäuchigen Londpsarrer saß der Hut im Genick and das rorhe, seifte Gesicht erglänzt« im Rausch diese« Triumphe-. Sr kounle nur immer mit dem S,ps« nicken, und al« er in die Droschke einsteigen wollte, fand er zuerst, so benebelt vom Siege und umjubelt und umdrängt von all' den Menschen, das Trittbrett nicht und seine Freunde mußte» ein wenig »achhelsen. Und die Menge, welche die Straße wie eia schwarzer See überstuthet«, schrie Hurrah und noch einmal Hurrah und zu« dritten Male." Mein Freund hatte kciiterlei Bemerkung daran geknüpft. Ich wußte aber in der Thal nicht mit meinen Augen zu bleiben. Ist es denn nölhig und billig, einen Manu von zweifellos großen Verdiensten um Tausende von Leidenden, einen Mann, der seit Uncin Mcnichcnalter in uneigen- » ü tz i g st e r Weise einer großen Zahl von Leidenden Lindrrung nnd Gesundung verschafft, der ohne jede Voreingenommruheit Jüdin und Christen, Protestanten wie seinen Rath und soweit es in seiner Macht steht» sei Beistand ang«d:!hen läßt, in so geschmack- und taktle Weift zu besudeln'? Und muß dadurch gerade «in im Eigen thum und unter starker Mitorbeitnng von Juden stehend Blatt sich unrühinlich Hervorthun? Hat nicht gerade Her י Rudolf Masse, durch den srirolen, klatschsüchtigen, aofbau-'' schcnden Ton, und die oft in den schmutzigsten Winkeln ons-^, gestöberten .sensationellen Neuheiten" seine» Blatte», die erH dann vielfach in der Folgepummrr als unwahr zurücknrhmeu muß, durch den zufälligen Umstand, daß er durch seine Ge«" butt dem Judenthnm angehört, schon genug dazu beigetragen, Antisemiten zu fdjaffea und das Feuec in der antiftmitische» lij Esse zu unterhalten? Wo log hier die geringste Nöthigung in ti.icm so gkhüssigcn, unschönen, geradezu widerwärtig«» Ton den verdienstvollen und mit Recht hock^eschätzten Mann in die vorerwähnte Besprechung eines Hart'schen Romaa» hinein zu zerren? — Freilich war mein katholischer Freuud einsichtig genug, sich zu sagen, daß wir auch an eine« so unflätigen lvebahren als Juden keinen Antheil Hab:». daß die jüdische Gemeinschaft als st lche auch gar nicht in der Lage ist, hierin Herrn Masse und seinen Handlanger» A das Handwcrk zu legen, daß wir überhaupt gar nichts dagegen machen können, als daß wir — wie hiermit geschehen — die geschmackvolle Geistrskost, welche Herr Rudolf Masse seinem Äserkreis darbictet — an dieser Stelle nie» d r י g t r gehängt haben. Berichte und Correspondenzen. D«utf«t>l»nd. Magdeburg, 16. Apri>. Ein Freund unsere» Blatte» aus Oesterreich, der früher lange Jahr« in Preuße» ge» lebt hat, schreibt uns: ,Ich hätte nicht geglaubt, daß die freisinnigen Wähler in Deutschland so schnell fertig mit dem Urthril über Ihren 8. K.-Artikcl zur Militärvorlage geworden wären, noch weniger, daß sie ihn so klipp und klar verurtheilt hätten. ES steht ja außer Zweiftl, daß die Juden dem LiberaliSmu» viel, ja alle» zu verdanken haben. Aber eben so un« zweifelhaft ist ihre Dankbarkeit. Dieft ist so weit gegangen, daß dft Juden darüber ganz vergeffen haben, daß und wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Seit 20 Jahren hat man, und gerade zurrst in Deutschland» wieder die Juden entdeckt. Wer von ihnen Schuster oder Schneider war, wurde plötzlich der jüdische Schuster und der jüdische Schneider. Und dem Volksvertreter, wenn er ein Jude war, erging es nicht besser. Wem will man denn heute noch weiß machen, daß der Antisemitismus nicht durch da» Auftreten des seligen Lasker in der bekannten Eisenbahnangs-;3 legrnheit und durch seine Opposition gegen Bismarck serne ׳ ersten Impulse erhalten hat. La»krr dachte gar nicht darauf daß er al» Jude im Parlamrot sitze, aber Fürst Bismarck/ entdeckte ihn als solchen, al» er ihm unbequem wurde. Und! wenn «in Jude unbequem wird, werden e» alle. Da» ist eine alte Geschichte, über die man sich au» dem Buche Esther vergewissern kann, und die sich matati• matandis auch in. der neulichen. Bemerkung de» Grafen Mirbach gegen Bau»- berger wiederholt hat, daß des Letzteren Verhalten in der WährungSftage von seiner jüdischen Coufesst oa bestimmt werde. I Wenn also der jüdische Abgeordnete immer bei seiner Lonfrssio« gefaßt wird, so ist e» doch lächerlich, wenn er selbst sich fa־; zu sagen nicht zu erkennen giebt, un» e» ist noch lächerliches K" wenn er die schlimmen Folgen dieser eigenthümlichen Selbst- Verleugnung übersieht. ׳ A- ES ist also für die Juden gewiß eine reiflich zu Über-M - legende Angelegenheit, wie sie sich zur Militärvorlage verhalten sollen. Die Juden werden, da» lehrt die Vergangenheit,!; schließlich doch die Prügelknaben sein, und an der Pfanne N

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