Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 14/15 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Miefen kann. Derselbe hat bi» jetzt LI Linder unter seine Obhut genommen. Der Bericht hebt ausdrücklich hervor, daß Besuche au» solchen Gemeinden abgelehnt worden sind, wo nachweislich die von dem Verband an dortige besser fituirtt Glaubensgenossen gerichtete Bitte u« Beitrittserklärungen unerfüllt «blieben sind. Es ist da» eine Mahnung an unsere wohlhabenden Glanben-genoffen, ihr Scherflein zu der guten Sache beizusteueru. Die Einnahmen beziffern sich auf Mk 10 218,65 (darunter Reinertrag von 2 Tonrerten Mk. 1896,58). die Ausgaben auf Mt. 9134,03. Möge dem segensreich wirkenden Verbands eine immer größere Schaar von benragendea Mitgliedern sich anschließen. H?«se», 21. März. Da» Märchen vom Ritualmord Hütte gestern Abend hier beinahe ähnliche ttaurige Erscheiaangen gezeitigt, wie vor 2 Jahren in Tanten. Der Arbeiter Max Przychalla wollte gleich nach 8 Uhr den kleinen dreijährigen Jungen eines seines Verwandten nach seiner Wohnung, Breslauerstrahe 10/11, bringen Er hatte, d, der Lleine laut schrie, denselben auf seinen Arm genommen und suchte ihn so viel als möglich zu besänftigen. Sein eiliger Sehritt wie sein etra» jüdische» Aussehen müssen nun wohl den Verdacht der Passanten erregt haben. Es verbreitete sich nämlich mit Blitzesschnelle in der Straße das Gerücht, daß das Kind entführt sci und von den Juden zu Ritual» zwecken geschlachtet werden solle. Im Augenblick hatten sich Hunderte angcsammelt, die auf den Mann eindrangea und demselben den Lnaben zu entreißen suchten. Der Arbeiter wurde zu Boden gestoßen und er wäre schwerlich mit dem Leben davongekommen, wenn nicht die Polizei dazwischen getreten und ihn vor der Wuth der Menge geschützt hätte. Erst nachdem die Schutzleute, welche den Mann «unten, die Leute über den Sachverhalt aufgeklärt hatten, gelang es, die Ordnung wieder herzusiellen. Przychalla hatte indessen derartige Verletzungen davon getragen, daß er nach de« städtifclien Lrankrnhau« gebracht werden mußte. Diese» Vorkommniß wirst ein interessantes Licht auf die Entstehung derartiger Beschuldigungen, wie sie ist dem Buschhoff-Prozeß eine Rolle gespielt haben, wie auch — und das ist für uns Posencr beschämend — auf da» Bildungsniveau eines Theiles der Bevölkerung unserer Stadt. Vom Anter-Kksaß, 27. März (Or.-LorreSp) Dem zweiten Jahresbericht der.Israelitischen Versicherung»- und Unterstützungs-Lafle für Witnven und Waisen der Rabbiner und Beamte» in Elsaß Lothringen' entnehmen wir die er» freuliche Mittheilung, daß die reich-ländische Regierung der ,Versicherung»- und Unterstützungskasse' einen jährlichen Zuschuß von 2000 Mark bewilligt und daß Herr Lazarus La atz, Präsident des Israelitischen Eonsistoriums des Ober- Llsaß, der schon bei der Gründung der .Versicherung»- und lluttrstützungskasse" eine Summe von 4000 Mark als Gründungssond gespendet und zu einem jährlichen Beittag vou 400 Mark sich verpflichtete, die Erklärung abgegeben hat, im Falle daß die ,Versicherung», und Unterstützung-kaffe' ihre Lhätig'eit auch aus die der Vorsänger auSdehnea tolle, eine zweite Summe von 4000 Mark nebst einen jährucheu Beitrag von 400 Mart zukommen lassen zu wollen. Das Vermögen der «affe beläuft sich beim Jahresabschluß aus 9724 Marl Da» Berwalmngs-Lomits steht mit Bernoueu der weiteren segensreichen Entwicklung derselben entargen und ladet alle noch Fernstehenden zum Be׳tntt ein. Rur wenn sämmttiche Rabbiner und Beamtt der Reichslande beitreten, kann Gedeihliche« geleistet werden. Bis jetzt sind erst LS Rabbiner Mitglieder. OeEetteMHUlMita. Aus Hrq wir» uu» berichtet: Rosegger antwortettdem Verein zur Abwehr de» Antisemitismus auf seine Ernennung zum Ehrenmilgtiede, daß er e» lieber gesehen hätte, daß man iho nicht gewählt, da nach seiner Meinung ein Schriftsteller sich mit keiner Partei offiziell verbinden dürft damit die Freiheit seiner persönlüten Ueberzeuguug vollkommen gewahrt Meide, «a» die Judensrage andelaugt. so sei er kein Fraksl^' einer volkswirrhschaftliche» Richtung, die so wesentlich von dem Judenlhum beeinflußt wird. I» Uebrigen aber ve» Mete es ihm die Ge'chichtt der Philos whie nur des Ehriltewthum«. zwische« Menschen und Menschen eineu Unterschätz grundsätzlich zu mähen. Er hasse glühend die heute und besonder» in großen Städtta so gewissenlos und abscheulich' betriebene Juden Hetze und au» diesem Grunde nehme er die ihm zugedachtt Auszeichnung an. ffirofMMinlM. ,London. Im Anschluß an die erfreuliche und nachahmungswerthe Thatsache, daß da- Parlament-mitqlttd, Sir John Goldsmrd Varonet, vor einigen Wochen in der West London Synagoge die «anzel bestieg und eine erhebende Pttdigt hielt, äußertt sich da- »Jen» Thron." über derartige religiöse Borttäge wie folgt: Die sogen. Laienpredigt ist im Judenthum nicht» Neue»; sie ist vftl eher die Wiedererneuerung einer Hindlung, w.'lche so alt ist uad so lauge fortgesetzt wurde, daß man sagen könnte, sie habe gleiches Alttr mit der Geschichtt des Jadmthnms. Bon dem Augenblicke an, in welchem nach dem Berichte in Numeri der göttliche Gesetzgeber ausgefordert wurde/ darüber zn entscheiden, ob es einem gewiffen Manne ge» stattet ftln sollte, im Lager zu predigen, worauf jenerantwortete: ,Wer gäbe, daß da« ganze Volk Gottes Pro» phrten wäre!" (Kap. II, B. 29) bis zum gegenwärtigen Jahrhundert gab eS unter den Juden keinen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien. In der Thal sind auch, soweit Jaden dabei in Betracht kommen, die Bezeichnungen ,Geistliche" und,Laien" unzutreffend: die Unte» scheidung und Annahme deftr Bezeichnungen sind in Wirk-, lichkeit Produkte der heutigen Generation und können weder au» der Geschichtt der Hebräer noch au» der Tradstiou ihre Berechtigung Nachweisen. Unser Volt wurde durch alle Jahrhundert«/ insofrr» man kiue jüdische,Geistlichkeit" und keinen jüdischen,Laie»-, stand" kannte, nur als ein ,Reich von Pcftsttra und eiae heilige Nation" unterschieden. Mlt Ausnahme der besoaderen Funktionen und Verbote für Ahronioen, gibt eskeinen rituellen Act in unserer Religion, der nicht vou jedem Mitglied« der Gemeinde, vorausgesetzt, dag es di« nöthige Befähigung besitzt, vollzogen «erden könntt; am allerweni isten ist die Fnattion des Predigen» hiervo» ausgeschlossen Einige der heiligru AmtSvorrichtungen der jüdischen Religion werde«, wenn überhaupt, doch nur selten von einest Rabbiner oder Preoiger vollzogen, besonders di« Funktion der Beschneidung, des Schofarblasens, de« frierlichen Priester fegen» a. s. w. Dir traditionellePcatzi« de» Aufrufen», da« zum Zweck hat, aus den Büchern Moses und der Propheten vorzuleftu, ist da» bestt Zengniß dafür, daß die Absicht vorliegt, so viele Personen wie mügsich au der Vollziehung der gottesdienstlichen Fuactioueu theiluehmen zu lasten. Die Rezitirung des Äochenadschuitt»- durch dtt Barmizwah ist eia Ueberbleibsel des alte» Gebranche», nach welche» der Aufgerufta« den Abschnitt in derselben Weis« las,Awie die Haphtarah heute noch gelesen wird. Was aun da« Predige» betrifft, so solltt hierbei nur auf dtt Befähigung der Person gesehen werde». Dtt Gepflogenheit, diese Function auf eine» desondern Ocde» oder Staub zu beschränken, ist, im Grunde genommen, uaklug. Ob der Vortrag in einer Homiltt oder eiarm histo» rischen Diseurs besteht, da- Jnttresse und dtt Wirksamkeit dessetbeu müsse« absolut vou der Befähigung des I»- diviouum» adhäagea, vou welchem er gehalten wird. Der Umstaad, daß eia Maua sich '/4 Jahrhundert lang rühr>A ia der Arena der Polittt herumgrtummelt hat, ve»hiuven ihn nicht uothweudig, auch einen reiche» Schatz des Best^ auf de« Gebiete der Rcsigloa in s«»e« wahrhaft