Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 12 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492344-5935087-5962202--1496-5375596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Htafiotmß, 9. März. Die 11. General-Bersammlung de« Verbände« der Synagogen-Gemeinden Ostpreußen« tagte gestern hier. Dieselbe war äußerst zahlreich besucht. Nach einer warmen Ansprache de« Brrbandsvorsteher« Stadtrath Eichelbaum-Justerburg und der einstimmigen Ernennung de« früheren langjährigen Verbandsvorsteher- Stadtrach Eldsser zum Ehrenmitglied« wurde in die reichhaltige Tagesordnung eingetrtten. NuS derselben heben wir hervor: 1. Den Bericht über die BerbandSverhältniff«, nach welchem fast sämmtlich: 55 Gemeinden der Provinz dcmselben beigetreten sind. 2. Den Bericht über die vom Verbände eingerichtete und sehr Segensreich wirkende Inspektion über den Religions-Unterricht in den Berbandsgemeinden, 3. da« Protokoll der im vorigen Jahre stattgefundenen Konferenz der jüdischen Religionslehrer der Provinz, 4. Bewilligung von Subventionen an eine Anzahl kleiner Gemeinden und 6. den Bericht über die Hilf«- lasse für die Hinterbliebenen der Beamten der Gemeinden. Hauptgrgenstand war endlich 6. ein von Herrn Rabbiner Dr. Bamberger gehaltener Bortrag über die Ausgaben de« Judenthums in unserer Zeit. Der Boitrag gipfelte in dem Gedanken und schloß mit der Ermahnung: unbeirrt durch die Angriffe der antisemitischen Agitation, gemäß den Ueberlieferungen der jüdischen Religion, an der Treue zu König und Vaterland, an der Bethätigung strengster Sittlichkeit und Rechtlichkeit, sowie reinster Menschenliebe festzuhauen. Da« auf die Berhandlungen folgend« Festmahl wurde durch einen von Rabbiner Dr. Rülf auSgebrachteu und begeistett ausgenommenen Toast auf den Kaiser eröffnet, demselben folgte noch eine Reihe ernster und heiterer Trinksprüche. Die nächste General-Versammlung soll auf Einladung der Syaagogengemeinde Tilsit zu Pfingsten 189t daselbst stattfinden. OeOe»reick>-U«g«r». Kellescha« Mähren). In großer Aufregung hat sich seit dem 19. November v. I. die hiesige Bevölkerung befunden. An dem genannten Tage verbreitete sich da- Gerücht, daß in dem Hause des Häute- und SchnittwaareuhLndler« David Tandler eine drei Tage vorher in den Dienst getretene Magd Namens Caroline Staniek Nachts in ihrem Bette von mehreren jüdischen Jargon sprechenden unbekannten Männern überiellen, gebunden und in den Hos des Hause» geschleift worden sei, wo es ihr aber gelungen sei, zu entwischen. Die von der Behörde ringcleiteten Erhebungen ergaben, daß di« Magd allerdings in der betreffenden Nacht gegen l Uhr mit gebundenen und etwas zerkratzten Händen zu einer Dienstver- Mittlerin gekommen war und hier vou dem Ueberfalle erzählt hatte; trotzdem sich Umstände herausstellten, die dafür sprachen, daß die Geschichte nicht wahr sei, dauerte in der Bevölkerung die Auftegung gegen David Tandler fort. Etwa am 27. Januar ging ein Weib (aus Buchlowitzin Holleschau betteln, und kurz darauf erzählte sie bei dem Gemeindevorsteher in Wschetul, sie habe in einem Hause in Holleschau gebettelt, wo man sie Hobe adschlachten wollen, und diesem Schicksale sei sie nur durch schleunige Flucht entronnen. Diese Erzrchlung der BetÜerin wurde der Gendarmerie mitgetheilt, welche die Anzeige bei Gericht erstattete, und es wurde nach der Frauensperson geforscht, die erst nach längerer Zeit ermittelt werden konnte. Auch diese Bettlerin richtete chre Beschuldigung gegen David Tandler. Er, sowie sein Sohu Fritz und der be! ihm beüienstete Tagelöhner König wurden am 24. Februar in Cullosionshast genommen. Die Ergebnisse der Untersuchung bestättgten jedoch nicht die Angaben der BetÜerin, und so wurden Tandler, sein Sohn und der Tagelühner wieder aus der Hast entlassen. Die Aufregung i» der Bevölkerung dauerte aber gleichwohl noch weiter fort. Zusammenrottungen vor setncmHaust mußttn durch Äendarmeu aneinander getrieben werden. Welch verwerflicher Mittet sich aber die Agitation detonte, um der Gehässigkeit gegen die Juden iuuner neue Nahrung z» geben, betseist tm anderer Vorfall, der sich während der gegen Tandler geführttn Untersuchung ereignetes« Sonntag, den 26. Februar, Morgen«, wurde in Holleschau da« Gerücht verbreitet, daß die Tochter eine« Eisenbahn- Bediensteten verschwunden sei, und gleich war man wieder mit einem neuen Verdachte gegen b* Juden bei der Hand, bis Abend« ei« an die Eltern de« vermißten Mädchen« gelangte« Telegramm an«!igte, daß dasselbe sich zu den Großeitern nach Uugarisch-Hradisch begeben habe. Henris. Der Oberrabbiner von Frankreich erläßt ein Eircular au alle Rabbinen zur Bildung einer Pensionskaffe für die Rabbinerwittwen, da die staatlichen und kommunale» Zuschüsse ungenügend sind; es sollen den Rabbinern 2*/t von ihrem Gehalte für diese Kaffe zurückbehalten werde«. — Die hiesigen isr. Blätter (Arohi▼•• und Unitrer•) veröffentlichen thetlS in wörtlicher Uebersetzung theils im Auszuge die Erklärung der deutschen Rabbiner und finden dieselbe in Form und Juhalt musterhaft und, klassisch Möge nur deren Erfolg in gleichem Verhältnisse mit der Leistung sei». — Zum Besten der israel. Armen fand der fünfte Ball im Hotel Continental statt: bestehend au« 925 Personen, darunter mehrere Offiziere, Schüler der polyt«hnischen Schule. Die Oberrabbiuer von Frankreich und Pari« wohnten de» sehr gelungenen Feste bei. bei welchem auch eine Theater- Vorstellung gegeben wurde. Aefoick. Der Prozeß dcsOber-Rabb.Schuhl gegen Drummont wurde am 16. Febr. verhandelt und am 23. das Urtbeil gesprochen. Drummont wurde zu 106 Fr. Strafe und 400 Fr. Schadenersatz an den Kläger verurtheilt. Der Beruttheilt« hatte zurZeit eine anonyme Denunciation in die ״Libro paroU* ausgenommen, wonach der Oberrabbiner die Einquattiruug französischer Soldaten bei sich und deren Unterbringung anderweitig verweigert haben sollte; natürlich war an der ganzen Sache kein wahres Wott. G»qlat»d. -»«Sridge, 28. Februar. Der Reetor des St. John'« College hat ein in seiner Att einziges Geschenk gemacht. Seit einiger Zeit wird bekannllich unter Lestuog des Herrn Dr. S. A. Hirsch in dem Sitzungssaal« der St. John's Wood- Synagoge Unterricht im Talmud ettheilt. Rcv. Dr. C. Taylor hat zu diesem Zwecke der Talmud-Tora-Classe ein vollständiges Talmud-Exemplar geschenkt und dürfen wir erwarten, daß diese durch eine so schöne und werthvolle Gabe sich zu erneutem Eifer angespornt fühlen wird. Dr. Taylor selbst ist ein gewandter Talmudist und seine .Sprüche der Väter" (kirsto Aboth) gehören zu den besten Uebersetzunaea und Commentaren. welche in irgend einer Sprache geschrieben worden sind Die hiesige Universität zähle viele Talmud» - gelehrten zu ihren Lehrer» und hervorragendsten Leitern und Herr Schechter bietet Alles auf die Hörer der Universität für da« Talmudstudium zu interessiren. Es kann auch keine« Zweifel unterliegen, daß eines der besten Mittel, die gegenseifige Toleranz zu heben, darin besteht, daß Juden und Christen beiderseits bttLitteratur des andern Bekenntaiffe« i studiren. Achtung für die Schriften hat Achtung für ihre ' ־j Verfasser und deren Verehrer im Gefolge. Dr. Taylor'« edle Gesinnung wird in jüdischen Kreisen die wohlverdiente ' Anerkennung finden und nicht »erfthlen, einen wohlthueudea und dauernden Erfolg bei auderu zu zeitigen. Bei diefer Gelegenheit können wir nicht umhin, auf die ehemalige Bnbiudung von Talmud-Tora-Schuleu mit de» Synagogen hiuzuweistn. Beth Hamidrasch und Synagoge waren verwaudte und eng mit emander verbünde« Just«»».. J Lernen gehörte zum Beten. Dem rabbinischea Bort»»- folgte ein tiaddisch und das Abendgebet. -*3 ,,W dern frristehe» müßt« ich Vorträge über jüd. ־ (An Stelle vo» Talmud-Toraschule» sollten jetzt in 1 bindung mit jeder Synagoge .Gemeinde-BibliothÄeu" deren Beuutzimg allen deren Räuuteu auch gehalten werde» könnte».