Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 7 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Um dieses Bestreben zu maskiren, gebrrdet sich der Berfoffet für seine Person sehr freigeistig, der aber der Wahrheit die Ehre geben und erklären müsse, daß alles Heil allein von der Orthodoxie, von der .JüdischenjPrefse", von —Herrn Hirsch Hildesheimer gekommen sei und kommen werde. Also Rückkehr zu dem von diesem gepredigten Nationaljudenthum. Rückreformirung der jüdischen (zunächst Berliner) Gemeinde in diesem Sinn;. Proclamirung der orthod. Herrschaft über alle andern jüdischen Gemeinden, Erziehung der Jugend in diesem Sinne, Wahl einer Gemeindevertretung, die in diesem Geiste zu wirken hat, kurz: Rückkehr der Juden in den Schoß der alleinseligmachenden Orthodoxie, deren Papst zur Zeit Hirsch HildeShrimc r ist; Also darum die Anstrengungen dieses Herrn, darum die Interviews, darum die auffallend zur Schau getragene Nachsicht gegen alle anders denkenden Inden! Denn so schreibt der Perfasserder .dreifach gekreuzigten" Brochüre S. 13. ״Man mag über Religion denken, wie man will, man muß aber zugeben, daß die O r t h o d o x i e st e t S mit m e h r Eifer für die Sache des Judenthums eingetreten ist, als die halb oder ganz reformirte Richtung." Demgegenüber müssen wir betonen: Man mag über dir Richtung Geiger's denken, wie man will, noch heute und heute erst recht vermissen wir schmerzlich die schneidige Feder diese» muthigen Mannes der noch ganz andere Gegner des Judenthums m den Sand gestreckt hat als Rohling, Pickenbach unddie StaatSbürgerzeitung. der in aufreibendem Kampfe gegen äußere Feind« auf der Wacht stand, als di« Herren der Orthodoxie sich nur im Kampf gegen die Orgel und trefene Seif« als Helden erwiesen. — Und brauchen wir erst aufMänner wie Frankel, Braetz, Jo«I, Jellinek, Lazaru» hinzuweisen, die stet» in den vordersten Reihen unerschrocken gegen die Feinde des Judenthums kämpften, resp. noch kämpfen?, .Die Jüdische Presse" — heißt eS in der genannten Broschüre weiter — .ist thatsächlich das einzige jüdische Organ in Deutschland, welches die Abwehr energisch betrieb." Dieser reklamenhaften Einbildung gegenüber verweisen wir auf dielonge Reihe von Artikeln in den letzten IS Jahrgängen dieser ,Wochenschrift"*), welche beweisen, daß all' die neue Weisheit, die dir Orthodoxie jetzt auSkromt, schon verkündet war, eh« der Verfasser obiger Broschüre vielleicht deutsch lesen konnte. — Er sagt weiter: ״Das mag wohl die Ursache sein, daß man in nichtjüdischen Kreisen Dr. Hirsch Hildesheimer als den kompetentesten Sachverständigen in jüdischen Angelegenheiten bekrachtet." Mit demselben Recht könnt« man amh sagen: Prof. Rohling —, denn auchihn betrachten noch weit größere ״nichtjübische Kreise al» den kompetentesten Sachverständigen in jüdischen Angelegenheiten." E» liegt uns fern, Verdienste, die sich andere Leute erwerben wollen, zu schmälern, wir wollen nur der Orcho» doxie zurufen: Nur nicht den Mund zu voll genommen! nur nicht zu übermüthig! Den Juden aber, welche nicht zur Fahne der Orthodoxie schwören, toelche nicht den Schulchaa Aruch mit Haut nnd Haaren herabzuwürgen sich überwinden können, welche nicht oen Dunkelmännern die Herrschaft über sich zugesteh«! »ollen, welch« nicht die Errungenschaften deS letzten Jahr- Hunderts seit Mendelssohn prriszugrbcm gesonnen sind, welche gruben jüdisch, und dennoch deutsch, fromm und dennoch aufgeklärt sein zu können, ihnen rufen wir zu: Seid auf der Hut! *) >»» wr große« Zahl »««Abwehrartikel», sei hier bes»»derSauf Mc Srtltel (188S> .OrMiifttios {tgtn Orgmrifati»»". — .Ei» Vorschlag, »er »och »ich« zu sptlto»»U" hi»gö»i«s«»; »tr gebeüte» Emzel«» da««» zu ^Pröd«zire», »eil sie »ach 11 Jahre» »och »ichr z» lptt Irnmmtn. Berichte und Correfpoudeuzen. De»tfcchlM«d. MagdeRurg, S.Februar. lOr.-Eor.) Unter der Ueberschrist ״Jüdisch« Geschichtsauffassung" veröffentlicht in der heutige« j ״StaatSbürger-Zeitung" (in der Rubrik: Wissen sch astrein?z Anonymus einen längeren Auffatz über den seligen Prof. :J ®ratg. Der Herr bringt Eitate aus dem einen Band von. -• Gräetz' Geschichte, der ihm zufällig zur Hand gewesen zu sein 4 scheint und erklärt das naiver Weise wie folgt: '{* ״Um den Geist des Buches kennen zu lernen, genügt ■ף es glücklicherweise, einen oder den andern Band durchzublättern." Er wundert sich dann weitcr, daß ״ein solcher Z Mann in cinerprcußischen Universität wirken kann"' und ine Redaftion der ״Staats bürger-Zeitung' druckt diese«. Satz mit gesperrten Lettern, scheint also gleich ihrem feige«. v Anonymus der Meinung zu srin, daß Graetz noch lebt. Grartz.« ist nach diesem Herrn ״zwar jüdischer Abstammung und in H Ungarn(!) gevocen", aber doch kein Deutscher". ״Der jüdische Geist, mag er scheinbar bei unseren schinkenessende« Reformjuden noch so schr abgeschwächt sein, wird immer *j wieder sein Recht geltend machen". — Der Mann derantisemitischen ״Wissenschaft" hat bis jetzt nur den Band -«- lesen, der daS ausgehende Mittelalter und die Reformation»- zeit behandelt, er!st enrpört über Graeg's Auffassung über Luther und den Talmudstreit und schließt seine mehr als naive Philippika mit dem Versprcchen: , Vielleicht bietet sich einmal die Gtlegenheit, eine kleine Blumenlese auch auS de«?' letzten Bänden zu geben". An uns kann eS nur sein, diesen von Ignoranz strotzenden Ausfall auf einen großen Tobten ■J ״nirdr aec zu häng-n". In dem ganzen Vorgehen liegt aber »fl Methode. Stöcker hat in seiner jüngsten Rede vor de« Ml Deutsch-Sozialen bereits einen Feldzug gegen die jüd. Proja fefforen und die freie Advokatur angekündigt. Seine Mit-^ Helferin, die ״Staatsbürger-Zeitung", beginnt darum schon, gegen einen jüd. Professor loszuziehen, aber in ihrem blinde«' User gegen einen — tobten! «-.tegnitz, 3. Febr. In der gestern abgehaltenen Bersammlung des katholischen Bürgerverein« begründete der VereinSvorsitzende seine pers ünliche Meinung, daß eS unchrist«! lich sei, agitatorisch für die Antisemiten zu wirken, deS' Näheren und führte dabei u. A. au», daß die im deutsche« Volke vielfach vorhandene Abneigung gegen Juden sich theil»^ weist zur Leidenschaft und zum Haß auSgebildet habe. Jm'-i Judenhaß aber wurzelt der AntrsemitiSmuS. Leidenschaft^ mache blind und ungerecht. Die Judeahctze sei ebenso ua-. gerecht und unchristlich, wie die Katholiken Hetze. Redner " unterzog hierauf die Haltung der verschiedenen gegnerische» ׳ Parteien während der EulturkampfSzeit einer eingehende«- Besprechung und äußerte sich dahin, .daß vornehmlich In de«- und jüdische Presse e« gewesen stien, dst damals daS Zustandekommen der Ausnahmegesetze gegen di« Katholikr« betrieben und mit Freuden kegrüßt hätten." Diese lrtzere Aeußerung ist grundfalsch und schon wie«) derholt widerlegt worden. Keiner der jüd. Abgeordnete»? hat z. Z für jene AuSnahmegesttze gegen «ns. kathol. Mit-1 bürger gestimmt, einer der Hauptredner (LaSker) hat stine war-) neude Stimmen gegen die Ausnahmegesetze erhoben. In ta«eq selben Sinne sprachen sich die jüd. Fachblätter an». Für), die Stellung, welche einige liberale politische TageSblätter — welche der Herr VereinSvorsitzende in ganz unberv ' Weise mit dem Toüectiv-Namen ״jüdische Preffe" bez (weil deren Verleger, Drucker, einzeln« Redakteure und! arbeiter zusälligjüd.Namen führen )—ei»nahmen,istdochwah da» Judenthum nicht verantwortlich. DaS muß doch jeder I denkend« Katholik «insehen. Wiodthorst hat dies stet» dankend) anerkount, «ad darüber gewacht, daß in seine» Reihe« Judenhaß auftomme. Seit Wiudthorst'S Tod ßist d« semitiSmuS auch iu'S Eentrum eiugezogen, waS tief zu bauern ist. D!e Aufgabe treugläudiger Katholiken