Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 5 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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werker zinsenlos uiit Zurückzahlungen von 1—5 fl. monat-!:cd. Eine der wshlthätigsten Einrichtungen aber ist die vom seligen Schwabach:: begründete und vom Vorstand mit rastlosem Eifer entwickelte und beförderte Bespeisung von armen Schulkindern. Gegenwärtig erhalten 660 Elementarschüler Knaben und Mädchen an jedem Schultage ein nahrhaftes auSBrod, Fleisch und Zuspeise bestehendes warmes Mittagsmahl. Die Aufsicht über die Vertheilung versieht ein von Frau Rabbiner Dr Anna Caro geleitetes Damencomitä. Zuletzt ober nicht als das Geringste erwähnen wir der Markus Bernstein-Stiftung mit einem Vermögen von 80 000 fl. zur Erz rhung israelitischer Handwerkerlehrlinge. Tiefe unter der Leirung des jeweiligen Rabbiners und eines aus 17 Mitgliedern bestehenden Comitä's stehende Stiftung erhält eine von der Regierung nnv dem Lande subventionirle Gewerbe-Fortbildungsschule und bringt 20 Lehrlinge bei Mciitern, welche ein schwereres Handwerk betreiben, uitzer. Die Stiftlinge werden außerdem anständig gekleidet, von Vereinsorganen beaufsichtigt und nach der Freisprechung ausaiebig unterstützt. Das Lehrgeld in der Höhe von durchschnittlich 100 fl. zahlt die Stiftung ebenfalls. Rechnet man noch die großartige private Wohlthätigkeit hinzu und die bedeutenden Summen, welche bei außerordentlichen Nothständen gesammelt werden, so wird man zu geben, daß die Lember^er Israeliten den Ehrennamen: ״Söhne der Barm- Herzigkeit" mit Recht verd'-nen und der Erziehung zur Moral und Sittlichkeit durch einen geprügelten Advokattnschreiber nicht bedürfen. — Berichte und Correspondenzen. De»ts«dl«»d. M«gdeß«rg. Bon hoher, ja höchster Wichtigkeit ist der ablehnende Bescheid, den der Professor der Theologie Dr. Strack nach erschöpftem Instanzenwege nunmehr auch vom Herrn Justizminister auf den von ihm bei dem Staatsanwalt des Landgerichts und dem Oberstaatsanwalt deS Kammergerichts gestellten Antrag, die Urheber und Verbreiter des bekannten in Millionen Exemplaren als Flugblatt verbreiteten .Talmud-Auszuges", welcher die Juden als Berdrecher von Rrligionswegen hinstellt, zur Verantwortung zu ziehen. ״Wenn die Behauptungen des Flugblattes wahr sind, so muß gegen das Judenthum als solches von Staatswegen erngeschritten werden; wenn sie aber nicht wahr sind, darf ihre Verbreitung nicht ungehindert bleiben" — lautet die streng logische Rechtsforderung des Antragsstellers, der eine Anzahl streng wissenschaftlicher Wioerlegnngsschristen gegen Rohling, Ecker und JustuS (Briemann), aus deren Lügenöucher jener Talmud-Auszug zusammengestellt ist, beigelegt waren. Man sollte glauben lsrriuw von datam, ein Drittes giebt's nicht, als, entweder Erhebung der Anklage gczen das Judenthüm, damit dieses dir Lügenhaftigkeit der gemachten schmählichen Berläumdungen vor Gericht dar?»legrn in die Lage versetzt werde, oder Verbot der Verbreitung jener verleumderischen Flugblätter. Aber siehe da — es gab noch em Drittes: die Ablehnung des Antrages! Der kurze Bescheid des Herrn v. S che ll i n g, vom 19. Dezbr.!892 datirt, lautet, ,daß er nach Prüfung der Sachlage keine Veranlassung finde, die ablehnende Bersügung des Staatsanwalts zu Berlin vom 23. Oktober im Aufsichtswege abzuändern." — Also die Juden können im Nechtsstaate Preußen ungestraft von einem Lumpengesindel Verbrecher geschimpft werden'? — Auch hier gilt das Wort: ,Wehrt Euch selbst!" M«ßb«»»rß. Herr Prof. Martin Philippsobn, dessen Schwiegervater in Görlitz ein potenter Mann ist, hat wahrscheinlich in Folge dieser Beziehung von dem Görlitzer Ao»ttä zur Errichtung einer Ruhmeshalle den Auftrag er- .halten, «in Buch über Kaiser Friedrich zu schreiben. Herr Prof. Philippsohn hat ein schönes Buch geschrieben, einen stattlichen Band von mehr als dreihundert Seiten. Herr Philippsohn leitet mit Recht den Liberalismus de« Kaisers Friedrich nicht vom Einfluß der Kaiserin Victoria oder de» Prinzregenten Albert her, sondern nimmt an, daß diese liberalen Neigungen ein Erbtheil der Kaiserin Augusts gewesen sind. Diese Kaiserin war allerdings keine Frenndm des Kulturkampfes, keine Freundin Bismarcks, darum hat sie lange Zeit als Kryptokatholikin gegolten; sie war in Wahrheit duldsam und freisinnig wie eine Jüngerin Göthe'S. Sehr viel ist auch in dem Buche. Philippsoha'» von der Absicht Kaiser WihhelmS die Rede, beim Beginn de» BerfassungSkonfliktes zu Gunsten des Kronprinzen abzudanken. Es ist nicht wahrscheinlich, daß König Wilhelm diese Absicht wirklich gehegt und ausgesprochen hat, so ist eS noch weniger wahrscheinlich, daß der Kronprinz dazu gekommen ist, zu diesem Plane Stellung zu nehmen. Die Liebenswürdigkeit des Kronprinzen tritt in der Schilderung leuchtend hervor. Hier rin kleiner Beitrag zu diesem Kapitel: Da» kronprinzuche Paar war im Herbst 1868 zu d:n Manövern i« Stettin. Damals bewegten sich Könige und Prinzen noch freier unter dem Volke, al» dies heut zu Tag« vielleicht möglich ist. Die Kronprinzessin war einige Schritte ihrem Gemahl vorausgegangen, der Kronprinz folgt: sogleich. Ein Bürger, der den Prinzen nicht sah, sagte zu seinem Genassen: ״Schön ist sie nicht״; der Kronprinz hörte die» Urtheil und wandte sich zu dem verblüfften Manne mit den Worten: ״Aber desto liebenswürdiger." Ergreiftnd ist die Schilderung des Schicksals de» sieg» gekrönten Feldherrn, der nach dem Kriege daheim von allen Regierungsgeschästcn ausgeschlossen war und fast gar keinen Einfluß hotte. Was man sich gegen ihn herausnahm, beweist ein von Philippsohn angeführtes Beispiel: Der Prinz : hatte für den Posten eines Direktors der Museen Hettner oder Springer vorgeschlaaen; Mühler, der KultuSm imstrr, י nahm den Vorschlag an, kümmerte sich aber darum gar nicht, ׳ sondern gab das Amt einem Verwandten seiner Frau der : strengen Frau Adelheide. Der Kronprinz beschwerte sich: aber diese offenbare Unart und Illoyalität hätte den Sturz Wühlers nicht herbeigeführt, wenn Wühler nicht yuch s onst mißliebig gewesen wäre. Auch Philippsohn redet viel von. der Depression des Kronprinzen in der späteren Zeit seine» Lebens. Diese Depression wäre leider nur zu gut erklärlich» aber sie kann jedenfalls nicht sehr stark gewesen sein, wenn wir daran denken, wie schön und markig und mit wie mäch- ־ tigern Organ der Kronprinz bei öffentlichen Anläffen gesprochen hat. Der Krankheitsbericht giebt viel zu denken, was sich gar nicht aussprechen läßt. Philippsohn'S Buch ist einfach stilisirt und eignet sich für größere Volks kreise; es ist erfreulich, daß ein Jude es geschrieben hat. Merkt», 19. Januar. Die heutige ״VolkSzeitung" vev» i öffentlicht den nachfolgende» ״Auftus", der an die Mitglieder : der hiesigen Gemeinde versendet wird: ״Die Ereignisse der jüngste» Vergangenheit haben gezeigt, in welcher gewissenlosen Weis« Ler Sntisemiiilmu» weiteren Volksschichten einzuimpsen versuibt wird. Nicht vieler Worte bedarf eS, um di« sahcen zu schildern, dt« sich hierau» ergeben. Mit außerordentlicher Rührigkeit und unterstützt von sehr großen Geldmitteln detreiben schon seit Jahren die Antisemiten ihre Agitation; uns fehlen die entsprechende» materiellen Mittel, um in um», fassender Wirksamkeit den auSgestrrute» Verleumdungen und Ber»: dächtigungen entgegenzutreten, die immer gefährlicher werde« müssen,^ wenn ihnen nicht nachdrücklich die Wahrheit gegenübergestellt Um für diesen Zweck Mittel zu beschasfea, sind die Unte zusammenaetrete»; sie wollen in»besonder« dnrch Flugblätter, Broschüren, dnrch Wanderredner jene falsche» Behau bekämpfen, welche antisemitisch« Flugblätter, antisemitisch« antisemitische Wanderredner mit der Absicht anSstrenen, «llmäh steattbürgerltche und soziale Stellung der Inden zu untergraben, j