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Israelitische Wochenschrift · 1893-01-20 · 4 (20.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
4 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Wir fragen erstaunt, ist die Langmuth GotteS gegen dirscn übermüthigen König nicht allzu groß! Bedurfte tt so vieler Mittel für den allmächtigen Gott um diesen Uebermuth ,u drecken! Dir heilige Schrift meldet das Wort Gottes: .Ich lasse verstockt sein das Herz Pharao's, daß ich meine Wunder metne." Aber an dieses Wort knüpfen sich nur neue Fragen! Ist Gott ruhmsüchtig wie ein Mensch, daß ihm daran gelegen ist durch seine Wunder Bewunderung zu erwecken? Braucht er diese Mittel, da ja die Erd« voll ist seiner Wunder und seines Ruhmes? Aber nicht um seinetwillen, sondern um Israels willen ließ Gott dieses Erlösungs.verk so langsam fortschrriten. Das ist der Flnch des SklaventhumS, der sozialen Erniedrigung, daß sie nicht nur den Körper quält, sondern auch Geist und vxiz erniedrigt. Di, Schrift erzählt, bevor sie uns von den Plagen berichtet, wie Mose durch eine markige, mannhafte Rede den Geist des Volkes erwecken wollte, daß es vertrauend seinen Blick zu Gott erhebe, und wie diese Rede eindruckslos verhallte, iveil sich diese armen, verschüchterten Menschen einen Starker« als Pharao gar nicht denken konnten, weil ihnen Pharao ein Gott war. 'Da gehörte es -um Erziehungswerke Gottes an diesem Volke, daß der Schrecken, den Pharao's Name ihnen einflüßte, langsam wich; hätte nach ein er Plage, die Gott über ihn fügte, Pharao nachgegeben, dieses Sklaven- Volk wäre gar nicht vorbereitet gewesen für die Freiheit, das Gnadengeschenk der Gottheit Aber in der langen Leidenzeit, die Gott über Pharao und Aegypten verhängte, erwachte allmählich der fast erloschene Lebensmuth der Israeliten, sie sahen diesen Pharao, den sie wie einen Gott fürchteten, zitrcrn und beben in seiner Ohnmacht, sie sahen dies Schauspiel so häufig, daß er ihnen verächtlich wurde, und sie tristen heran für die Freiheit, dir nach langer Erwartung ihnen um so theurer war. Unsere Alten wenden auf das LoS Pharao's den Spruch an: מןששיאלי־ת הגאה אלא מן הורא. .Vom schlechten Baume giebt es nur einen Nutzen, wenn er gefällt wird'; vom schlechten Menschen nur wenn er untergeht.' Weil Pharao sich sträubte, weil sie langsam der Freiheit entgegenschritten, konnten sie auch von der Seele die Fesseln streifen, mit denen Aegypten sie geknechtet hatte. Nach zwei Richtungen liegt ein Vergleich nahe zwijchen dem Erlvsungswerk des alten Israel und der Befreiung Israels in unseren Tagen. Als die! Israeliten aus Aegypten zogen, glaubten sie, nun sei alle Volp vo.'über; aber in Wahrheit mußten sie noch oftmals streiten, um das errungene Gut zu behanpten, und sodann gehörte es zum Plane Gottes, daß Pharao erst der zehnten Plage wich, damit die Israeliten auf das neue Leben, auf die neuen Aufgaben sich cinrichteten. Auch als wir nach langer Erniedrigung eintraten in -iech und Glied der andern Bürger, als aller Orten ein freier Gecst sich regte und die Mauern de« Ghetto niederbrach, als ganz wie in Egypten Gott für uns stritt, der heilige <--ei st der Menschlichkeit und der Verbrüderung, und wir nur uhig zusehen dursten, wie edle Männer nichtjüdischen Bekenntnisses unfern Steit stritten und siegreich zu Ende führten, da hielten wir die Entscheidung für eine endgültige, für eine unanfechtbare. Wir vergaßen, daß das Festhalten oft noch schwerer ist als Las Erwerben, daß all die finstern Mächte; die uns übel wollen, die religiöse Unduldsamkeit, er sociale Hochmuth, die Mißgunst, das eingewurzelte! ״orurtheil nur zurückgedrängt, noch nicht erstickt waren und auf einen günstigen Moment lauerten, um wie überqaupt über alle Errungenschaften de« freien Bürgerthums, so auch über die den Juden gewordene Gerechtigkeit herzu-?alle«. Nun sind wir in letzter Zcrt deuilich genug daran erinnert worden, daß unsere Feinde noch leben, aber es sind keine neuen Widersacher, es sind uur die alten, die chr Gewand ei» wenig geändert haben; ja es giebt sogar einen mächtiges Geheimbund, der laut die Parole der Menschlichkeit ver-H kündet und doch auf deutschem Boden die Juden zur Zelt,/ als unsere Gleichberechtigung gar keine Gegncr zu habe»" schien, ausarschlosirn hat: diese Heimlichen sind vielleicht' unsere gefährlichsten Gegner. Wir sollen wachsam sein aber nicht zaghaft; es, ist nichts Außerordentliches, was uns jetzt begegnet, sondern^ es ist der Lauf der Welt, daß wir da» jüngst Errungene ׳ vertheidigen müssen^ eS ist natürlich, daß die BertreterA veralteter Vorrechte und Borurtheile noch einmal-, ihr Glück erproben. Sehr viele rühmen sich, um uns herabzusetzen, der Dienste, die ihre Vorfahren dem Baterlande geleistet haben. Oft mag hierbei das Wort de« Dichters gelten: ,War dein Vater so groß hier am Hofe und hat er so viele nützliche Thaten gethan, das mag wohl lange schon her sein; ich erinnere mich's nicht; auch hat mir's Niemand berichtet." Wir haben die Pflicht uns zu wehren; das ge-׳ schieht fteilich am besten dadurch, daß wir uns bemühe», bessere Bürger zu sein, als die Anderen, und jüdische und deutsche Tugenden in uns su vereinigen. Als einst einem weisen Manne ein hohes Staatsamt angeboten wurde, das anzunehmen ihm!ein Gewissen verbot, und seine Frau ihn zur Annahme bereden wollte, sagte er: .Meine Frau will in Karossen fahren und ich will ein ehrlicher/ Mann bleiben.* Es muß als die Grundlage aller Ehre unter uns gelten, rm ehrlicher Mann zu fein. Mosewar schwerzüngig; dennoch wars seine Rede gewaltig, denn, sie kam aus einem ehrlichen Herzen. Und sodann, dir Israeliten in Egypten haben sich; diewar " das Erziehungswerk Gottes, langsam auf die Freiheit vorbereitet.,ך Vielleicht ist Manchem von uns die Gleichberechtigung vor," Jahrzehndcn zu rasch gekommen. Dir politisch« Gleichstellung kann dekretirt werden. Aber wir können uns nicht mit all? den Fehlern, all den Unarten des Ghetto in den deutschen ß Staat hineinstellen. Unzählige deutsche Israeliten haben sichi völlig hineivgelebt in die deuische Volksseele, daS »st möglich;^ ohne unsere Heiligthümer zu verleugnen. Nur müss»^ wir nicht allen Bal.'rst der Jahrhunderte sogleich als unser e Heiligthum proklamiren; der Staat fordert unser Gut uudI Blut, wir aber müssen ihm noch mehr leisten, wir müsse» s unser Herz und unser» Geist ihm weihen. Wir braucht»^ nur in manche Synagoge unserer Brüder zu treten, unbV' wir werden finden, daß das Ghetto aus deutschem Bodens hin und wieder von Juden selbst aufrecht erhalten wird;! manche Unsitte, manche unpassende Redensart giebt es. die ' dem Juden alten Schlages entschuldigt werden konnte, de» deutschen Staatsbürger nicht. / Wir haben Grund, über Unrecht zu klage», das unsgeschieht, um so eher sollen wir uns hüten, daß uns nicht! mit Recht Unrecht vorgeworfen wird. Nicht nach de», '; was der Tag uns bringt oder nimmt, sollen wir die' salr Israels wägen. Das Judenthum ist ein« GeisteSmacht,1 darum hat es Feinde. Wir müssen auf den Kampf gerüstet sein und den Frieden anstreden, wir müssen uns an«^ schließen an deutsches Lebe» und deutsche Sitte, und Brrtrauen haben, daß der freie deutsche Geist di« bösen überwinden und es auf deutschem Boden auch für uns Juv .gut und lieblich ftin werde wie unter Brüdern zu wohnen.* 8. L ־ Lirve ptbuu Mchste» wie Pich ftCßß. «sch einer christliche» «nstast»»,. -K »Dir hatten dir Absicht mit der bisherigen Lrietrrnng über verhältniß zwischen Sauer und Jude einstweilen cbznschurste«, ־ liegen ans heut, noch ei«paar Beiträge vor, «elch« wir un~ einer hinlänglichen Aufklärung nicht unterdrücken möchte». S . * ichtig «rscheärt an* die zuschüft mm Guwbesttzer», well st« an»]

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