Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 3 (14.1.1893)
- Date
- 1893-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492344-5935087-5962185--1410-5375520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
seit Jahrhunderten auf den engen Krei» von Küche und Kinix-rpflege beschränkt hatte, daß es lange von dem Manne in Abhängigkeit gehalten, wie ein rechtloses Geschöpf von dieser» behandelt wurde, wie ein Lastthier arbeiten mußte, ging Rednerin zu der Stellung de- Weibeim alten Israel über. Im Gegensatz zu den alten Germanen, welche die Frau verkaufen, ja verspielen dursten, hatten die Juden ihren Gattrinen, eine würdevolle, den Männern gleichberechtigte Stellung «ingeräumt. Sie waren die Gefährten, die Ge» hilfinnneu ihrer Männer. Die Rabbiner haben im Talmud, diesem jetzt so geschmähten und viel angeseindeten Wirke umfassende Maßregeln für die Stellung der Frau als Gattin und Mutter getroffen, und dementsprechend een offen sie eine Werthschätzorg wie bei keinem andern Volke. Sie konnten aber auch durch diese ihre Stellung veredelnd rinwirken auf ihre Umgebung, besonders auf die Erziehung der Kinder. Diese Thatsache allein hat das reine, sittlich-musterhafte Familienleben im alten Israel zur Folge gehabt. Bei aller Verehrung des jüdischen Weibes, fand keine Anbetung, teine Verhimmelung desselben statt, wie dies zur Zeit der Minnesänger der Fall war. Das jüdische Weib von Heu» aber, so schloß die verehrte Rednerin, setzt mehr Ehre darin für eine Kopie als für ein Original zu gelten, ob mit Recht, bleibt dahin gestellt. — Den nächsten Vortrag wird Herr Stadtrabbiner Dr. A. Schwarz, der zur Aller Bedauern vor Ostern nach Wien als Direktor des neu dort zu eröffnenden RabbinersrminarS geht, über den Gaon Saadja halten —- § 3>T«»ftro, 7. Januar. (Or.-Eor ) In unserem, außer in Wahlzeiten sehr stillen Gemeindeleben, das sonst höchstens in den Vereinen pulsirt, haben die diesmaligen Gemeinderaths- Ersatzwahlen viel Staub aufgewirbelt. Zündstoff, der sich schon seit Längerem in einzelnen Gemeindekreisen angesammelt hatte, der Kamps eines maßvollen Fortschrittes gegenüber einer stürmischen Reform im Innern, wie Verschiedenheit der Anschauungen über das Auftreten gegenüber An» und Eingriffen in Cultusangelegenheiten von Außen, anörrrseits kam in lebhaftkn, ja erregten Versammlungen, wie auch in dem Wahlresultat des 29 November v. I. zum Ausdruck. An dicsem Tag« bethriligtrn sich von 506 Wahlberechtigten 294 an dem Wahlakt und ergab derselbe u. A. die Wahl des bisherigen Deputirtrn Herrn Kaufmann Adolph Salzburg zum Vorsteher an Stelle des, aus Gesundheitsrücksichten sein Ehrenamt niedcrlegenden Herrn Generalconsul ־׳. D. Banquier Makiewicz, sowie die Neuwahl des Herrn Fabrikanten Jevn Scherbel zum Deputirtrn. Dies und verschiedene Vorkommnisse vcranlaßtrn die Vorsteher Commerzienrath Joseph Bondi und Rechtsanwalt Emil Lehmann, sowie die Dcputirten Herrn Banquier Oscar Lesser, Getreide- Händler M. Mehrländcr, Fabrikbesitzer und Kaufmann Felix Meyer, Kunsthändler Eomund Salomo!« und Priv. Albert Wolf zur freiwilligen Amtsniederlegung. Hierdurch machte sich der für gestern, den 6. Januar ausgeschriebene 2. Wahltag nöthig. In einer zahlreich de» suchten, lebhaften Versammlung am 2. Januar wurden neue Candidateu aufgeiirUl und durch Probewahl angenommen. Dieses Ergcbni» bewies die fortgesetzte Erstarkung einer Partei, die sich durch den Einfluß des Vereins- und Logenlebeas, und wohl auch durch das energische Wirken des Herrn Dr. Winter, gebildet hat und sich wieder mehr der Erhaltung religiöser bezw. cercmonieller Institutionen hinneigt. Dory auch die Gegenpartei rührte sich nun und unter dem Parier .Frieden m der Gemeinde" sandte sie in etngr am 4. tS. Mts. nicht minder gut besuchten Versammlung ihre bester! Redner ins Gefecht und das Reiultat war .als Aussdhnung" d׳.e Annahme t-cs Vorschlages: d׳.e W ie d e r w a h l der freiwillig Ausgrschiedenrn und Zuwahl defrüher schon einmal dem Kollegium angrhört habenden Herrn Banquier A rn h o l d zu Deputirtcn. Am gestrige» 2. Wahltag (6. Januar, in Sachsen als Feiertag gehalten) stellten sich von SOS Wählern i i ־־- ־■* nur 169 an der Lschl«r»r«i». DoS Wahsirgebniß dir fast einstimmige Wiederwahl sämmtlicher obengenannte» AuSgefchiedene». Der Ausfall der Wahlen wird natürlich lebhaft besprach«« und verschiedenartig beurthellt. — An der bisher bewährte» Umsicht der Leiter der Dresdner Gemeinde wird enur lieg«, daß der als Parole auSgegebene .Friede in derselben", der in solchen Zette», wo egut. mannhaft festzustehen und wo nöthigaustrettn gegen äußere Feinde, gegen An- und Eingriffe besonders wünschenSwerth erscheint, auch in Wirklichkeit erhalten und fest gesichert bleib«. Münche», 8. Jauuar. Die Leipziger, im antisemitischen Fahrwaffer segelnden ,Grenzboten" veröffentlichen eine Kntik über da- Verhalten der konservativen Parteiführer und knüpfen hieran sowie an die Besprechung de» konservativen Parteitags eine Darlegung der allgemeinen Richtung, in der nach ihrer Ansicht die konservative Partei vorzugehen hätte. Der Schluß des nach mancher Richtung hin bemerkenSwerthe« Artikels lautet: .Der Antisemitismu» begeht den Grundsehler, daß er zwei Frage» zusammenwirst, die von einander getrennt und verschieden behanoelt werden müsse», eine nationale und eine soziale Frage. Well ee diese Fragen nicht »rennt und an» ihnen eine allgemeine Judensrog» macht, muß er eine demagogische, in Zielen und MUtelu unNare und unsruchtbare Bewegung bleiben. Die nationale Krage, die Frage, ob da» Judenthum a>» «affe unser «olksttzum schädig«, ist aber «tue berechtigte Frage nur iusoweit, al» e» sich um die Berdütung künftiger Einwanderung de« Judenthum» au« dem Osten handelt. Die Juden, die wir bisher in unser Bolksthum ausgenommen haben, können ■it nicht wieder abstoßen. well sie mit tausend Fäden schon mit im» znsammenhängen, «eil sich ein« Grenz« zioischen ihnen und den Deutsch» weder nach Raffe noch nach Religion ziehen läßt. Sie sind deutsche Staatsbürger, manche von ihnen sogar vorrresstiche deutsche Staat»- bürger geworden, und wir miffen sie al« solche anerkennen «it »l len Rechten, die demschen Siaa,»bürgern zukommen. Wo» in nationaler Beziehung allein geschehen kann, da« ist nur, daß der tkinwandernn, au» Polen und Galizien ein Riegel vorgeschoben werde. Alle« Uebrin» ist vom Nebel, weil e« nndnrchsüdrbare Forderungen enthält, und ist auch gänzlich unnöthlg, weil, sobald nur die sernere Linwandernntz unmöglich gemacht wtrd, da» deutscheBotk die bi« jetzt ausgenommen» Juden aufzusang« die «rast Hai. Diese Juden sind Deuische und sie -Z muffen el dleiden. Gegen »lese Rittbürger können wir unmöglich ein Ausnahmegesetz »ach«. ׳י. Die sozialen Uebelstände, die wir beklagen, Selbstsucht nutz Habsucht, unredliche» Gesihäsisgebahr«. Rrofitwurh, Unsittlichtest und Ueppigkei», und di« unser Antisemitismus den Juden allein tu die ,.4 Schuhe zu schieben für gut find«. zeigen sich ebenso »ie bet u u« auch, L in anderen «ulturnationen. dte weniger als nir mit Jud« durchsetzt find, tn gleichem, ja in schlimmerem Maße, und sie zeigen sich auch Z bei uns nicht nur tn jüdische», soadern auch i» sehr germanischem. *3 «reisen. Ls sind allgemeine Uebelstände, an denen zwar die Jud» <£ einen hervorragenden Anthell baden, die aber nicht tn ihn«, sondern, in einer schlechien sozial« Blntverlhriinng ihren Grund haben, nndS die nicht mit den Juden, sondern erst dann beseitigt sei« iverden, wenn , diese schlechte Blmvertheilung in unser« «olkskörper geheilt Ist, wenn. ' der Rttnelstand wieder erftnrl« ist, und wenn endlich dem weitern Zer» " fall unseres Bolkes in wenige Besitzende einerseits und eine Unzahl Besitzloser andrersrit« Einhalt gebot« ist.- fiu* Aeffe», 6. Januar. (Or.-Eor.) In Groß-Umstadt " (Oldenwald) starb am 1. d M. im Alter von 76 Jahre» - Herr Schloßverwalter M. Simon, ein Mann, dessen Lebe». % י 4:־ 1 3 und Charakter eine schlagende Widerlegung so mancher anti» semitischen Behauptungen waren. Der Verstorbene hat einunv sechzig Jahr« hindurch als Verwalter der ausgedehnte» Güterder hiesigen Schlosyerrschast,derFreih:rrn v. Da mbolt, gewirkt. Das unbegrenzte Vertrauen, dessen er sich von Seiten derselben zu erfreuen hatte, ist um so bemerke««- werther, als die Herren v. W, wie bekannt, zum Odenwald« Uradrl und den hrrvorrageudsten Repräsentanten de« strengsten Katholizismus in Hessen und Baden gehdre».^ Eine Tochter des Gr.-UmstLdter Schloßherra ist sogar vor ' einiger Zeit in ein Kloster eingetretta. Der strenge Kat' ziswus hinderte aber die Herren v. W. nicht, Herrn Si einem Juden, mit der Verwaltung ihrer ausgedehnten Umstädter Besitzungen 6t Jahr« hindurch zu betraue«. S. kam nämlich schon al» ISjähriger Knabe auf'S Schili Er machte später oen Kursus eine» Geometer« durch, aber nach Ablegung seine« Examen« in seinen