Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 3 (14.1.1893)
- Date
- 1893-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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feit rächt sich. Bi« zu nur« gewiffen Grad« ist^iie antisemitische Bewegung in Deutschland ein traurige» Produkt dieser Einseitigkeit. Die Verrohung de» Gemüthe» und die Berwilderung de» Gewissen» ergeben einen geeigneten Nährboden für Verhetzung von Menschenklaffen gegen einander. Di« Excesse in Tanten, welche in seiner unmittelbaren Näl)« sich ibgespielt, geben ihm.da» traurige Recht, auch heute von Judenverfolgungen in unserem deutschen Vatrrlande zu sprechen. Woraus gründet sich die ganze fanatische Berheuung? Aus Neid, auf schäbigen, gemeinen Brodneid, aus Abneigung gegen eine fremde Stammes- und Glaubensaenossenschast, auf den politischen Chauvini»mus der deutschen Jugend, dir das Ideal der deutschen Einheit durch die Juden angelastet wähnt. Wir stimmen dem Verfasser bei. daß seine Argumente hier Platz greisen Nur halten wir die Ursachen der Antisemiterei damit noch nicht für erschöpft. Deutschland hat doch geimg andere interkonfessionelle und internationale Elemente in seiner Mitte. Warum wird der Haß nicht gegei diese Minderheiten geschürt? Diese Elemente der Minorität habcn eine Stütze in ihren Stammes- Snassen, die im Bölkerconcert ihre politische Selbstständigit behaupten. Diese sind immer in der Lage, ihrer im Auslande verfolgten Stammesgenossen sich Lurch ihre politischen Vertreter praktisch oder doch moralisch annehmen zu können. Darum wird gegen sie der Instinkt der fanatisirten BoikSlridenschaft gar nicht erst aufgerusen. Der Jude aber, welcher von der diplomatischen Vertretung eines Staates keinen Schutz zu erwarten hat, ist für den fanatischen Mob und seioe herostratischen Heerführer der erwünschteste Prügelknabe und der geeignetste Sündenbock. Was ist angesichts der jetzigen Judenverfolgung zu lhun? Mag chcr Ruf de» Verfaffers in dir deutschen Lande und darüber hinaus dringen, der Ruf, welcher an alle gebildeten Deutschen germanischer Herkunft ergeht: .Schaart Euch zusammen im Kampfe gegen die Unduldsamkeit!" Doch es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, den Inhalt dirftr beachtenswerthen Schrift irr nnce wiedcrzugeben. Die Aufmerksamkeit de« intelligenten, Deutschen israelitischen Bekenntnisses wollen wir auf diese warmherzige, .,!it logischer Klarheit, in präciser Form und bündiger Kurie ausgeführte, lichtvolle Kundgebung des geehrten Verfasser« lenken. Im weiteren Verlause seiner Darstelluug verbreitet er sich über: die antisemitische Kampfe«, art, eine Ehrenschuld des deutschen Volkes, die geistige Entwickelung unterdrückter Völker, die Folgen israelitischer Knechtschaft, die Unverwüstlichkeit der jüdischen Tugenden, die Juden des AlterthumS, über die sogenannten ״jüdischen Fehler", die Trübung der Urtheilskrast durch den Hatz und die Lösung der jüdischen Frag«. Aus der Fülle ernster Anrrgungen und lxachtenSwerther Gedanken seien lhier noch Sei Punkte hcrvorgchoben. Ilm etwas Heiteres in ernster, wer bedlüngtcr Zeit den Lesern zu bieten, ziehen wir einige Sätze aus, welche zeigen, wie die alte jüdische Geschichte im Hirne der ächten Judenhasser sich spiegelt. Die Sache stellt er sich etwa wie folgt vor: ״Ans semitischen Abenteurern, ägyptischen Sklaven und Verbrechern, Negern und anderem Gesindel entstand in Aegypten das jüdische Volk. Wegen ihrer Unrrinlichkeit und ihres unsittlichen L«bensw<1״dcls aus Aegypten vertrieben, schlichen sich die Juden unter Führung eines jüdisch-ägyptischm Bastards schnorrend und schachernd in Kanaan ein, überfielen, zu ftige, eine ehrliche Feldschlacht zu liefern, die Einwohner im Schlafe und schlugen sie tot oder machten sie zu Sklaven. Alles Gute, was je in Palästina geschah, war da» Verdienst dieser arischen Sklaven, die mit Gewalt zum Judenthume bekehrt wurden. Jesus war natürlich arischen Ursprungs." Da haben wir den Gipftl der historischen «ntisemitenweisheit. Lienm teneati« amlci! Die Evangelienschreiber wühen sich ab, den Stammbaum Jesu bis auf den semitischen Juden oder jüdischen Semiten David zurückzuführen Die Sache wurde ihnen nicht leicht. Wie der Kundige weiß werwickeln sich die Evangelien in allerlei geringere oder י“־־־־ ׳ * " ' ־־־*״" ־־'-־־־' ־■"“! Jahrhundert» gewartet und wären sie zu unseren Lcht arisch-teutonisch geaichten Antisemitrnhäuptliagen in die Schule gegangen, hätten sie die ganze Liebesmühe, de« semitisch-jüdischen Stammbaum Ehcisti aachzuweisen, sich einfach sparen können; denn ihre Lehrmeister hätten sie klivp und klar auf da» Axiom verwiesen: ״Jesu« war natürlrch arischen Ursprungs." Beweis: Diese These ist eine anti» semitische Axiom. Axiome lassen sich nicht beweifta. Qaod erat demonstrandum. — Der Verfasser verficht natürliche wie jeder vernünftige, vorurtheilsfreie, ernst denkende, ge» bildete Mensch, den Say: .Es giebt keine besonderen südischen Fehler." Da wird mit großem Geräusch der Em» wand erhoben: ״Wie? Giebt e« nicht jüdische Schachere^ jüdische Wucherer, jüdische Betrüger?" Gewiß es gab und giebt leider jüdische Schacherer, jüdische Wucherer» jüdische Betrüger, wir es auch christliche Schacherer, christliche Wucherer, christlich« Betrüger gab und giebt. .Im letzt« Jahrzehnt ist etwa ein halbe» Tausend Ehristen von de« deutschen Gerichten wegen Wuchers verurtheilt worden —" berichtet der Verfasser. Giebt e» demnach einen christliche« Schacher, einen christlichen Wucher? Nie und nimmermehr. Ebenso wenig giebt es einen specifisch jüdische« Schacher und Wucher? Weshalb gab und giebt es unter den Jude« verhältnißmäßig viele Schacherer und Wucherer? Wer sich das nicht erklären kann, folge den einschlägigen historische« Auseinandersetzungen Pohlmann'S mit dem Streben nach;י voller Wahrheit und er wird schließlich mit dem Berfaffer fragen: ״Wer wak" da der Wucherer? War e» der Zchde oder die Behörde?" Schwächen, Gebrechen und Verbreche!^ Laster und Leidenschaften sind interkonfessionell und inter». national. — Mit Pohlmann'S Schrift ist in der leidigen Ault» semitrnhetze da» letzte Wort noch lange nicht gesproch«. ** Wa» der Verfasser vorbringt, und wie er es vorbringt, verdient die sorgsamste Beachtung aller Deutschen, di« e» mit der Wahrheit und Gerechtigkeit genau nehmen. TendaG. der Schrift und Ausführung der Gedanken gereichen bm Gelehrten, dem Manne, dem Bürger, dem Deutschen, de«. Ehristen. de!» Menschenfreunde zur größten Ehre. Mag diese treffliche Schrift auch von den Deutschen israelitisch« Glaubeneifrig gelesen, gebührend gewürdigt und behelligt ־ werden. ,Za» ArieV««»rvort". Bon Rabbiner Dr. Singer- Loblenz. II. Aber ich bleibe dabei, es ist bei uns nicht schlimmer,^ als in den anderen Reihen, wenn selbst di« meisten Indens politisch-liberal sind, wie es ihnen ander» gar nicht möglich ist, denn dort finden sie thatsächlich noch unbefangene Bd-H* urtheilung. Der Berfaffer möge die Geschichte Schritt für! Schritt verfolgen, alle parlamentarischen Verhandln», “ durchstudiren, und stets wird er finden, daß ein Anschluß — felbst rrligiöS-conservativen — Juden an di« confervative Partei mehr als Selbstverleugnung .... gemed«^ Kriecherei gewesen wäre. In der Höhle des Basilisken suis nur ein Thor Schutz. Das Centrum — welche» trotz seiner Verbindung Welfen, Polen undProtestlern zu den staatterhalt«»»: den Parteien gerechnet wird — ist für di« Juden so ix außer Frage. Warum sollten sie nicht schon au» die Grunde, da sie sich gegen eine einst projekttrte religiöse V ttetung tapfer gewehrt haben, dem Freisinn sich anMirßeiyl selbst wenn dieser mit anderen Parteien pacttrt? Hat Bi» sich jemals die Unterstützung von .Reichsfeiadeu" verbt.^ War er nicht ein meisterhafter Bertteter der do nt d« Politik? « --- --- •־=-